Lebe anständig - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 15 / 61

Lebe anständig

• aus DER SPIEGEL 23/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn ich sage, daß ich die letzte Stadtverordnetensitzung reichlich langweilig finde, so wird mir das Dr. Suhr hoffentlich nicht übelnehmen!« Der 12jährige Kritiker - Gerhard Arnold heißt er - reckt seinen Kopf über das Rednerpult des Berliner Hebbel-Theaters und sieht Stadtverordnetenvorsteher Dr. Suhr und die drei Stadtverordneten in der Rangloge an.

Dr. Suhr lächelt hinter seinen Brillengläsern und macht Bleistiftnotizen. »Außerdem wurde immer mit Fremdwörtern geredet, die bestimmt nicht alle Leute verstanden haben. Wer bei uns im RIAS-Schulparlament*) ein Fremdwort benutzt, muß es auch erklären.« Dabei schwingt der 12jährige einen Hammer, mit dem er bei jedem Fremdwort auf den Tisch zu hauen gedenkt.

600 Berliner Jungen und Mädel klatschten vom Parkett und Rang Beifall zu dem Beobachtungsextrakt ihrer beiden Parlamentskollegen aus der letzten Stadtverordnetenversammlung.

Auf der Bühne thront der Schul-Parlamentsvorstand. Sein jüngstes Mitglied ist 12 Jahre alt, sein ältestes 17. Vorsitz führt eine 14jährige Hannelore. Sie hat dazu ihr Konfirmationskleid angezogen. Ueber dem Vorstandstisch hängt blau auf weiß das Motto: »Lebe anständig.«

Seit einem Vierteljahr tagt das RIAS-Schulparlament einmal im Monat. Fast jede Berliner Schule - neuerdings auch aus dem Ostsektor - schickt zwei Abgeordnete. Grauhaariger Alterspräsident ist Hermann Schneider, Leiter des RIAS-Schulfunks und einer der Väter des Parlaments.

»Es hat nichts mit Politik zu tun«, sagte er, »es diskutiert nur Fragen, die Schulen und Schüler angehen, und die diskutiert es parlamentarisch und demokratisch.«

Eigentlich hatte Hermann Schneider damit nur seinen Schulfunk beleben wollen. Aber nun werden Anträge, die vom Schulparlament ausgearbeitet worden sind, sogar vom Berliner Hauptschulamt akzeptiert.

Aus dem Parlament haben sich Fachausschüsse gebildet, für Literatur, Biologie, Diskussion, Naturwissenschaften, Musik, Philosophie. Wenn die Fachausschüsse tagen, werden dazu Professoren und Wissenschaftler eingeladen und Autoren, die Sendungen schreiben. »Schüler und Schülerinnen sind mit Begeisterung dabei«, sagt Hermann Schneider. »Sie spüren: hier werden sie ernst genommen. Und man muß die Jugend ernst nehmen. Die Jugend ist gut - wenn man ihr eine Chance gibt, gut zu sein.«

Auch die 20 Höflichkeitsklubs, die es mittlerweile an Berliner Schulen gibt, gehen auf Schneidersche Anregung zurück. Das Parlament hat neun Paragraphen und für jede Tagung seine Ordnung. Ein fünfköpfiger Lehrerbeirat stellt sich vor. Ein grauhaariger Rektor redet von Aeschylos. Goethe und seinem eigenen Herzen, dem jungen, das für die Jugend schlägt.

Die Lehrer reden kleine Reden, die Schüler frei von der Leber weg. Die Größe des Raumes und die Mikrophone stören sie nicht. Sie diskutieren zur Tagesordnung Punkt sieben: »Sollen Schüler oder Lehrer die Schulspeisung beaufsichtigen und sollen Lehrer auch teilnehmen können?« Stimmen aus dem Parkett:

*) RIAS = Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins. »Wir sind die Kinder, wir sollen wachsen!« - »Lehrer sind auch Menschen!« - »Warum sollen Lehrer Essen bekommen und Schüler über 18 Jahre nicht?« - »Unterernährte Lehrer sind keine Freude. Sie haben schlechte Nerven und schlechte Laune.«

Die Zeit reicht nicht. Der Antrag wird vertagt.

Ein paar Lehrer sitzen auf dem Rang. Manche schütteln den Kopf, manche reiben sich die Hände und murmeln: »Gut, gut!« Sie dürfen nicht mitreden, sie dürfen nur zuhören.

Für den Sommer plant das Parlament eine Jugendolympiade im Reichssportfeld. Den Reinertrag sollen die 2000 Kinder bekommen, die an den Folgen von spinaler Kinderlähmung leiden. Der Vorschlag geht durch.

Nächster Punkt: Die Berliner Schuljugend soll die Sportplätze uneingeschränkt benutzen können. »Es heißt immer, die Jugend lümmelt sich auf den Straßen herum und neckt die Alten«, sagt ein Dreizehnjähriger. »Ich will nicht so 'ne lange Brühe machen wie mein Vorredner, aber ...«.

Das Jugendparlament einigt sich ohne große Opposition auch über einen Bastelwettbewerb »Was Schüler in der Freizeit tun« und über die Forderung, daß Schultoiletten Türen und Fenster haben müssen.

»Haben Sie gehört«, sagt Hannelore und klettert vom Vorstandstisch herunter, »Dr. Suhr findet, unser Parlament ist eine feine Sache. Er will uns unterstützen. Er sagt, wir könnten uns auch mit Anträgen an die Stadtverordnetenversammlung wenden; das ist doch enorm!« Dann geht sie nach Hause und kocht. Ihre Mutter arbeitet und hat keine Zeit dazu.

Zur Ausgabe
Artikel 15 / 61