Leere Töpfe - DER SPIEGEL
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TÜRKEI Leere Töpfe

Die soziale Unruhe nimmt dramatisch zu, mit passivem Widerstand unterlaufen hungernde Arbeiter repressive Gewerkschaftsgesetze.
• aus DER SPIEGEL 19/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Habt Erbarmen mit den Söhnen dieses Landes«, riefen die Menschen am Straßenrand, »wir sind doch nicht in Israel.« Doch die Polizisten rund um den Taksim-Platz im Herzen Istanbuls ließen sich nicht beirren; gnadenlos knüppelten sie die Demonstranten nieder, dann fielen Schüsse.

Aus den Walkie-talkies der Ordnungshüter tönten Scharfmacher-Parolen: »Stoppt die Demonstranten mit allen Mitteln, wenn nötig mit Gewalt. Zeigt kein Mitleid.« Folge: ein Toter, 36 Verletzte, 532 Festnahmen.

Während fast überall in Europa, Ost wie West, Millionen den 1. Mai friedlich begingen, machte sich im Land zwischen Ararat und Bosporus jeder strafbar, der den Maibeginn öffentlich feiern wollte. Die Generale hatten den Tag der Arbeit nach ihrem Putsch im Jahre 1980 als Relikt des Marxismus abgeschafft.

Die Mehrheit der Arbeitnehmer hielt sich bislang an das Verbot. Doch die sozialen Spannungen im Lande spitzen sich dramatisch zu, die Schafsgeduld der Türken scheint am Ende. Im sechsten Jahr der Regierungszeit von Ministerpräsident Turgut Özal ist ein großer Teil des Volkes ins Elend abgerutscht, leiden Millionen Hunger.

Schuld daran ist vor allem die ungewöhnlich hohe Inflationsrate von etwa 75 Prozent, die Özal nicht in den Griff bekommt. Kostete vor sechs Jahren ein Kilogramm Brot in Istanbul noch 62,5 Türkische Pfund (TL), so muß die Hausfrau heute dafür 937,5 TL auf den Tisch des Bäckers legen. Die Deutsche Mark stand damals bei 102 TL, heute werden dafür etwa 1100 TL verlangt.

Die Realeinkommen der Arbeitnehmer sanken seit dem Putsch um die Hälfte. Der Mindestlohn liegt bei 76 Mark. Selbst ein Facharbeiter kommt im Durchschnitt nur auf etwa 120 Mark. Absurde Konsequenz: Ein Mindestlohnempfänger müßte drei Monate arbeiten, um den Lebensmittelbedarf seiner Familie für einen einzigen Monat bezahlen zu können.

Um sich notdürftig über Wasser zu halten, muß meist die ganze Familie schuften, die meisten Männer arbeiten 18 Stunden am Tag - in zwei bis drei Jobs. Doch oftmals bleibt nur der Rückfall ins soziale Netz der Großfamilie. Die »Turkish Daily News« über die soziale Lage der Bevölkerungsmehrheit:"Bürger Osman wurde zur Zeitbombe.«

Auf die Hilfe der Gewerkschaften können die Arbeitnehmer des Landes kaum rechnen; die wurden nach dem Putsch von 1980 handzahm gehalten, Gummiparagraphen bestimmen ihre Rechte. So darf nach Artikel 54 der Verfassung das Streikrecht »nicht in einer gegen die Regeln von Treu und Glauben verstoßenden Weise, zum Schaden der Gemeinschaft und in einer das nationale Vermögen zerstörenden Weise gebraucht werden«. Generalstreiks, Solidaritätsausstände, Langsamarbeit sind, wen wundert's, strikt untersagt. Nicht genug damit, die Gewerkschaften sind gehalten, ihre Finanzen der Kontrolle Ankaras auszuliefern; sie müssen ihre gesamten Einnahmen bei staatlichen Banken hinterlegen.

So hatten die 600 000 Beschäftigten des öffentlichen Sektors dem staatlichen Arbeitgeber bislang wenig entgegenzusetzen, als der ihnen eine 120prozentige Lohnerhöhung anbot, während der Gewerkschaftsbund Türk-Is 220 Prozent zum Ausgleich der Reallohn-Verluste seit 1986 verlangte.

Die Verhandlungen kamen nicht voran. Enttäuscht meldeten sich Arbeiter einer Zigarettenfabrik im anatolischen Bitlis: Sie glaubten nicht mehr daran, daß ihre Gewerkschaftsbosse die anstehenden Probleme lösen könnten. Nun müßten die Beschäftigten ihre Sache selbst in die Hand nehmen.

Plötzlich entdeckten sie den passiven Widerstand, die Taktik der Schwachen, und variierten ihn pfiffig: Da befiel etwa unzählige Arbeiter im ganzen Lande ein merkwürdiges Unwohlsein. Zu Tausenden meldeten sie sich krank und marschierten in langen Zügen zur Untersuchung ins nächste Krankenhaus, wo die Ärzte wie am Fließband die Behandlungsscheine abstempelten.

In Ankara stoppten Straßenarbeiter die Busse, die sie zu ihrer Arbeitsstelle vor der Stadt bringen sollten, und trotteten in langen Kolonnen über die Autobahn; der Verkehr brach zusammen.

Post- und Telegraphenarbeiter zogen in Konya ihre Hemden aus und ließen sich vor dem Postgebäude nieder. In anderen Städten erschienen Arbeiter barfuß und unrasiert, Frauen demonstrierten mit leeren Kochtöpfen. Und überall erklang der Ruf: »Wir haben Hunger.«

Eine erste Quittung hatte Ministerpräsident Özal bereits bei den Kommunalwahlen im März erhalten: Seine Mutterland-Partei fiel mit knapp 22 Prozent auf den dritten Rang unter den türkischen Parteien. Nun warnte der ehemalige Ministerpräsident Süleyman Demirel und Chef der Oppositions-»Partei des rechten Weges« seinen ehemaligen Mitarbeiter Özal: »Man kann hungernde Menschen nicht mit Kugeln satt machen.«

Schlacht zwischen Polizei und Demonstranten*: »Zeigt kein Mitleid«

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