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Bosnien Leere Worte

Serbien verfolgt gelassen die Planspiele für den Einsatz einer internationalen Friedensstreitmacht in Bosnien.
• aus DER SPIEGEL 12/1993
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Über die Funkstationen schepperte die Stimme des Generals: »Ich habe mich entschlossen zu bleiben. Ich bleibe, um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern.«

Französische TV- und Radiosender spielten die Sequenz immer wieder ab, als handle es sich um die historische Aufnahme einer Rede Charles de Gaulles aus dem Jahre 1940. Doch die Stimme stammte nicht vom hehren General der französischen Resistance gegen Nazideutschland. Aus dem Balkannest Srebrenica meldete sich der oberste Uno-Chef Bosniens, Philippe Morillon, 57. Ein tapferer Blauhelm, umgeben von kriegerischen Serben, rührte die französische Nation.

»Beispielhaft«, rühmte Premier Beregovoy seinen General, der als »Schutzschild« in der ostbosnischen Moslem-Enklave Srebrenica letzte Woche das Los von etwa 60 000 Flüchtlingen teilte, die seit elf Monaten von jeder Versorgung auf dem Landweg abgeschnitten waren (siehe Kasten Seite 169) - bis Freitag abend ein erster Hilfskonvoi durchkam. Täglich krepieren hier etwa 20 ausgemergelte Menschen an Krankheit und Schwäche.

»Jeder muß nun begreifen«, so der Regierungschef, »daß die Geduld der internationalen Gemeinschaft ihre Grenzen hat und die Serben sich dessen bewußt sein sollten.«

Drohgebärden, über die Serbiens Kriegstreiber nur lachen. Ihr sicherer Instinkt verrät ihnen: Das sind leere Worte. Hatte nicht Außenminister Roland Dumas bereits Anfang des Jahres erklärt, »notfalls« werde Frankreich »allein« und »mit Gewalt« die Gefangenen der Internierungslager befreien?

Doch heute werden nach Uno-Erkenntnis noch immer mindestens 2500 Moslems und Kroaten in Lagern festgehalten, dem Hunger- und Erfrierungstod ausgeliefert. Und der großserbische Eroberungsfeldzug geht unterdessen an allen Frontabschnitten weiter.

Schockiert schlägt inzwischen auch Butros Butros Ghali, Generalsekretär der Vereinten Nationen, härtere Töne an: »Sollten sich die Serben einem Rückzug widersetzen, müssen wir die notwendigen Mittel ergreifen.« Mit 60 000 Mann an Bodentruppen könne der Frieden notfalls auch unter Anwendung von Gewalt durchgesetzt werden, verriet er der Londoner Times.

US-Präsident Bill Clinton zog bei Ghalis Vorstoß indes nicht mit. Ein größeres Balkanengagement der USA sei mit dem Weißen Haus nicht abgesprochen und keineswegs zu erwarten. Der Präsident will nicht daran erinnert werden, daß er sich vor seiner Wahl zum mächtigsten Mann der Welt im vorigen Herbst für ein militärisches Eingreifen ausgesprochen hatte.

Heute sieht Clinton die Glaubwürdigkeit der Supermacht wenigstens durch die Hilfsflüge seiner Rosinenbomber gewahrt - während die Europäer sich nicht einmal darüber einigen können, das mögliche Arsenal an Wirtschaftssanktionen gegen Serbien auszuschöpfen.

Ein Erfolg der Endloskonferenz zum Bosnienkonflikt ist nicht in Sicht. Die immergleiche Zuversicht der Uno- und EG-Unterhändler Cyrus Vance und Lord Owen, die verfeindeten Moslems, Serben und Kroaten zur Annahme ihres Friedensplans bewegen zu können, bleibt schierer Zweckoptimismus. Hinter »letzten Detailfragen« (Owen) verbergen sich Minen, die alle getroffenen Vereinbarungen jederzeit hochgehen lassen können.

Bisher unterzeichneten nur die Kroaten die Friedensvorschläge zur Neuaufteilung Bosniens in zehn autonome Provinzen, ohne zu feilschen. Das Angebot war für sie auch zu verlockend: Die kroatische Volksgruppe stellt 17 Prozent der vier Millionen Einwohner Bosnien-Herzegowinas. Sie soll aber 25 Prozent des Staatsgebietes zugesprochen bekommen, und das in bester Lage. Das begehrte Hinterland entlang der dalmatinischen Küste würde kroatisch, ebenso das nordbosnische Industriezentrum um Bosanski Brod.

Schon diese Landgewinne mißfallen den offiziell mit den Kroaten verbündeten Moslems. Ihnen bliebe im Süden ein direkter Zugang zum Meer verwehrt und im Norden der Anschluß an die fruchtbare Save-Tiefebene, der wichtigsten Verkehrsader für Bahn und Binnenschiffahrt des nördlichen Balkans.

Viel schlimmer wiegt jedoch die Absicherung der serbischen Kriegsbeute durch den Vance-Owen-Plan. Die Aggressoren erhalten 43 Prozent des Territoriums zugesprochen, obwohl der serbische Bevölkerungsanteil nach der letzten Volkszählung vor zwei Jahren gerade 31 Prozent betrug.

Die zwei Millionen Moslems jedoch, die vor dem Krieg 44 Prozent der Einwohner Bosniens stellten, müßten sich mit den restlichen 32 Prozent der Fläche begnügen. Klar, daß die Moslems »Korrekturen« verlangen - wie die Serben.

Sie argumentieren aus der Position der Stärke und wollen ihr »befreites« Territorium - 70 Prozent Bosniens - nur »verkleinern«, wenn sie dafür Landkorridore zugestanden bekommen: zur Adria hinunter, entlang der Save und nach Westkroatien - für die Kroaten zuviel der Zugeständnisse und für die Moslems erst recht.

Aber die Unterhändler Vance und Owen vermitteln unbeirrt weiter. An die USA appellierten sie erneut, sich an einer »Friedensstreitmacht« zu beteiligen. Die Amerikaner erwärmten sich für die Idee, eine mindestens 50 000 Mann starke Nato-Truppe zu entsenden, und ersuchten ihre Verbündeten, ebenfalls Kontingente für ein Eingreifen bereitzustellen, sollte ein Friedensabkommen unterzeichnet werden.

Dabei machte Clinton-Sprecher Stephanopoulos klar: »Ein amerikanischer Truppeneinsatz kommt nur in Frage, um einen ausgehandelten Friedensvertrag zu sichern.« Washington habe jedoch nicht die Absicht, eine Friedensvereinbarung »mit Hilfe von Bodentruppen zu erzwingen«.

Außerdem wollen die Amerikaner nicht mehr als 20 000 Mann einsetzen. Die auch nur, wenn die Nato und ein US-General das Oberkommando innehaben. Dies indes mißfällt Frankreich, das Amerikas militärische Rolle in Europa nach dem Ende der Blockkonfrontation reduziert sehen möchte. Für Paris kann das Oberkommando seiner Blauhelme nur bei den Vereinten Nationen liegen.

Auch Rußland ist zur Entsendung von 12 000 Mann nur gewillt, wenn der Uno-Sicherheitsrat Moskau dazu auffordern sollte. Die traditionelle Verbundenheit mit dem slawischen Brudervolk Serbien kann Boris Jelzin nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Wer zum Angriff auf Serbien bläst, sich in den Dienst der Amerikaner stellt, das weiß der bedrängte Präsident, fördert damit die ohnehin wachsenden anti-westlichen Ressentiments in Rußland.

Die serbischen Kriegstreiber haben all diese Unstimmigkeiten längst erkannt und setzen auf den Faktor Zeit. Sie wissen: Eines Tages werden die meisten Moslem-Bastionen kapitulieren, wirksame militärische Hilfe hat die Regierung in Sarajevo kaum zu erwarten.

Nicht mehr aktuell scheinen in den westlichen Verteidigungsstäben die Planspiele zu sein, mit einem Blitzangriff serbische Flughäfen zu zerstören oder die Drinabrücken nach Bosnien zu sprengen, über die der serbische Nachschub nach wie vor ungehindert rollt.

Die Uno-Blauhelme in Bosnien nehmen unterdes ständig Demütigungen hin. Serbenführer Karazic unterstellt der Uno, die eingeschlossenen Moslems in Srebrenica hätten durch die Flugzeugabwürfe Kriegsmaterial erhalten.

So erlaubt es sich die serbische Soldateska mit Unterstützung der regulären jugoslawischen Armee, humanitären Hilfskonvois die Durchfahrt zu Flüchtlingszitadellen nach Belieben zu gestatten. Europa nimmt die Hungertoten untätig in Kauf.

Und einem Einzelkämpfer wie Philippe Morillon fällt die Rolle eines Helden zu. Der im Algerienkrieg geschulte ehemalige Fremdenlegionär soll als erster Ausländer mit einem Städtenamen auf dem Balkan geehrt werden, Srebrenica soll fortan Morillongrad heißen - aus Dankbarkeit.

Doch die Serben werden auch das durchkreuzen. Der Belagerungsgürtel um die Stadt ist bereits so eng gezogen, daß die Kapitulation unmittelbar bevorsteht. Den Eingeschlossenen bleibt wenig Hoffnung auf Rettung, dem General der Flug zurück nach Paris.

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