Leichen
Europäische Verteidigungsgemeinschaft und Europäische Politische Gemeinschaft seien »endgültig und unwiderruflich tot, wenn auch noch ein paar verstörte Hinterbliebene an den Leichnamen künstliche Wiederbelebungsversuche unternehmen«, urteilt die Züricher »Tat« bei einer Analyse der englischen Politik. »Churchill ließ sich im Laufe der letzten Jahre davon überzeugen,
daß Deutschland sich niemals auf lange Sicht mit der Zweiteilung abfinden würde. Auf der Anerkennung dieser Zweiteilung auf unbestimmte, aber sicher sehr lange Zeit waren aber EVG und Europäische Politische Gemeinschaft von Anfang an zugeschnitten. Die Verwirklichung der EVG hätte also, nach englischer Sicht, zu irgendeinem Zeitpunkt, der in nicht zu ferner Zukunft liegt, dazu geführt, daß Deutschland der Brandherd Nummer eins geworden wäre und sehr wahrscheinlich als Zugmaschine die übrigen EVG-Mitglieder ... in den Versuch gestürzt hätte, Ostdeutschland gütlich oder nichtgütlich
heimzuholen... Churchills Überzeugung, daß nur eine Lösung der deutschen Frage in dem Sinne einer Wiedervereinigung der beiden Teilstaaten Deutschland als Brandherd in Zukunft ausschalte, bewog ihn, im Mai sämtliche Europapläne, die auf dieser Teilung beruhen, resolut fallenzulassen und der Sowjet-Union einen Plan vorzulegen, der, konkret gesprochen, ganz schlicht auf ein Tauschgeschäft herausläuft: Rußland gibt die deutsche Ostzone frei und behält als Gegenleistung und als Sicherung definitiv das übrige Osteuropa, inklusive Polen, in seinem Machtbereich. Englands neue Europa-Politik, die im Mai eingeleitet wurde, gedenkt Deutschland viel zu bringen - wenn auch nicht dem Bundeskanzler Adenauer, der so gut wie sicher ihr Opfer wird.«