ITALIEN Leichen im Museum
Es ist eng, laut, schmutzig, und es riecht nach Armut. Ercolano, zwölf Kilometer südlich von Neapel, ist wirklich kein Paradies.
Michele, 31, wohnt in einem winzigen Apartment in einem Haus ohne Putz. Schon oft dachte er daran wegzugehen. Sein Bruder hat eine florierende Pizzeria in Deutschland, dort wäre Michele hochwillkommen. Aber es geht einfach nicht: »Der Vesuv hält meine Seele fest.«
So geht es fast allen hier. In Ercolano und weiteren 17 Kommunen auf den Hängen und zu Füßen des mächtigen Bergkegels am Golf von Neapel drängen sich über 600 000 Menschen. Dichter besiedelt ist es kaum irgendwo in Europa - und auch nicht riskanter: Denn der vergötterte Vesuv ist einer der aktivsten und gefährlichsten Vulkane der Welt.
Jetzt aber will die Regionalregierung von Kampanien Sicherheit schaffen - und mit dem Plan »Vesuvia« (weg vom Vesuv) die Bevölkerung in der »roten Zone« des Vulkans drastisch reduzieren. In den nächsten 15 Jahren sollen 150 000 Menschen umgesiedelt werden. Prämien von 30 000 Euro pro Familie werden den Umzug versüßen.
Ein Ignorant, wer das für Panikmache hält. Opfer des Berges sind überall zu besichtigen: Die Leichen liegen - aus Gips gegossen - in den ausgegrabenen Häusern von Pompeji und im Museum von Neapel.
Etwa 1500 Menschen starben am 24. August des Jahres 79 nach Christus in jenen Gaswolken und Aschefluten, die sich in Minutenschnelle auf die blühenden Städte Pompeji und Herculaneum, das heutige Ercolano, legten. Manche der Opfer präsentieren sich noch immer wie in der letzten Sekunde ihres Lebens.
Mit böser Regelmäßigkeit wütete der knapp 1300 Meter hohe »Zornige Riese«, wie ihn der römische Dichter Plinius der Jüngere taufte. 1631 etwa tötete ein Ausbruch 4000 Menschen. In den vergangenen 200 Jahren gab es sieben größere Eruptionen, statistisch also alle 30 Jahre eine.
Zuletzt spuckte der Vesuv 1944 kochende Lavamassen aus und zerstörte bis auf wenige Häuser die Städtchen Massa di Somma und San Sebastiano. Es sei »unglaublich, dass so viele Menschen hier leben konnten, in einer Stadt, die von den Lavaströmen früherer Ausbrüche umschlossen war«, schrieb der britische Geheimagent Norman Lewis, der von der damaligen Besatzungsarmee nach San Sebastiano geschickt worden war.
Der Ausbruch von 1944 gilt unter Vulkanologen als moderat. Die Lava floss langsam aus dem Krater heraus und züngelte nur verhalten talwärts.
Aber der Vesuv kann auch anders - wenn er über lange Zeit so viel Druck im Untergrund aufbaut und beim Ausbruch derart viel Energie freisetzt, dass mit dem aufsteigenden Magma, der Asche und dem Gas die ganze Bergspitze wegfliegt wie der Korken einer Sektflasche.
Keine Bange, versichern Wissenschaftler. Mit heutiger Technik ließe sich früh genug erkennen, wenn die glühenden Massen aus zehn Kilometer Tiefe wieder an die Erdoberfläche dringen. So könne man rechtzeitig Alarm schlagen - ein, zwei Wochen vor einem eventuellen Ausbruch.
Aber was dann? Um 600 000 Menschen zu evakuieren, schätzt der Städtebaureferent der Regionalregierung, Marco Di Lello, brauche man mindestens zwei Wochen - wenn vorher feststeht, wie und wohin sie gebracht werden können. Dafür gibt es zwar einen Plan, doch »praktikabel ist der nicht«, urteilt Ercolanos Bürgermeisterin Luisa Bossa. Ein Probealarm in einem kleinen Testgebiet endete im Chaos.
Zeltstädte für mehr als eine halbe Million Menschen müssten in ganz Italien errichtet, Wasser, Essen, Decken verteilt werden. Doch im Süden geht schon jetzt regelmäßig die Unterbringung von ein paar Dutzend Menschen schief, nach einem lokalen Erdbeben zum Beispiel.
Und wer gebe eigentlich die Order, den gewaltigen Treck in Marsch zu setzen, fragt die Ercolano-Bürgermeisterin, »und wann?« Evakuiert man zu früh, stellt sich die Aktion ein paar Tage darauf womöglich als unnötig heraus, weil der Berg sich wieder beruhigt. Wartet man, bis die Lava strömt, ist es aber eventuell zu spät.
Deshalb macht es durchaus Sinn, die Zahl der zu Evakuierenden rechtzeitig zu verringern. Ob das mit »Vesuvia« gelingt, bezweifeln allerdings so gut wie alle vor Ort. Ein paar hundert Interessenten haben sich bislang für die Umzugsprämie gemeldet, meist junge Paare ohne Kinder. Aber die Wohnungen, die sie räumen, werden schnell neu vermietet sein. Denn die Wohnungsnot ist drückend.
Auch dem Hauseigner winken Prämien, etwa wenn er aus seinem Mietshaus eine Bed-and-Breakfast-Pension für Touristen macht. Für ein paar schöne Villen, hoch am Hang, mit Blick auf den strahlend blauen Golf von Neapel, Ischia und Capri am Horizont, mag das eine Perspektive sein. Deren betuchte Besitzer haben allerdings noch kein Interesse an der Neuverwendung signalisiert.
In den Armenhäusern der Ballungszentren aber, in denen die Masse wohnt, würde kaum je ein Tourist nächtigen wollen. Damit die Einwohnerzahl auch nur um 60 000 sinkt, rechnet Ercolanos Erste Bürgerin vor, müssten etwa 15 000 Wohnungen geräumt werden: »Was aber machen wir mit 15 000 Herbergen?«
Der Abriss ganzer Wohnblocks wäre sinnvoll, aber dazu fehlt das Geld - die Immobilien müssten den Besitzern abgekauft werden. Auch ein härteres Vorgehen gegen illegales Bauen könnte helfen. Erst vorige Woche hat Bürgermeisterin Bossa wieder ein Haus planieren lassen, das ohne Genehmigung im Sperrgebiet hochgezogen worden war. Solche Aktionen sind spektakulär, aber Einzelfälle.
Aus Angst vor der Mafia - in Kampanien Camorra genannt - wagt ohnehin kaum eine Baufirma, sich am Abriss zu beteiligen. Arbeiter und Geräte müssen heimlich herangeschafft werden. Zugleich aber wird in den 18 Kommunen, das hat die Umweltorganisation »Legambiente« gezählt, auf mindestens 1300 Neubaustellen gearbeitet - meist illegal und unter Beteiligung von Camorra-Unternehmen. In den vergangenen 20 Jahren, so Legambiente-Sprecher Pasquale Raia, seien in der »roten Zone« 50 000 Häuser gegen Recht und Gesetz hochgezogen worden. Die meisten Schwarzbauten wurden durch Gnadenakte der Regierungen in Rom nachträglich legalisiert, gegen ein lächerliches Bußgeld.
Niemand am heißen Berg also schert sich so recht um das Risiko. Auch wenn es eines Tages zur Katastrophe käme, philosophiert Ercolano-Einwohner Michele, »wäre der Preis okay: Ich habe bis dahin mit meiner Familie und meinen Freunden an meinem Vesuv gelebt«. Selbst wenn es morgen losginge: »Besser einen Tag als Löwe leben«, sagen die Vesuvianer, »denn 100 Tage als Schaf.« HANS-JÜRGEN SCHLAMP