IRAN »Leichte Beute«
SPIEGEL: Wie viele iranische Journalisten wurden seit der umstrittenen Präsidentenwahl am 12. Juni festgenommen?
Schamsol-Waesin: Wir wissen von 38 Verhaftungen, meistens junge, engagierte Leute, aber auch einige sehr erfahrene Journalisten hat es getroffen. Acht Journalisten sind wieder freigekommen, die anderen müssen sich wohl vor Gericht verantworten. Diese Festnahmen sind reine Willkür. Ein Großteil der Kollegen wurde zu Hause festgenommen, etliche auch in den Redaktionen.
SPIEGEL: Ist Arbeit für westliche Medien besonders gefährlich?
Schamsol-Waesin: Nicht, wenn die Journalisten beim Erschad, dem Ministerium für Kultur und Islamische Führung, akkreditiert sind. Bedrohlicher wird es, wenn Journalisten ohne Erlaubnis für westliche Medien gearbeitet haben oder die iranische Führung einen Fall ausnutzen will, um von einer westlichen Regierung politische Zugeständnisse zu bekommen.
SPIEGEL: Mit welchen Strafen müssen die Verhafteten rechnen?
Schamsol-Waesin: Wenn ihnen »Propaganda gegen die Islamische Republik« vorgeworfen wird, droht ihnen eine Höchststrafe von drei Jahren. In der jüngsten Verhaftungswelle ging es aber um den Vorwurf der »Aktivitäten gegen die nationale Sicherheit«. Darauf stehen bis zu zehn Jahre.
SPIEGEL: Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei hat in einer Ansprache am vorigen Mittwoch betont, dass die »Anführer der jüngsten Vorfälle« für ihn »nicht Handlanger anderer Länder« seien, solange die Justiz dies »nicht bewiesen« habe.
Schamsol-Waesin: Es ist allein eine Frage der Politik, wie gegen kritische Journalisten und Oppositionelle vorgegangen wird. In der jetzigen Situation sind wir eine leichte Beute. Unsere Anwälte haben keine Akteneinsicht und werden zu den Prozessen nicht zugelassen.