Leise Tränen - DER SPIEGEL
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SPD Leise Tränen

Oskar Lafontaine übt sich ein bisschen in Demut: Den Pensionär zieht es mächtig zurück in die Politik. Die Resonanz in seiner Partei ist gemischt.
• aus DER SPIEGEL 16/2000
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Bescheiden hat er sich im Freizeit-Sakko in die dritte Reihe gesetzt, als ob er einer unter vielen wäre. Nach rechts tauschte er Späßchen aus, nach links gab er Rat, fast wie immer. Aber natürlich ist Oskar Lafontaine beileibe nicht einer unter vielen - und nichts ist wie immer.

Am vorvergangenen Wochenende ließ sich Lafontaine zum Parteitag der Landes-SPD ins saarländische Schiffweiler chauffieren, um ein bisschen Buße zu tun, vor allem aber, um Kunde abzulegen: Ich bin wieder da, ich will es wieder sein.

Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik hat ein Politiker derart brachial seinen Abschied genommen. Kein Regierungsmitglied hielt vergleichbar kompromisslos Gericht in Buchform über seine Weggefährten - über 300 000-mal ging Lafontaines Abrechnung ("Das Herz schlägt links") mit Gerhard Schröder und den Modernisierern in der SPD über den Ladentisch. Selten zuvor dürfte aber auch eine prominente Figur ihren Abgang in Bitterkeit so schnell und so heftig bereut haben.

Auch seine Familie hatte der unfreiwillige Rentner nach Schiffweiler mitgebracht. Christa Müller kam, kurz vor seinem Auftritt, ganz in Orange; Söhnchen Carl-

Maurice tobte schon einmal dort herum, wo der Papa wieder hinstrebt: auf der Vorstandsbühne.

Wie das Hochwasser in die Kellerritzen schwappt Oskar Lafontaine zurück in seine Partei. Beim Parteitag der Saar-SPD vor Jahresfrist, wenige Wochen nach seinem Rücktritt, hatte er noch oben auf dem Podium Platz genommen. Diesmal war er nicht einmal Delegierter; er platzierte sich notgedrungen inmitten der anonymen Menge. Damit hatte es sich aber auch mit Zugeständnissen. Ihn auf die übliche Redezeit zu beschränken war undenkbar. Dem gewöhnlichen Delegierten wurden 10 Minuten zugestanden, Lafontaine nahm sich 30.

Seine Rede hatte er sorgfältig vorbereitet. Die saarländischen Sozialdemokraten, die in ihm ihren Heroen sahen, der sie 1985 in die Regierung führte und ihnen überhaupt Respekt im »Reich«, wie der Rest der Republik hier seit je heißt, verschaffte, wollen ihn jetzt im Büßerhemdchen sehen. Schließlich trug seine Flucht aus Bonn im März vorigen Jahres zum Machtwechsel in Saarbrücken im September bei. Dass er sich tatsächlich demütig gibt, ist erstaunlich genug für einen Menschen mit solch breitem Selbstbewusstsein.

»Natürlich ist mein Rücktritt auch eine Ursache für diese Wahlniederlage«, gab er bereitwillig zu. Da hätten sich Entwicklungen ergeben, »die ich so nicht vorausgesehen habe«. Dann fiel der schmerzhafte Satz, der ihm Absolution im Saarland verschaffen soll: »Das tut mir Leid, dafür entschuldige ich mich in aller Form.«

Auch eine Prise Pathos durfte nicht fehlen. Lafontaine erzählte in die gespannte Stille hinein von den Horden der Jungen Union, die am Abend der Saar-Wahl vor seinem Haus tobten, und rückte passend eine leise Träne ins Auge.

Damit war das Kapitel Demut jedoch abgeschlossen und die Zeit gekommen, ein paar Dinge zurechtzurücken, nämlich so, wie sie in Lafontaines Vorstellungswelt wirklich liegen sollten. Er schwadronierte von der »historischen Leistung« der Teilentschuldung des Landes und der »strukturellen Mehrheit« der SPD im Saarland. Ruhmreiche Erfolge, so durfte das Publikum in Schiffweiler kombinieren, die vor allem einen Namen tragen: Lafontaine.

Kein Zweifel, dass sich da einer - mental zumindest - im Kommandostand der Saar-SPD schon wieder häuslich eingerichtet hat: »Wir haben gute Chancen, diesen Vorsprung zu bewahren«, erklärte er, »dazu rufe ich alle auf.«

Auf der Vorstandsbühne breitete sich mittleres Entsetzen aus. Trübe blickte der junge Fraktionschef Heiko Maas, 33, von der Seite aufs Rednerpult, als könne er nicht glauben, was er da hört. Landeschef Reinhard Klimmt spendete schütteren Applaus, Margit Conrad, Bürgermeisterin in Saarbrücken, schaute drein, als ob ihr jemand aufs Zwerchfell gehauen hätte.

Die kräftig gefeierte Rede der Nachwuchskraft Maas, der sich mit Rente und Bildung, mit Leistung und Globalisierung befasste und eine Korrektur alter SPD-Positionen vornahm, war Makulatur. Der Blick nach vorn blieb mit Lafontaines Auftritt verstellt, die Vergangenheit zog die Saar-SPD in ihren Bann.

Nur Josef Leinen, einst von Lafontaine als saarländischer Umweltminister geschasst und heute Abgeordneter im Europaparlament, hatte den Mut zum Widerspruch. »Die 6000 Stimmen, die bei der Landtagswahl gefehlt haben, waren nicht die Fehler der Bundesregierung, sondern enttäuschte Stimmen über deinen Rücktritt.« Die Oskar-Zweifler jubelten, »Buuh« und »Aufhören« wüteten seine Freunde. Leinen fuhr ungerührt fort: »Auch der Papst kann nicht zurücktreten und als Pfarrer wieder anfangen.«

Lafontaine kann das vielleicht auch nicht, aber er versucht es. Er besitzt mittlerweile wieder Zugang zu den Sitzungen des SPD-Landesvorstands. Sein alter Kumpel Klimmt ermunterte ihn ausdrücklich zur Mitarbeit. Schon hat die »Saarbrücker Zeitung« ein »neues Kraftfeld der SPD Saar in dem Dreieck Klimmt, Maas und Lafontaine« ausgemacht. Klimmt nennt den Rentner im Wartestand einen »Freelancer« - »zumindest in der nächsten Zeit«. Und danach?

In Berlin spielt nun einmal die richtige Musik, und der Pensionär, der dem Ruhestand entfliehen will, ließ im Kanzleramt schon wiederholt vorfühlen, ob denn ein versöhnliches Treffen mit Gerhard Schröder, den er vor einem Jahr zur Ausgeburt allen Übels erklärt hatte, denkbar sei. Im März 1999 wollte der Kanzler noch. Jetzt nicht mehr. HORAND KNAUP

* Am 9. April auf dem Parteitag der Saar-SPD in Schiffweiler.

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