Frankreich Leise Treter
Zur Bestätigung ihres Selbstbewußtseins beruft sich die Grande Nation gewöhnlich auf ihre Philosophen und Literaten, auf Keller und Küche oder auf wissenschaftliche Spitzenleistungen wie die Entdeckung des Radiums oder die Isolierung des Aids-Virus HIV. Auch technische Kunststückchen galten bislang als Beweis gallischer Ingeniosität - siehe Eiffelturm oder Hochgeschwindigkeitszug TGV.
Der jüngste Rekord mutet dagegen merkwürdig bieder an: Frankreich, so fanden Statistiker zum Wechsel in die neunziger Jahre heraus, ist weltweit die Nummer eins in der Pantoffelproduktion. 25 Millionen Paare, im vorigen Jahr hergestellt, werden in Frankreichs Medien fröhlich gefeiert.
Es handelt sich allerdings nicht um simple Schlappen oder ordinäre Filzlatschen: Die französisch gefertigten Fußkleider, ringsum geschlossen, sind luxuriöse Hausschuhe mit historischer Tradition. Wie ein großer Rotwein tragen sie den Namen ihres Herstellungsgebietes: »La Charentaise«.
In der Charente, nördlich der Gironde, wurde vor über 300 Jahren dieser Pantoffel geboren. Anlaß war die Entscheidung Ludwigs XIV., die kleine Stadt Rochefort zu einem großen Kriegshafen auszubauen - das Hinterland der Charente bekam damals den Auftrag, die königliche Marine einzukleiden.
Doch den Schneidern wurden mangelhaft gefertigte Uniformen zurückgeschickt. Aus der Not machten sie eine Tugend und fabrizierten mit der Ausschußware Pantoffeln, eine, laut Figaro, »eminent friedfertige Fußbekleidung«. * Oben: Gemälde von Joseph Duplessis (1725 bis 1802) im Musee de Versailles; unten: britisches Königspaar, Ehepaar Reagan, Prinz Charles und Lady Diana.
Stoff war vorhanden, geeignetes Material für die Sohle bald gefunden - im Hauptort der Provinz, Angouleme, fielen bei der Papierherstellung Filzreste in üppigen Mengen an. Das Ergebnis war »La Charentaise«.
Die Recyclingschlappen, damals von den Franzosen »Leise Treter« genannt, bekamen 1850 erstmals eine Ledersohle, um 1920 begann dank neuer Nähmaschinen die industrielle Fertigung. Und lange bevor in Vietnam die Ho-Tschiminh-Sandalen populär wurden, bastelten die Franzosen in wirtschaftlichen Notzeiten aus alten Autoreifen Sohlen für ihre Charente-Pantoffeln.
Von den Pariser Modeschöpfern vernachlässigt, geriet das Schuhwerk zu bourgeoisen Attributen des französischen Durchschnittsbürgers, entlarvten ihn als fernsehseligen Pantoffelhelden. Erst als Billigimporte aus Asien die heimische Produktion bedrohten, entschloß sich die Charente zur modischen Aufrüstung. Mit phantasievollem Äußeren und aggressiver Werbung begann die »Geschichte einer Renaissance« (l'Actualite).
Die tristen Traditionsfarben Schwarz, Braun und Blau wichen Madrasmustern, Hawaii-Motiven und Leopardenfell-Modellen. Schlappendesigner kreierten paillettenbesetzte Modelle oder versahen sie mit Pompons aus fluoreszierendem Acryl, mit Cartoon-Helden und - zur 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution - mit den Nationalfarben samt passender Kokarde.
Der staatstragende Pantoffel wird nicht nur mit dem gallischen Hahn geschmückt, sondern auch mit politischer Prominenz: Ein Paar zeigt die Profile von Präsident Francois Mitterrand und seinem gaullistischen Widersacher Jacques Chirac. Je nach Wunsch können die beiden einander zu- oder abgewandt getragen werden - Frankreichs Pantoffeln kennen keinen Unterschied zwischen rechts und links.
Zehn Millionen Paare wurden im vergangenen Jahr exportiert. Selbst in der kaum einnehmbaren Importbastion Japan konnte die »Charentaise« Fuß fassen. Mitglieder des britischen Königshauses sind Fans des französischen Schuhwerks, auf dem ihnen zuweilen das eigene Konterfei entgegenlächelt. In den USA werden die »French Follies« mit Herrenunterwäsche angeboten - komplett in Playboy-Verpackung.
Der Erfolg auf leisen Sohlen, so argwöhnt nun die Pariser Presse, wird den Franzosen natürlich nicht gegönnt. »Man hört sie schon, die systematischen Spötter und die chronischen Nörgler, die sich nicht scheuen, alles zu verleumden«, schimpfte der Figaro. Die ausländischen Kritikaster, schrieb das Blatt unter dem Titel »Eloge auf den Pantoffel«, würden die Franzosen darstellen »mit Baskenmütze und Baguette auf einem Himalaja-Gebirge von Pantoffeln«.
Solchen Tort wies das Pariser Blatt zurück. »Der Pantoffel gehört zum französischen Erbe«, befand es und wies der »Charentaise« einen gleichberechtigten Platz zu neben Parfum und Haute Couture. »Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum der Pantoffel größere Heiterkeit hervorrufen sollte«, so der Seitenhieb auf mißgünstige Neider, »als Kaugummi, Kimono oder Sauerkraut.« f