ZIGEUNER Letzte Chance
Dort, wo gewöhnlich SPD-Fraktionschef Herbert Wehner sitzt und schweigend an seiner Pfeife kaut, hockte die zehnjährige Zigeunerin Esma Hansadavic. Gemeinsam mit ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten wartete sie im Sitzungssaal der sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten auf das vorläufige Ende einer langen Irrfahrt durch die Bundesrepublik.
Wenige Stunden zuvor war die Truppe von 54 Roma-Zigeunern mit drei notdürftig zusammengeflickten Wohnwagen und einigen alten Autos auf dem Parkplatz vor dem Parlament eingetroffen. Sie wollten zu dem SPD-Parlamentarier S.60 Klaus Thüsing, von dem sie Hilfe bei ihrer Suche nach einer Unterkunft erhofften. Thüsing brachte die kinderreiche Sippe, die vor etwa zwei Jahren in die Bundesrepublik eingereist ist, zunächst in der Fahrerkantine des Bundeshauses unter; als diese schloß, wurde der Fraktionssaal zur Herberge für die Zigeuner aus dem Balkan. So feierten sie am Mittwoch der vorletzten Woche das griechischorthodoxe Weihnachtsfest.
SPD-Mann Thüsing, der sich in der Bundestagsdebatte über die Verjährung von Nazi-Verbrechen für die Sache der im Dritten Reich verfolgten Zigeuner eingesetzt hatte, war im November von Gusti Ivanov, dem Sekretär der Romani-Union, auf die Notlage der Sippe aufmerksam gemacht worden. Zwei mittel- und obdachlose Großfamilien seines Verbandes suchten eine Unterkunft für sich und ihre 32 Kinder.
Sollten die Roma weiterhin in ihren Autos und geliehenen Wohnwagen kampieren müssen, so Ivanov, drohe den Kindern das Heim und den Erwachsenen das Gefängnis, weil sie nur noch in der Kriminalität einen Ausweg sähen. Thüsing: »Da konnte ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.«
Er informierte seine 227 Fraktionskollegen und bat um Unterstützung. Sechs Genossen, darunter der Sinti-Experte Horst Jaunich, versprachen, sich darum zu kümmern.
Eine »wochenlange Telefonschlacht« (Thüsing) mit Kommunen, Stiftungen und Verbänden blieb ohne Ergebnis. Niemand wollte sich die der deutschen Sprache kaum mächtigen Roma aufhalsen. Erfolglos war auch der Versuch von Caritas-Helfern im Thüsing-Wahlkreis Paderborn, den westfälischen Adel zur Öffnung eines unbewohnten Herrenhauses zu bewegen. Nur die Sozialistische Selbsthilfeorganisation Köln zeigte Sinn für handfeste Hilfe: Sie offerierte die Besetzung eines leerstehenden Hauses.
Im »allerletzten Augenblick« (Thüsing) sprang der Bonner SPD-Stadtverordnete Bernhard von Grünberg mit dem Hinweis bei, wie den Fahrenden doch noch auf legale Weise Unterkunft zu verschaffen sei: eine vorübergehend leerstehende Etage des Franziskaner-Kollegs St. Ludwig.
Den Zigeunern erschien das Angebot als letzte Chance. Während sie am vorletzten Mittwoch im Bundeshaus ihr weiteres Schicksal abwarteten, versuchten Thüsing und Jaunich, die Bonner Stadtverwaltung zu überreden, die Landfahrer in das Kolleg einzuweisen.
Doch die Bürokraten stellten sich stur. Sozialdezernent Rolf Ackermann, einer der wenigen Genossen in der Bonner Stadtregierung, fand: »Wir sind nicht dafür da, daß wir soziale Probleme lösen, die sich Abgeordnete aufhalsen.« Und CDU-Oberstadtdirektor Karl-Heinz van Kaldenkerken machte auf das »gravierende Rechtsproblem« aufmerksam, daß die Zigeuner als Landfahrer gar nicht obdachlos sein könnten.
Jaunich: »Ich hätte fast die Wohnwagen der Roma angesteckt, damit diese Menschen auch für die Bonner Stadtgewaltigen als Obdachlose erkennbar waren.«
Der Leiter des Ordnungsamtes, Klaus Martin, empfahl wegen des baldigen Dienstschlusses, am nächsten Morgen »ordnungsgemäße Anträge« zu stellen. Er sei bereit, sie zu »prüfen«. Thüsing erregt: »Wollen Sie, daß ich Ihnen die Leute auf die Rathaustreppe setze?« S.61
Großzügiger verhielten sich die Franziskaner. Sie schlossen mit den Sozialdemokraten Thüsing, Jaunich und Grünberg einen dreimonatigen Mietvertrag. Noch am selben Abend konnten die 54 Roma die 800 Quadratmeter große Etage des Kollegs beziehen. Das technische Hilfswerk brachte Betten und Decken, für Lebensmittel hatten Bundestagsassistenten, Sekretärinnen und Grenzschutzbeamte gesammelt.
Die Bonner Stadtverwaltung, inzwischen moderater gestimmt, gab Lebensmittelgutscheine und Schecks in Höhe der vorgeschriebenen Sozialhilfesätze aus und erklärte sich bereit, die Monatsmiete von 7000 Mark an die Franziskaner zu zahlen.
Gesichert ist die Zukunft der Zigeuner damit freilich nicht. Denn es liegt im Ermessen der Stadt, an die staatenlosen Roma, die aus Polen, Ungarn und Jugoslawien kommen, Fremdenpässe auszugeben. Bei der Ratifizierung des Uno-Abkommens über die Rechtsstellung von Staatenlosen beharrte die Bundesregierung nämlich im Unterschied zu anderen Staaten auf einer Weichmacher-Formel: Die Behörden »können« den Fremdenpaß ausstellen, müssen aber nicht.
Ohne dieses Dokument erhalten die Zigeuner aber keine Gewerbescheine und keine Arbeitserlaubnis.
Die Stadtverwaltung sorgt sich vor allem, die Zigeuner könnten zu Dauergästen werden.
Thüsing fürchtet, die Bonner könnten versuchen, die lästigen Gäste mit einem Trick loszuwerden. Städtische Beamte, so sein Verdacht, hätten sich schon mit der jugoslawischen Botschaft in Verbindung gesetzt, um den beiden Familien jugoslawische Identitätskarten ausstellen zu lassen. Der Abgeordnete: »Ehe die es begreifen, sitzen sie im Zug und werden über die Grenze abgeschoben.«