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GEMÄLDE Letzte Mark

Die Hohenzollern wollen der Stadt Berlin ein Meisterwerk von Jean-Antoine Watteau überiassen. Bezahlen sollen die Bürger. *
• aus DER SPIEGEL 39/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den Berlinern ist das Andenken an den alten Kaiser Wilhelm und seine Nachkommen teuer.

Wenn Enkel Louis Ferdinand, Prinz von Preußen und Chef des Hauses Hohenzollern, durch den Grunewald reitet, lüftet so mancher am Wege vor Kaiserlicher Hoheit den Hut.

Auch in der City ist Hohenzollern immer präsent. Vom Ruinenturm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche intonieren acht Glocken zu jeder vollen Stunde drei Minuten lang eine einfache Melodie in Es-Dur, komponiert vom Prinzen.

Teilnahmsvoll hörten und lasen die Berliner denn auch in den letzten Monaten Hofberichte, die besagen, daß Kaisers Finanzprobleme haben. Louis Ferdinand ist über dem Vorhaben, seine erdbebengerüttelte Hohenzollern-Burg bei Hechingen in Süddeutschland zu sanieren,

vorübergehend klamm geworden. Seither denkt er an den Verkauf seines besten Stücks, des Gemäldes »Einschiffung nach Kythera« vom französischen Rokoko-Maler Jean-Antoine Watteau.

Das kolossale Bild, einst vom Preußen-König Fritz angekauft, gehört seit einem sozialdemokratischen Dekret von 1926 den Hohenzollern ganz privat. 25 Millionen Mark sollen auswärtige Kunstliebhaber dem Prinzen schon geboten haben. Dem Staat aber, der ein Vorkaufsrecht besitzt, will er es quasi als Okkasion überlassen - zum Preis von 15 Millionen.

Für das wertvolle Kunstwerk, als Leihgabe der Familie im Charlottenburger Schloß aufgehängt und dort von Besuchern kaum beachtet, interessieren sich die Berliner erst, seit die Regierenden, Kulturschaffende und Mäzene publicityträchtig bemüht sind, das Gemälde in der Stadt zu halten. Bürgermeister Richard von Weizsäcker mißt der Watteau-Schöpfung, wieder mal unnachahmlich, eine enorme »Bedeutung für die kulturelle und wissenschaftliche Ausstrahlung« und damit »für den Erhalt der Lebensfähigkeit der Stadt« bei.

Damit schien dann auch fürs erste alles gelaufen. Gemeinsam mit dem Altbankier und Kunstmäzen Hermann Josef Abs entwickelte Weizsäcker letzten Mittwoch der Berliner Öffentlichkeit einen Plan, wie Watteaus Meisterwerk der Stadt erhalten werden könnte.

Die illustre Koalition aus Hochfinanz und Politik präsentierte aber einen Finanzierungsplan, der das Publikum stark enttäuschte.

Nur anderthalb Millionen, verkündete Abs, halte der von ihm unterstützte »Verein Freunde der Preußischen Schlösser und Gärten« bereit, und das auch nur für den Fall, daß die übrige Finanzierung klappt. Die solle, so wiederum Weizsäcker, da es sich nicht um »eine elitäre Angelegenheit einiger weniger« handele, von »möglichst breiten Kreisen« getragen werden.

Doch daraus wird wohl nichts. Erst herrscht einmal Entrüstung über das Ansinnen der beiden Herren, die eine kostbare historische Erinnerung an die Zeit Friedrichs des Großen nicht verlieren wollen. Denn fünf Millionen Mark sollen aus Steuermitteln des Bundes kommen, weitere fünf Millionen vom Berliner Senat und schließlich noch dreieinhalb Millionen direkt vom Steuerbürger - eingetrieben mit der Sammelbüchse.

Gewerkschafter und Oppositionspolitiker schmähten das Ansinnen unisono als »Frechheit«, »Zumutung«, »total absurd«. Dafür, »daß zwischen dem Problembewußtsein eines Herrn von Weizsäcker oder Abs und dem von Otto Normalverbraucher gelegentlich Welten liegen«, kommentierte das »Volksblatt Berlin«, sei »die ganze Geschichte ein prächtiges Lehrstück«.

Die Hohenzollern, erinnert sich Horst Wagner, Erster Bevollmächtigter der Berliner IG Metall, »haben ihre Kunstsammlung auf Kosten des Volkes zusammengetragen; es wäre nur gerecht, wenn das Bild den Berliner Museen kostenlos übergeben wird«. Falls sich Kaiserliche Hoheit weigert, sollte sie nach einem Dringlichkeitsantrag der Alternativen Liste im Parlament gemäß der Berliner Verfassung »zum Wohle der Allgemeinheit« enteignet werden.

Des Prinzen Wehklagen ("Es reißt mir das Herz auf") konnte die Berliner nun auch nicht mehr rühren. Der Sender Freies Berlin (SFB), dessen Hörer unlängst binnen weniger Tage dreieinhalb Millionen Mark für Erdbebenopfer in Süditalien zusammengelegt hatten, wollte mit einer Spendenkampagne anknüpfen. Doch in den Hörer-Reaktionen während einer morgendlichen Magazinsendung setzte es nur Wut und Spott für den erdbebengeschädigten Burgherrn zu Hohenzollern. Hörer-Stimmen:

»Wieso retten wir nur das Bild, warum nicht gleich das Schloß?«

»Was ich übrig habe, spende ich für Arme und Behinderte.«

»Für einen Notarztwagen oder ein Lungenrettungsgerät kann man sammeln. Aber so viel Geld für ein Bild?«

Der geplante Millionen-Zuschuß der Regierung aus Steuereinnahmen wird angesichts der sonstigen Probleme der Stadt als reichlich übertrieben empfunden. Fast 100 000 Berliner sind ohne Job, mehrere hunderttausend Wohnungen können mangels Geld nicht saniert werden, überall fehlt es im Sozialetat.

Seit dem teuren Auftritt der Watteau-Retter Weizsäcker und Abs tröstet es aber manchen Berliner, daß auch großes Geld und schöner Geist derzeit ziemlich pleite sind. Einer sagte ins SFB-Mikrophon: »Der Herr kann sein Schloß nicht bezahlen? Ich meine Wohnung auch nicht mehr.«

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