ATOMENERGIE Letzte Ruhestätte
Gerade 18,3 Tage, unterbrochen von Pannen noch und noch, lieferte das Kernkraftwerk Niederaichbach bei Landshut an der Isar Strom. Dann, am 31. Juli 1974, wurde der malade Meiler stillgelegt. Seither strahlt das »nutzlose Monster« ("Die Zeit") im »gesicherten Einschluß« nur so vor sich hin.
Nun ist der Reaktorruine - einst für 230 Millionen Mark als »Prototyp einer aussichtsreichen Reaktorbaulinie« in die Isarauen gestellt - abermals eine Pilotfunktion zugedacht: Das Kraftwerk soll abgerissen, der radioaktive Müll wer weiß wo endgelagert werden.
Es ist das erste Mal, daß ein westdeutsches Atomkraftwerk bis auf die Grundmauern geschleift werden soll - und in gewisser Weise auch eine Weltpremiere: Noch nirgendwo ist ein sogenannter Leistungsreaktor abgebrochen worden. Die Risiken dieses Unternehmens sind bislang nur theoretisch ermittelt.
Während die Atomwirtschaft »keine gravierenden Gründe« gegen das 100-Millionen-Mark-Vorhaben sieht und eine »sichere Beseitigung ausgedienter Kernkraftwerke« für technisch gewährleistet hält, formiert sich in Landshut wie im bayrischen Landtag Widerstand. Über 2000 Mitglieder des Landshuter »Bürgerforums gegen Atomkraftwerke« versuchen mit Einsprüchen, die anstehende Genehmigung für das »Wahnsinnsprojekt« zu verhindern.
Unterstützung finden die Bürger auch bei Bayerns Sozialdemokraten. Das Abbruchvorhaben in Niederaichbach, so der SPD-Landtagsabgeordnete Dietmar Franzke, sei »angesichts ungelöster Entsorgungsprobleme unverantwortbar«. Bei den auf sieben Jahre veranschlagten Abbrucharbeiten werde, bestätigten Physiker des Freiburger Öko-Instituts in einem Gutachten, »Radioaktivität in die Umgebung freigesetzt«.
Als noch gravierender könnte sich ein anderes Problem erweisen: Gesucht wird ein Platz, wo der zum Teil jahrtausendelang strahlende Müll sicher endgelagert werden kann.
Ob das geplante Atommüll-Lager im Salzstock von Gorleben überhaupt geeignet ist, sollen erst noch Jahre dauernde Untersuchungen ergeben. Ein in Gorleben schon gebautes Zwischenlager darf auf Gerichtsbeschluß vorerst nicht in Betrieb gehen, ein geplantes Zwischenlager im nordrhein-westfälischen Ahaus wurde schon vor Baubeginn von Richtern gestoppt. Dabei wissen die Kraftwerksbetreiber schon jetzt kaum noch, wohin mit ihrem Strahlenmüll.
Dazu sollen nun die verstrahlten Schrottberge aus Niederaichbach kommen, Tausende von Tonnen Stahl und Beton, die zunächst in Fässern verstaut werden müssen. Die »Gebinde« könnten - so das weitgehend bundeseigene Kernforschungszentrum Karlsruhe, das mit Spezialfirmen den Abbruch bewerkstelligen will - erst einmal auf dem Gelände des Forschungszentrums zwischengelagert und, so der offizielle »Sicherheitsbericht«, »ab Anfang 1989« im ehemaligen Erzbergwerk »Konrad« bei Salzgitter für immer »eingestellt« werden.
Der Entsorgungsnachweis hat zwei Haken: Gegen das Karlsruher Zwischenlager ist eine Klage anhängig, durch die dieser Hilfsweg versperrt werden könnte. Und für das »Bundesendlager Konrad« ist nicht einmal das Planfeststellungsverfahren abgeschlossen.
Es fehlt nicht nur für den Schutt aus Niederaichbach an einer letzten Ruhestätte. Nach einer EG-Studie müssen in Westeuropa bis 1990 insgesamt 16 größere Atomanlagen stillgelegt werden, 50 bis zum Jahr 2000, viele davon in der Bundesrepublik. Denn die durchschnittliche Lebensdauer eines Atomkraftwerks beträgt nur 15 Jahre, dann ermüdet das Material, Risse treten auf, Rohre und Reaktor werden durchlässig.
Mithin werden etliche der heute noch laufenden 16 westdeutschen Atomkraftwerke zur Jahrtausendwende demontagereif sein.
Womöglich kommt sogar ein weiteres hinzu, das noch gar nicht in Betrieb gegangen ist: der Schnelle Brüter von Kalkar (siehe Interview).
Sollte dieser Meiler demnächst mit Plutonium-Brennstäben beladen werden und in Betrieb gehen, wird sein Kern radioaktiv - ein späterer Abbruch zum unkalkulierbaren Risiko.