SPIONAGE / BATTELLE-INSTITUT Licht im Kopf
Die Russen schätzten die Kenntnisse des Diplomingenieurs Josef Eitzenberger, heute 63, so hoch ein, daß sie ihn 1946 in ihr Raketenforschungszentrum Monino bei Moskau holten.
Die Amerikaner hofierten den in den Westen zurückgekehrten Elektronik-Fachmann und flogen ihn in den letzten Jahren mit Militärmaschinen zu Geheimkonferenzen nach Washington ins Pentagon.
Die Deutschen dagegen sperrten den gebürtigen Österreicher jetzt ein. Am 23. März wurde der Vielumworbene in Frankfurt verhaftet. Eitzenberger, Hauptabteilungsleiter für Elektrotechnik und Elektronik im Frankfurter Battelle-Forschungs-Institut, steht unter Verdacht, landesverräterische Beziehungen zu den Sowjets gepflogen zu haben.
Der Wissenschaftler hütete bei Battelle, dem bedeutendsten Institut für Auftragsforschung in der Bundesrepublik, große Geheimnisse und kassierte das höchste Gehalt: Mit rund 150 000 Mark Einkommen im Jahr verdiente er mehr als die leitenden Direktoren.
Noch eine Woche nach der Verhaftung des Geheimnisträgers war die Bundesanwaltschaft nicht bereit, die Festnahme zu bestätigen oder gar eine Stellungnahme abzugeben. Weder Bundesnachrichtendienst noch Verfassungsschutz, noch Militärischer Abschirmdienst (MAD) mochten sich äußern. Nur das Bundesverteidigungsministerium deutete an: »Das ist ein ganz heißes Eisen.«
Die Aktion gegen Eitzenberger war unter anderem durch einen mehrseitigen Brief ausgelöst worden, in dem ein Anonymus mit offenbar großen technischen Detailkenntnissen die Bundesanwaltschaft auf eine angebliche Spionagetätigkeit des Forschers hingewiesen hatte.
Wenn Eitzenberger tatsächlich sowjetischer Agent gewesen ist, kann er der Bundesrepublik und ihren Nato-Verbündeten erheblichen Schaden zugefügt haben: Der Elektroniker mit internationalem Ruf verfeinerte nicht nur das
Navigationssystem der deutschen Starfighter, sondern entwickelte auch ein spezielles Nachrichten-Übermittlungssystem für die Nato-Streitkräfte.
Die Kenntnis dieses Verfahrens hätte russische Abhörstationen in die Lage versetzt, innerhalb des atlantischen Militärbündnisses versandte Funkdepeschen zu entschlüsseln.
Gut zehn Jahre hatte der Erfinder dieses Nato-Kode-Systems legal für die Russen gearbeitet. Im sowjetischen Forschungszentrum Monino führte der ehemalige Telefunken-Angestellte zusammen mit den Ingenieuren Dr. Buschbeck und Dr. Faulstich ein »Spezialistenkollektiv« an, das für die Sowjets das Problem der Fernlenkung von Raketen lösen sollte. Die drei lösten es mit Hilfe eines Fernsehauges, das in den Kopf der Lenkwaffe eingebaut war. Die Bodenstation konnte so den Raketenflug genau verfolgen und notwendige Kurskorrekturen vornehmen.
Vom selben Forscherteam stammt auch ein lichtempfindlicher Suchkopf für Ferngeschosse gegen schwimmende Ziele. Er reagiert auf Lichtbrechungen, die im Kielwasser von schnellfahrenden Schiffen entstehen.
Mitte der fünfziger Jahre glaubten die Russen, von den Deutschen genug gelernt zu haben; sie verbannten Eitzenberger und seine Leute an einen Krim-Ort. Nach zwei Jahren durfte das Eitzenberger-Team dann in den Westen zurückkehren.
Dort wartete bereits der nächste Interessent: William H. Godel, Beamter des US-Verteidigungsministeriums und Angehöriger des Geheimdienstes CIA, engagierte einen Teil der Rußland-Heimkehrer für das 1952 gegründete Battelle-Institut in Frankfurt.
Damit diente Eitzenberger nunmehr deutschen wie amerikanischen Interessen, denn das Frankfurter Institut ist -- obwohl eingetragener Verein und unter deutschem Management -- kein deutsches Unternehmen. Es gehört zum »Battelle Memorial Institute« (Sitz: Columbus im US-Staat Ohio), das für Wirtschaft und Regierungen Auftragsforschung betreibt. Das Arbeitsfeld der Stiftung reicht vom Atomreaktor-Bau bis zur Planung von Touristenzentren.
Eitzenberger übernahm bei Battelle Frankfurt die Hauptabteilung Elektrotechnik und Elektronik. Unter ihm arbeiteten die Rußland-Heimkehrer Diplomingenieur Hans Kuhl, Verantwortlicher für Navigation und Nachrichtentechnik, und Dr. Wilhelm Fischer, Chef der Abteilung Elektrotechnik. Fischer war einst in Rußland besondere Ehre widerfahren: Für die Konstruktion eines Elektro-Kleinstmotors hatte er den Stalin-Preis bekommen.
Im grau-gelben Battelle-Bau am Frankfurter Opel-Kreisel experimentierte das Eitzenberger-Team mit Funkempfängern auf Hoch- und Niedrigstfrequenz-Bereichen. Es ortete Satelliten-Signale aus dem Weltraum und registrierte anhand von elektrischen Impulsen chinesische Atom-Explosionen.
Eitzenbergers wichtigster Auftrag wurde vom Pentagon erteilt: Er sollte ein Verschlüsselungssystem für die Nachrichtenübermittlung auf sogenannten Längstwellen austüfteln, das von Funkspionen nicht geknackt werden kann.
Trotz so enger Zusammenarbeit mit den Amerikanern weigerte er sich, Englisch zu lernen. Und wenn das US-Verteidigungsministerium ihn nach Washington rief, mußte der deutsche Battelle-Chef Professor Max Barnick als Dolmetscher mitfliegen.
Aber auch die Bundeswehr nutzte das Talent Eitzenberger. So verbesserte er für Bonns Luftwaffe die sogenannte Litton-Plattform, eine Navigationshilfe des Starfighter F-104 G.
Abgeschirmt von der Öffentlichkeit, verrichtete der Wissenschaftler seine Arbeit im Frankfurter Institut. Zurückgezogen lebte er in einem Bungalow im Taunus. Und zu Kollegen sagte der Österreicher bisweilen: »Ich zähl« die Jahre, dann geh« ich nach Haus zurück.«
Eitzenberger-Freunde können nicht glauben, daß der Wissenschaftler ein Spion des Ostens gewesen sei. Allerdings habe der rüstige Sechziger eine Schwäche.: Frauen.
Dienststellen, die gegen Eitzenberger ermitteln, deuten denn auch an, daß ihm möglicherweise ein westöstlicher Diwan zum Verhängnis geworden sei.