FERNSEHKRIMI Lichter im Elbtunnel
Postkartenschön glänzt das Abendrot über Elbe und Hafen: Die ersten Bilder des an diesem Sonntag in der ARD laufenden TV-Krimis versprechen kaum Spannendes. Der Titel »K3 - Kripo Hamburg. Auf dünnem Eis« erst recht nicht. Denn das Kürzel K3 erinnert den Zuschauer an eine gemächliche Krimi-Barkasse, die eineinhalb Jahrzehnte über den Hauptabend am Sonntag schipperte und auf der vier biedersinnig wirkende Fahrensleute des TV-Ermittlergewerbes Dienst taten: erstaunlich beliebt, aber auch erstaunlich ungenial.
Wie der Schein trügt. Um 20.15 Uhr werden die ARD-Zuschauer an diesem Sonntag einem der Höhepunkte des Fernsehjahres beigewohnt haben. Da ist keine Barkasse über den Schirm getuckert, sondern ein Tragflächenboot kurvte verwegen und elegant durchs Gebraus des modernen Fernsehens.
Wie seekrank torkelt die Handkamera durch die Szenen, die vier Helden von der Polizei sind aufregend müde, Nachtgestalten aus den Abgründen der modernen Ar-
beitswelt. Die Story knistert vor Sex und Lügen, und eine starke Brise treibt die Handlung unerbittlich voran. Rasante Bilder etwa von den Lichtern im Alten Elbtunnel bedrängen das Gemüt.
Die Dialoge funkeln. »Kundschaft weg, Männer weg, Angst vor morgen, Angst vor dem Spiegel und sieben Monate November« - so erklärt zum Beispiel eine Boutiquebesitzerin im Film, warum sie aus dem kalten Deutschland nach Spanien übersiedeln will.
Friedemann Fromm, 40, hat dieses K3-Wunder zu Stande gebracht. Im vergangenen Jahr trieb er Senta Berger in dem ZDF-Zweiteiler »Unter Verdacht« zu einer Spitzenleistung: So hart und zugleich verletzlich sah man den Star selten wie in diesem Stück vom Kampf einer unbestechlichen Kriminalrätin gegen ihren schleimiggefährlichen Vorgesetzten (Gerd Anthoff). Der Grimme-Preis war mehr als verdient.
So gesehen ist es eigentlich keine Überraschung, dass Fromm auch so ein sperriges Format wie das K3-Muster in den Griff bekommen hat. Was andere Regisseure vielleicht abgeschreckt hätte, hat ihn gereizt: vier männliche Ermittler zu zeigen, also gerade im Zeitalter der Feminisierung des Krimis verschiedene Facetten von Virilität zeigen. Der Film beweist, dass die Innenwelten der Kerle noch längst nicht auserzählt sind.
Um den TV-Altstar Ulrich Pleitgen, der mit Knittermiene und rauchiger Stimme den beherrschten Vorgesetzten gibt, versammelt Fromm wirklich originelle Figuren: Da ist der halbtürkische Oberkommissar Murat Alpay, den der Münchner Jungschauspieler Oliver K. Wnuk, 27, als unberechenbare Mischung aus Streber, Sensibelchen und Frechdachs anlegt. Ihm entgegen steht der bayerische Sanguiniker Reisinger (Jürgen Tonkel), ein Gemütsmensch mit plötzlichen Vulkanausbrüchen. Sein Kollege Noll (Oliver Bäßler), der Vierte im Bunde, ist deshalb interessant, weil er ein privates Geheimnis hat, das während des Films einfach nicht aufgeklärt wird.
Internes Leben ins Polizistenquartett bringen kurze Szenen, die - passend zur Optik - wie Schlagschatten wirken. Man erfährt von einsamen Partnerinnen, zerstörten Familien und lernt, dass der Mann am kommunikativsten ist, wenn er schweigt.
Die wortkargen vier von der Andeutungsstelle ermitteln in einem vertrackten Fall, blicken auf entschlossene Lügner, verschlossene Münder und versiegelte Herzen. Ein Makler ist ermordet worden, und es zeigt sich, dass da ein Fiesling der Spitzenklasse das Leben lassen musste. Der Mann hat nicht nur Kunden um ihr Geld geprellt, er hat auch die eigene Tochter Kathrin (Maria Simon) betrogen.
Doch die Blondine hat kaum Mitleid verdient, schließlich hat sie den brutalen Geldeintreiber Laudien (André Hennicke) auf ihren Vater angesetzt. Und diesem gefährlichen Mann, der von sich sagt: »Ich trage keine Waffe, ich bin eine Waffe«, wendet sich das Mädchen erotisch zu, um sich seinen Altlover, einen erpresserischen Dunkelmann (Burghart Klaußner), vom Hals zu schaffen.
Diese undurchsichtige Kathrin zwischen Lüge und Liebe spielt die Simon voller gefährlicher Verschlossenheit. Die aus dem Osten Deutschlands stammende Schauspielerin war als genervte Schwester des treuen Muttersohns in »Good Bye, Lenin!« wegen ihrer Intensität aufgefallen; der Regisseur Fromm schafft ihr nun die verdiente Plattform, mehr zu zeigen.
Der Untertitel dieser hoffnungsvollen Pilotsendung, »Auf dünnem Eis«, hat auch eine übertragene Bedeutung: Der fulminante K3-Relaunch muss über 20 Prozent Quote schaffen - und das trotz des Turbosommers. NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Mit Harald Dietl, Knut Hinz, Hartmut Reck.