Liebe einer Mutter - DER SPIEGEL
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Türkei Liebe einer Mutter

Revolution in dem von Moslems bevölkerten Land: Eine Karrierefrau will die Türkei ins 21. Jahrhundert führen.
• aus DER SPIEGEL 25/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Parteivorsitzende in der Türkei, so ist es Sitte, werden von ihren Anhängern rittlings auf den Schultern getragen, sie werden hemmungslos abgeküßt: Diese Erwägung galt als schwerwiegendes Hindernis, das Tansu Ciller, 47, bei ihrer auch für europäische Verhältnisse atemberaubenden Karriere letztlich noch im Wege stand.

Vergangene Woche räumten die Delegierten der konservativen Partei des Rechten Weges (DYP) die Barriere beherzt ab. Sie kürten die Ökonomieprofessorin, Staatsministerin für Wirtschaft und 80fache Millionärin mit beeindruckender Mehrheit zu ihrer neuen Chefin. Automatisch wird sie damit Ministerpräsidentin und löst den Interimspremier Erdal Inönü, 67, von der sozialdemokratischen Koalitionspartei SHP vermutlich schon Anfang Juli ab.

Für Tansu Ciller ist »ein Wendepunkt in der türkischen Geschichte« eingetreten. Tatsächlich kommt es einer Revolution gleich, daß in dem zwar laizistischen, aber zu 98 Prozent von Moslems bevölkerten Land eine Frau das politische Sagen haben soll. Als »Geschenk für die Demokratie« feierte die liberale Tageszeitung Milliyet den »Wind des Wechsels«, der die Türkei durchwehe.

Nach Pakistans Benazir Bhutto, die derzeit an die Macht zurückstrebt, und der in Bangladesch regierenden Begum Khaleda Zia ist Tansu Ciller die dritte Ministerpräsidentin eines islamischen Landes. Aber sie ist die erste, die ihr Amt nicht der Abkunft von einer politischen Dynastie verdankt.

Wohl war Protektion bei ihrer Karriere im Spiel: Süleyman Demirel, 68, in fast 30 Jahren Politikertätigkeit siebenmal Premier und nunmehr Staatspräsident, hatte die an amerikanischen Universitäten ausgebildete Professorin erst 1990 in sein Beraterteam gelockt. Ciller nennt Demirel ihren »geistigen Vater«, er bezeichnet sie als seine »Tochter«.

1991 schon saß die Erfolgreiche, Sproß einer begüterten Industriellenfamilie aus Istanbul, im Parlament in Ankara; im selben Jahr stieg sie auf an die Spitze des Wirtschaftsressorts. Baroneß Margaret Thatcher, die ihr sofort zum Parteivorsitz gratulierte, ist ihr Vorbild; klar, daß Ciller bereits die Eiserne Lady der Türkei genannt wird.

Durchsetzungsvermögen bewies sie bereits als Teenager: 17 Jahre jung heiratete sie und überzeugte ihren Mann, ihren Namen anzunehmen - das war schockierend für die Bosporus-Gesellschaft der frühen sechziger Jahre und ist bis heute dort nicht üblich.

Die neue Ministerpräsidentin, Mutter zweier Kinder, verkörpert den Typus der exquisit ausgebildeten, selbstbewußten Frau der städtischen türkischen Oberschicht. Lichtjahre trennen sie vom Schicksal ihrer oft noch des Lesens und Schreibens unkundigen und mißachteten Schwestern in den Dörfern Anatoliens.

Das konservative Partei-Establishment, durch den kometenhaften Aufstieg der ehrgeizigen weiblichen Konkurrentin gedemütigt, kann sich allenfalls damit trösten, daß Tansu Ciller eine Frau ganz nach dem Geschmack des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk (1881 bis 1938) gewesen wäre.

Atatürk ("Vater der Türken") hatte elf Jahre nach der Ausrufung der Republik und der radikalen Trennung von Staat und Religion den Frauen das aktive wie passive Wahlrecht verliehen - zehn Jahre vor Frankreich, der Wiege von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Nicht von ungefähr feiert ihn etwa die Schriftstellerin Naila Minai als »ersten und revolutionärsten« Feministen des Vorderen Orients. Seinem Volk brachte Atatürk neue Rollenbilder nahe: Adoptivtochter Afet wurde Historikerin, Adoptivtochter Sabihe lernte Flugzeuge steuern. Seine Ehefrau Latife, eine Rechtsanwältin mit französischer Bildung, ließ er in der finstersten Provinz barhäuptig auftreten. Die Frauen forderte er auf, ihre Schleier wegzuwerfen.

Fast 55 Jahre nach dem Tod des Volkshelden erhebt nun eine Frau, die den Zeitungslesern der Nation auch schon im Bikini begegnet ist, den Anspruch, die Türkei »ins 21. Jahrhundert« zu führen. Allerdings gibt es im ausgehenden 20. Jahrhundert noch genügend Probleme, über die Tansu Ciller stürzen könnte.

Als Architektin des Wirtschaftsprogramms ihrer Regierung hat die einstige Beraterin der Weltbank keines ihrer Ziele erreicht. Die Inflation sank kaum, derzeit liegt sie bei 65 Prozent. Die Auslandsverschuldung der Türkei nahm zu, ebenso die Zahl der Arbeitslosen.

Die Gewerkschaften sehen »schwere Tage« kommen, wenn die rigorose Wirtschaftsliberale Ciller sich nach ihrem britischen Vorbild an die angekündigte Privatisierung der maroden Staatsbetriebe heranmacht. »Jetzt«, klagte schon die linke Zeitung Aydinlik, »werden der Internationale Währungsfonds und das Kapital regieren.«

Schwierigkeiten dürfte Tansu Ciller, die ihrem Volk »die Liebe einer Mutter und den Respekt einer Schwester« zusicherte, mit den nationalistischen und islamistischen Vertretern in ihrer Partei bekommen. Berechnend schlug sie nach ihrem Triumph die passenden Töne an: Die türkische Fahne sei ihr heilig, das »Vaterland wichtiger als das Leben«, der Ruf des Muezzins behage ihr sehr.

Außenpolitisch unerfahren, regiert Ciller ein Land, das international immer bedeutsamer wird. Die von der Auslöschung bedrohten Moslems auf dem Balkan erhoffen von der Türkei, dem südöstlichen Pfeiler der Nato, Beistand. Und die Turkvölker im südasiatischen Teil der zusammengebrochenen Sowjetunion erwarten Rat und Entwicklungshilfe von Ankara.

Premier Cillers stärkste Herausforderung liegt jedoch darin, wie sie mit einem inneren Problem umgehen wird: der Auseinandersetzung mit den Kurden. Der Chef der militanten Kurdenpartei PKK, Abdullah Öcalan, hat die gesamte Türkei zum Kriegsgebiet erklärt.

Schon jetzt sind mörderische PKK-Attentate auf Militärs und Zivilisten und blutige Vergeltung in Südostanatolien an der Tagesordnung. Mit jedem Anschlag wächst der öffentliche Druck auf die Regierung, einen noch härteren Kurs einzuschlagen.

Zögert Tansu Ciller, könnte ihr dasselbe Schicksal drohen wie einigen ihrer Vorgänger: durch einen Putsch der Armee abserviert zu werden.

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