Liebe verboten
Die Londoner Konferenz der vier Außenminister tritt auf der Stelle. Die zu Hunderten nach der britischen Hauptstadt geeilten Chronisten der weltpresse kauen Nervös an ihren Bleistiften, Sie können ihren Blättern beim besten Willen keine Sensationen berichten. Statt großer Entscheidungen sind lediglich eine einigermaßen sachliche Atmosphäre, ein paar unwichtige Kompromisse und geringe Fortschritte zu verzeichnen.
Ein amerikanischer Journalist nennt die Londoner Konferenz die langweiligste, die er je miterlebt hat. Und die »Times« urteilt: »Ihre Fortschritte kann man nach Zoll bemessen, ihre Uneinigkeit dagegen nach Yard.
Dabei haben es die neugierigen Pressemänner gar nicht einmal so leicht. Jeden Nachmittag von 15.30 bis 18.30 Uhr setzen sich die vier Außenminister und ihre Hilfsmannschaften unter den großen Kristall-Lüstern des Sitzungssaales im Lancaster-House am großen runden Tisch zusammen. Selbst am Samstag, während des sonst so geheiligten englischen Wochenendes. Zu diesen Zusammenkünften ist die Presse nicht zugelassen.
Nach den täglichen Sitzungen werden von den Informationsstellen der vier Mächte Pressekonferenzen abgehalten. Fast immer steigen diese Pressekonferenzen an verschiedenen Stellen zur gleichen Zeit. So kommt es, daß beispielsweise die Londoner Abendpresse meist gar nichts von der Außenminister-Konferenz berichtet. Die großen Blätter begnügen sich einstweilen mit kurzen Tages-Uebersichten.
Einige Journalisten haben deshalb versucht, Milieuschilderungen zu geben. Die sowjetische Delegation, von deren Lebensweise und Tageslauf in London man so wenig weiß, wurde dabei besonders häufig aufs Korn genommen. Aber kaum einer der Presseleute hatte Glück.
Auf Telefonanrufe wurde entweder überhaupt nicht geantwortet. Oder es kam in nicht ganz akzentfreiem Englisch die Antwort: »Nicht zu Hause.« Oder: »Gerade fortgegangen.«
Nicht einmal die englisch-sowjetischen Gesellschaften, die es mit den russischen Gästen doch wirklich gut meinten, fanden Kontakt. Die »Gesellschaft für kulturelle
Beziehungen zwischen den Völkern Großbritanniens und der Sowjetunion« sowie die »britisch-sowjetische Vereinigung« versuchten mehrere Male ohne Erfolg, Verbindung mit der sowjetischen Delegation aufzunehmen.
Der größte Teil der Abgesandten aus Moskau und des Begleitpersonals wurde in der sowjetischen Botschaft in Kensington Gardens einlogiert. Ein paar hohe Funktionäre durften ins elegante Hotel »Ritz« ziehen. Andere wurden, je nach ihrer Stellung, in billigere Hotels eingewiesen.
Jedem einzelnen der 200 Angehörigen der sowjetischen Delegation bei der Außenminister-Konferenz - ob Delegierter, Stenotypistin, Sekretär oder Sicherheitsbeamter - ist es bekannt, daß er nur aus »rein geschäftlichen Gründen« in der britischen Hauptstadt ist. Kurz vor dem Abflug aus Moskau war die gesamte Delegation zum Befehlsempfang versammelt worden. Es wurde verboten: Interviews zu geben, an privaten Gesellschaften teilzunehmen und Liebschaften anzuknüpfen. Dieser »Knigge für Sowjetdelegierte« existierte bereits bei den ersten beiden Konferenzen in New York und Paris. Er wurde auch von allen Delegationsmitgliedern prompt befolgt. Nach Ansicht diplomatischer Beobachter sind diese Regeln des »rein Geschäftlichen« diesmal noch schärfer als bei den früheren Auslandsreisen des sowjetischen Außenministerstabes.
Kulturelle Ansprüche und Vergnügen müssen hinter der reinen Konferenzarbeit zurückstehen. Noch keiner der russischen Gäste ist zum Beispiel in der besten russischen Bibliothek Großbritanniens gesehen worden. Alle scheinen sie 24 Stunden am Tag zu arbeiten. Nie erlöscht das Licht In der Sowjetbotschaft, und die Straßenpassanten können zu jeder Nachtstunde eine rege Tätigkeit beobachten.
Einer der eifrigsten ist Botschafter Georgi Nikolawitsch Zarubin, ein schlanker Mann von aufrechter Haltung, den noch nie jemand lächeln sah. Er soll noch verschlossener geworden sein und angestrengter arbeiten denn je. Tag und Nacht ist Zarubin in der Botschaft zu finden.
Ernste, ausdruckslose Gesichter machen auch die acht schwarz gekleideten, breitschultrigen Detektive, die zum persönlichen Schutz Molotows aus Moskau mitgekommen sind. Sie hängen wie die Kletten an Rußlands Außenminister und weichen nie von seiner Seite.
Unter den acht Millionen Einwohnern Londons gibt es wohl nur einen, der auf einigermaßen gutem Fuß mit den russischen Gästen steht. Es ist der baumlange, gutmütige Bobby, der vor der Sowjetbotschaft Posten schiebt. Sein herzlich-dröhnendes »Good Morning« oder »Good Evening« können selbst die sonst so verschlossenen Delegierten nicht ignorieren. Einige von ihnen sollen dem Bobby sogar schon zugelächelt haben.
Auf gutem Fuß mit Molotow
Bobbys Umgang mit Menschen
Am runden Tisch im Lancaster-House: sachliche Atmosphäre, ein paar Kompromisse, geringe Fortschritte