Verkehr Lieber flitzen
»Den Autofahrern leuchtet Tempo 100 nicht mehr ein«, stellte Werner Kuhlmann, Chef der Polizeigewerkschaft, fest: Die Benzintanks sind voll, und ob es die Ölkrise je gab, die bisher das fahrende Volk zu unerwarteter Disziplin bewog, gilt inzwischen als fraglich.
Zweieinhalb Monate nach Inkrafttreten der Tempostopp-Verordnung durch Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen wird wieder Gas gegeben. Immer häufiger werden gesetzesfromme Autobahnbenutzer überholt. links oder rechts, mal mit 120, mal mit 150. Und schon klagt »Bild": »Ist niemand zu sehen, geht's rauf mit dem Tempo auf 150, 160, 180.«
Selbst auf den gnadenlos überwachten Autobahnen in Nordrhein-Westfalen -- hunderttausend Sonderkontrollen im Monat -- verdoppelte sich die Zahl der Ertappten von Ende Dezember bis Ende Januar auf 2600; bei Lüdenscheid stoppte ein Hubschrauber einen mit 200 Stundenkilometern dahinrasenden Sauerländer.
Wer auf der Autobahn München-Frankfurt wirklich hundert fährt, den erkennen mittlerweile bayrische Polizisten »als Verkehrshindernis« für die Eiligeren. Nahe Nürnberg, wo Verwarnungsgelder gleich an Ort und Stelle kassiert wurden, bildeten sich Schlangen an den improvisierten Zahlstellen der Autobahn-Polizei. Eine offene Rebellion der Schnellfahrer gegen Lauritz Lauritzens Limit scheint sich abzuzeichnen, aber auch zuständige Minister in den Bundesländern mucken auf.
Hessens Innenminister Hanns-Heinz Bielefeld will 140 erlauben, sein Düsseldorfer Kollege Willi Weyer 150; die Verkehrsminister aus Kiel und Stuttgart hingegen sind für freie Fahrt.
So beschwerlich deutschen Politikern gegenwärtig die Meinungsbildung zum verkehrspolitischen Reizthema zu fallen scheint: Für Tempo 100 ist kaum noch einer. Und auch in der SPD-Bundestagsfraktion, die sich am Dienstag wieder einmal mit Benzin und Geschwindigkeit befaßte, machte sich niemand für das Bummeln stark.
Lauritzen, der seinen Standpunkt zum Tempo-Stopp auf Dauer stets variantenreich gehalten hat -- »Alles Quatsch«, aber auch: »Nie wieder völlige Freizügigkeit« -, wurde von Genossen kritisiert. Und MdB Ludwig Feilermaier (Augsburg) monierte: »Von den ständig neuen Meldungen werden die Leute kopflos.«
Freilich erhielt der Minister am gleichen Ort auch Extrabeifall. Die Kollegen Eppler und Vogel beispielsweise klatschten demonstrativ, als Lauritzen mit Erfolgsmeldungen aufwarten konnte: Nach Zählungen auf rund zwei Drittel des deutschen Autobahnnetzes
Fraglich bleibt indessen, ob man auch an Lauritzens Schlußfolgerung, Tempo-Stopp auf immer, nicht vorbei kommt. Denn oft genug waren den Geschwindigkeitsbegrenzungen auf deutschen Straßen nur Anfangserfolge beschieden. So mußte ausgerechnet das bisher einzige Experiment mit Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen -- 100 km/h zwischen Frankfurt und Mannheim -- 1961 nach drei Jahren abgebrochen werden: Auf kurzfristigen Rückgang der Unfallzahlen folgte prompt neuer Anstieg. Auch die zunächst gefeierten Resultate nach Einführung von Tempo 100 auf deutschen Landstraßen (1972) haben sich seither verschlechtert.
Als einzige Entscheidungsgrundlage ist Lauritzens Statistik auch deshalb ungeeignet, weil sie zu vielen Sondereinflüssen unterlag, als daß, Verkehrsexperten zufolge. Vergleiche mit Vorjahrsmonaten zulässig wären. So ließ mildes Winterwetter das gewohnte Quantum von Schnee- und Eisunfällen schrumpfen. und das 0,8-Promille-Gesetz schreckte nachhaltig die Bezechten -- erstmals. Im hessischen Innenministerium erklärt man den Unfallrückgang auch damit, »daß die Fahrer, motiviert von der angeblich bestehenden Ölkrise, eine geradezu unglaubliche Disziplin gezeigt haben«. Schließlich ist umstritten, ob nicht auch deswegen weniger sterben, weil auf den für echten Fernverkehr nun unattraktiven Autobahnen weniger fahren, zumindest außerhalb der Ballungsräume.
Die Erwartungen deutscher Tempo-Begrenzer müßte überdies ein Blick in die USA ernüchtern. Obwohl auf deren Autobahnen vor der Ölkrise nicht schneller als 112 km/h gefahren werden durfte, lag bislang die Todesquote gleichauf mit der des deutschen Katastrophenjahres 1970 -- 2,2 je hundert Millionen Fahrkilometer.
Gleichwohl scheint klar, daß es mit dem Vollgas auf deutschen Autobahnen für immer vorbei ist -- zumal Minister Lauritzen einen Zusammenhang zwischen Ölverbrauch und Vorwitz am Steuer entdeckt zu haben glaubt: »Der bundesdeutsche Autofahrer«, so Lauritzen kürzlich, »leistet sich die forscheste Fahrweise und die höchsten Durchschnittsgeschwindigkeiten im Vergleich zu den Kraftfahrern anderer Länder.« Deshalb: »Würde er weniger Temperament am Steuer entwickeln, wirtschaftliche Drehzahlen und beschauliches Reisen dem Flitzen vorziehen, so ließe sich fast ein Drittel des verbrauchten Benzins einsparen.«
Zwar: In Wirklichkeit lag das vor dem Stopp meistgefahrene Autobahntempo unter 120 km/h und die Benzinersparnis seither, nach Schätzungen, unter 15 Prozent. Doch in Bonn sickerte Ende letzter Woche eine Lösung durch, die Lauritzens zunächst bis 23. Mai befristete Ersparnis- und Erziehungsaktion zunächst einmal bis weit in den Sommer hinein verlängern könnte: Angesichts unsicherer Zusagen der Ölkonzerne würde danach die Tempoverordnung nicht aufgehoben, sondern nur gelockert -- auf 120 km/h.
Freilich bleibt unerfindlich, welche Fakten Lauritzens Hoffnung stützen, nun auch noch mit Tempo 120 zu erreichen, was ·die Marke 100 ihm verhieß.