ZEITGESCHICHTE Lied für Jenny
Mühsam versuchte der 17jährige im Tropenkhaki der US-Marineinfanterie, im Dämmerlicht des abgedunkelten Raums seinen »schwachen, müden und steifen Körper« aufzurichten. Er fühlte sich »wie ein alter Mann«.
»Mein Sohn«, vernahm der Soldat eine Stimme aus dem Halbdunkel, »dieses Land schuldet dir viel, doch es kann dir nichts geben, denn alles muß vergessen werden. Es wird keine Beweise geben, offiziell wird es nie geschehen sein. Eins mußt du mir jedoch versprechen: Um deines Landes willen schweige und erzähle niemandem etwas davon.«
»Yes, Sir«, gab der Marineinfanterist seine Zustimmung. Dann wurden die Jalousien etwas hochgezogen. Lawrence »Rick« Gardella erkannte den Mann mit der »schneidigen Stimme": US-Präsident Harry S. Truman, der ihm per Handschlag das Schweigegelöbnis abnahm und daraufhin das Besucherzimmer im U.S. Navy Hospital von Annapolis verließ.
Dies geschah am 28. Juni 1952.
Rick Gardella brach sein Versprechen erst 25 Jahre später - zufällig und ohne es zu wissen. Dem an Leukämie erkrankten Gardella hatten die Ärzte des Mount Auburn Hospital in Cambridge (Massachusetts) eine chemotherapeutische Behandlung verordnet. In deren Verlauf fiel der Patient zeitweilig in einen Dämmerzustand, in dem er wie im Traum zu sprechen begann.
Gardellas Frau Marie, die an seinem Bett wachte, erfuhr so - zunächst bruchstückhaft und zusammenhanglos - von einer phantastisch anmutenden geheimen Mission, auf die Ex-Marineinfanterist Gardella 1952 geschickt worden war und die zu verschweigen er gelobt hatte: die Zerstörung eines geheimen Atomlabors und eines Waffendepots im nordöstlichen China, aus dem die Truppen Nordkoreas ihren Nachschub bezogen.
»Mein Schweigeversprechen war halb gebrochen«, erkannte Gardella und erzählte seiner Frau den Ablauf des Unternehmens. Nach seiner Entlassung aus der Klinik bat er den Pater Chambers von der St. Mary''s Church in Franklin, Massachusetts, um Rat und Beistand. Der Priester empfahl ihm, seine Geschichte zu erzählen. Unter dem Buchtitel »Sing a Song to Jenny Next« ("Sing als nächstes ein Lied für Jenny") wurde Gardellas Geschichte am vorigen Freitag an amerikanische Buchläden ausgeliefert.
( Lawrence Gardella: »Sing a Song to ) ( Jenny Next«; E. P. Dutton, New York; ) ( 246 Seiten; 13,50 Dollar. )
Anfang April 1952 wird der 17jährige Gardella in das berüchtigte Ausbildungscamp der Marines in Parris Island an der Küste von South Carolina eingezogen. Seine Grundausbildung beendet Gardella nicht: Ende April wird er gemeinsam mit weiteren fünf Marines, die »wie ich unter ominösen Vorwänden geschanghait worden waren«, von Zivilisten einem harten Spezialtraining unterzogen. Sie lernen den Umgang mit sowjetischen Waffen, den Nahkampf mit Messern und Fallschirmabsprung aus niedriger Höhe.
In der Nacht des 9. Mai 1952 wird es ernst. Gardella und seine fünf Kameraden werden über China abgesetzt; ein Schotte ("Scotty"), der seit 17 Jahren in China lebt und für die Nationalisten Tschiang Kai-scheks kämpft, empfängt S.187 die Truppe und vereinigt sie mit einer Gruppe chinesischer Guerillas.
In einem Fußmarsch über 120 Kilometer führt Scotty, »der Mann mit dem Plan« (Gardella), die Mannschaft zum Sungari-Reservoir nahe der koreanischen Grenze. Der Stoßtrupp schleicht sich in das Höhlenlabyrinth unter dem See ein, schießt, sprengt und sticht sich seinen Weg zu den Waffenkammern frei.
Gardella findet Munitions- und Gewehrkisten mit amerikanischer Aufschrift (aus dem »Watertown Arsenal, Massachusetts") vor und zerstört sie. Er öffnet eine Tür mit chinesischen Schriftzeichen und wirft in den Raum, »der aussieht wie ein Labor«, eine Handgranate. Die Gewalt der Explosion zerfetzt Gardellas Hosen und fügt ihm Brandwunden an den Beinen zu. Scotty übersetzt ihm später die Türaufschrift: »Radioaktiv«.
Das Ziel der Mission war erreicht - ein Unternehmen, das nach Gardellas Überzeugung als »eine Selbstmordmission geplant war und bei dem die Verantwortlichen davon ausgegangen waren, daß es keine Überlebenden geben würde«.
Doch mit Hilfe des Überraschungseffekts und eines Flammenwerfers gelingt Gardella und seinen Gefährten der Rückzug. Chinesische Untergrundkämpfer unter Leitung einer Frau, die Gardella nach der Heldin eines US-Comicstrips »Drachen-Lady« nennt, führen die Amerikaner in einem langen Gewaltmarsch zu Pferde und zu Fuß südwestwärts an die chinesische Küste.
Mit einem erbeuteten Funkgerät nimmt Gardella Kontakt zum US-Kommando im Gelben Meer auf. Als Kode benutzt er den Text, den ein in China tätiger (mutmaßlicher) CIA-Agent nach Abschluß der Zerstörungsmission unter dem Reservoir abgesetzt hatte. Letzte Kode-Zeile: »Sing a song to Jenny next.«
Robert ("Gunny") Masters, der neben Gardella einzige überlebende Amerikaner, zieht es vor, in China im Untergrund zu bleiben. Gardella aber wird von einem US-U-Boot aufgenommen; Wochen später, an deren Verlauf er sich nur schemenhaft erinnert - weil er vermutlich mit intravenös verabreichten Drogen zum Sprechen oder zum Vergessen gebracht werden sollte -, findet er sich in Annapolis wieder, gegenüber seinem Präsidenten Harry Truman.
Drei Monate später wird Gardella »in Ehren« aus dem Marine Corps entlassen. Er heiratet, hat mit Marie die Töchter Susan und Janet und, wie er im März 1979 über dunkle Kanäle aus China erfährt, auch ein Zwillingspaar mit der patriotischen »Drachen-Lady«.
Gardellas Leukämie-Erkrankung, die nach Ansicht seines behandelnden Arztes, Dr. Mortimer Greenberg, von der Strahlenbelastung bei der Zerstörung des chinesischen Atomlabors herrühren könnte, führt zu Gardellas Tod am 16. Februar dieses Jahres.
Sein »Jenny«-Manuskript hatte Gardella zuvor an eine Reihe von Verlegern und Literaturagenten geschickt, von denen die meisten sich aber durch die Auflage des Autors abschrecken ließen, es müsse »als Tatsachenbericht« (nonfiction) veröffentlicht werden. Einzig der New Yorker Verlag E. P. Dutton war von der »Vitalität und Glaubwürdigkeit« des Gardella-Berichtes überzeugt. Er enthalte Beschreibungen, »deren Fälschung nahezu unmöglich ist«, sagt Dutton-Chefredakteur Charles Corn.
Eine Überprüfung der Fakten allerdings erweist sich als nahezu unmöglich: Der Autor kann nicht mehr befragt werden; und die, die es wissen müßten, schweigen oder dementieren.
Das Marine Corps in Washington etwa gibt an, Gardella habe während seiner Ledernacken-Zeit die USA nicht verlassen. Die von Gardella namentlich genannten Marines wollte Militärsprecher Penny Williamson »nicht als ehemalige Marines identifizieren«. Auch die CIA, von der bekannt ist, daß sie während des Koreakriegs sehr wohl in China aktiv war, will von nichts wissen.
Über Gardellas Treffen mit Truman hätten möglicherweise die Besucherlisten des Navy-Hospitals in Annapolis Aufschluß geben können. Doch die Unterlagen vom 28. Juni 1952 sind - neben anderen Schriftstücken - angeblich durch einen Brand vernichtet worden.
Nach Aussage eines Bibliothekars der Harry-S.-Truman-Bibliothek allerdings hat der Präsident Washington an jenem fraglichen Juni-Sonnabend nicht verlassen. Allenfalls könnte er sich heimlich auf den Weg zu Gardella gemacht haben. Und es hätte möglicherweise auch gar nicht bemerkt werden müssen - das Navy-Hospital ist nur anderthalb Autostunden vom Weißen Haus entfernt.
S.185Lawrence Gardella: »Sing a Song to Jenny Next«; E. P. Dutton, NewYork; 246 Seiten; 13,50 Dollar.*