PROPAGANDA Linientreue Chatter
Wer sich in China ein wenig Geld verdienen will, kann das auf ganz besondere Weise tun: als regierungskonformer Teilnehmer an Internet-Foren. Chinas Behörden heuern immer häufiger Bürger an, um Chatrooms zu durchforsten und aufmüpfige Beiträge mit linientreuen Ansichten zu kontern. Zudem sollen die Mitarbeiter, wie es offiziell heißt, »Anleitungen für Meinungen im Internet« geben, also auch Diskussionsthemen aufwerfen, die im Sinne der Führung sind. Voraussetzung für diesen Job sind unter anderem Kenntnisse in marxistischer Theorie und der KP-Propaganda. Die Polit-Interpreten der Provinzhauptstadt Changsha zum Beispiel erhalten für ihre Arbeit rund 600 Yuan (knapp 70 Euro) monatlich. Im Volksmund heißt die neue Berufsgruppe »50-Cents-Partei«. Das ist eine Anspielung auf Ereignisse in Chinas Geschichte: 1917 hatte der damalige Regierungschef Passanten mit ein paar Münzen bezahlt, damit sie für eine Kriegserklärung gegen Deutschland demonstrierten. Die alten Methoden der Zensur hat die Partei nicht aufgegeben: Jeden Montag erhalten die Internet-Provider von der ZK-Propagandaabteilung eine Liste mit verbotenen Themen, die Cyber-Kontrolleure sofort löschen müssen. Wer die Anweisungen ignoriert, muss mit Geldstrafen, im schlimmsten Fall mit Schließung der Firma rechnen.