STREITKRÄFTE Links ran
Zwei Tage bevor Bundeskanzler Konrad Adenauer am Freitag letzter Woche in Andernach am Rhein vor Heer, Marine und Luftwaffe des westlichen Deutschlands trat, bestieg ein schlanker Mann das mikrophonbestückte Rednerpult im sogenannten Parlament Mitteldeutschlands, in der Ostberliner »Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik«.
Mit zierlichen Händen legte der Mann ein vielseitiges Manuskript in den Schein der nach außen unsichtbaren Leselampe, warf einen Blick geradeaus aufwärts zur Diplomatenloge, in der Sowjetbotschafter Puschkin saß, senkte dann den Kopf, den Begrüßungsapplaus des Hauses übergehend, und begann nüchtern und mit gleichbleibender Stimme sein Skript vorzulesen. Mit der linken Hand verfolgte er auf den Schreibmaschinenseiten sicherheitshalber Zeile um Zeile des Manuskripts.
Der Mann hatte den Habitus eines Reserveoffiziers aus dem preußischen Mittelstand, und er trug einen olivgrünen auf drei Knöpfe gearbeiteten zweireihigen Waffenrock der legeren Art, die seit dem Kriege in West und Ost üblich und auch bei den bundesrepublikanischen Streitkräften eingeführt wurde. Goldene Generaisstickerei auf rotem Grund leuchtete vom Kragen, und die goldgeflochtenen Schulterstücke zeigten drei Sterne, die Rangabzeichen eines Generalobersten der Kasernierten Volkspolizei der Sowjetzone.
Der Redner war der erste Deutsche, der seit dem intrigenumtobten Abgang des Reichskriegsministers und Feldmarschalls von Blomberg im Jahre 1938 ein Ministerportefeuille mit dem Rang eines Generals verbindet: Es war Willi Stoph, 41, aktiver Kommunist seit 1928, stellvertretender Ministerpräsident der Sowjetzone, Atombeauftragter der DDR und als Pendant zu
Bundesverteidigungsminister Blank Verteidigungsminister des mitteldeutschen Staates.
Besonders gespannt lauschte am Mittwoch eine Gruppe von Volkskammer-Abgeordneten der »National-Demokratischen Partei Deutschlands« (NDP), als Stoph die Aufstellung einer »Nationalen Volksarmee« als östliches Gegengewicht zur Bundeswehr verkündete. Denn die NDP ist von den Machthabern der Zone als Sammelbecken für ehemalige Wehrmachtoffiziere ins Leben gerufen worden. Zu ihr gehören auch der Stalingrad-General Vincenz Müller und andere ehemalige Wehrmachtoffiziere, die in sowjetischer Kriegsgefangenschaft umgeschult wurden. Zwei Tage vor der Volkskammer-Sitzung hatte der Chef der Nationaldemokratischen Partei, Außenminister Dr. Lothar Bolz, 52, seinen Parteifreunden in einer Routinezusammenkunft erklärt: »Noch ist der Posten des Verteidigungsministers vakant.«
NDP-Mitglieder aus der Schule des Stalingrader »Nationalkomitees Freies Deutschland' wirken schon lange in zahlreichen Kommandostellen der Kasernierten Volkspolizei (KVP) und hatten bezüglich eines Verteidigungsministers bestimmte Vorstellungen. Aus gewissen Gründen hatten sie sich von einer Kandidatur des wegen großzügiger Schlamperei abgehalfterten ersten FDJ-Chefs Erich Honecker (SED) oder des frühzeitig als nationalkommunistischer Militärhistoriker hervorgetretenen Volksbildungsministers Fritz Lange (SED) mehr versprochen.
Aber da nun Willi Stoph am Rednerpult der Volkskammer die »Nationale Volksarmee« verkündete, war es klar, daß er der Theodor Blank der Sowjetzone werden würde. Nur dem NDP-Vorsitzenden Lothar Bolz ist dieser Willi Stoph willkommen, der seit 1950 aus dem Dunkel der mittleren SED-Garnitur aufstieg. Er ist für Bolz - einen Altkommunisten, der zur
NDP abgestellt wurde - eine gute Absicherung gegen den militärischen NDP -Flügel mit Vincenz Müller und den anderen alten Wehrmacht-Stabsoffizieren in der KVP.
Schon 1953 hatte Stoph, damals noch als Innenminister über die KVP regierend, den NDP-Vorsitzenden Bolz von der innerparteilichen Rivalität Vincenz Müllers befreit. Der General - der schon als junger Reichswehroffizier in des Generalobersten von Seeckt geheime Zusammenarbeit mit der Roten Armee geriet und 1931 Adjutant des politisierenden Reichskanzler-Generals von Schleicher war - hatte zur Vermeidung »politisch - militärischer Cliquenbildung« damals laut interner Anweisung des Innenministeriums seinen Posten eines zweiten NDP-Parteivorsitzenden zur Verfügung zu stellen und sich »ganz den Aufgaben der Landesverteidigung« zu widmen.
Vincenz Müller versuchte den Einfluß der alten Nationalkomitee-Militärs zu erhalten und durch Anwerbungen aus Westdeutschland möglichst so zu verstärken, daß die Berufsmilitärs ihren Rivalen aus den Reihen der militanten Kommunisten
- aus der Schule des Spanienkrieges oder der Moskauer Frunse-Akademie - Paroli bieten könnten. Müller wollte sogar dem körperlich und seelisch angeknacksten Feldmarschall Paulus Einfluß verschaffen. Aber sein einziger Erfolg blieb, daß er die Wiedereinführung »traditionell deutscher Uniformen« für die Volksarmee durchsetzen konnte.
Der dritte Mann
Verteidigungsminister Stoph, der die Verachtung der Rotspanien-Kämpfer für »Hitler-Offiziere« kennt, will allen Schwierigkeiten dadurch aus dem Wege gehen, daß er die alten Berufsmilitärs aus dem Truppendienst herauslöst und sie an Kriegsakademien versetzt. Sie haben ihre Schuldigkeit beim Aufbau der KVP getan, an ihre Stelle tritt der inzwischen in der Sowjet-Union sorgfältig herangebildete Parteinachwuchs zur Übernahme der Truppenführung der »Nationalen Volksarmee«.
Willi Stoph war niemals in interne Partei-Intrigen der verfeindeten Emigrantengruppen der KPD verwickelt. Er ist durch keine Feindschaften geschwächt und machte eine gerade Karriere von der Bezirksverwaltung Treptow (1945) über die Abteilung Wirtschaft des Parteivorstandes, über das für KVP-Rüstungen zuständige »Büro für Wirtschaftsfragen« beim Ministerpräsidenten (1951), über das Innenministerium mit der gesamten Volkspolizei und dem Staatssekretariat für Staatssicherheit (1952) bis zum dritten Mann im Staate hinter Grotewohl und Ulbricht.
Noch vor wenigen Wochen sagte Stoph in seiner Eigenschaft als Regierungs-Atombeauftragter in einer Vorlesung über Kriegführung mit Kernwaffen vor Generalstäblern der damaligen KVP: »Weisheit aus dem letzten Krieg nützt uns keinen Heller mehr.«
Als Stoph nach seiner parlamentarischen Wehrantrittsrede am Mittwoch letzter Woche mit einer knappen Kehrtwendung vom Podium abtrat und den obligaten Volkskammer-Einheitsbeifall kaum registrierte, nutzte ein NDP-Abgeordneter die Geräuschkulisse zu einer Bemerkung hinter der hohlen Hand an seinen Fraktionsnachbarn: »Ganze Armee - ganz links ran.«
Volkskammerpräsident Dieckmann (LDP) hob in seinem Schlußwort hervor, mit dieser Sitzung sei der Tag der Erinnerung an die Gründung des Deutschen Reiches von 1871 vor 85 Jahren würdig begangen worden.
* Von links nach rechts: Heeres-Maior im Ausgehanzug; Heeres-Major in Paradeuniform; Luftwaffen-Unterleutnant im Dienstanzug; Heeres-General im Dienstanzug; Admiral im Dienstanzug; Luftwaffen-General im Dienstanzug.