RUSSLAND Ljudmila staunt
Ihre Kindheit in Ostpreußen nach dem Krieg weckte Neugier auf die Deutschen. Deren Sprache erlernte sie am Dienstort ihres Ehemanns zu DDR-Zeiten in Dresden. Als er zum Vize-Oberbürgermeister von St. Petersburg aufstieg, nutzte sie die Städtepartnerschaft mit Hamburg, Deutschlands Westen zu erkunden.
Dorthin reiste Ljudmila Putina mit ihren in Dresden aufgewachsenen Töchtern Marija und Katja: Die konnten in einer Hamburger Grundschule für ein paar Wochen ihre Deutschkenntnisse aufpolieren.
Im Hamburger Generalkonsulat machte sie 1995 die Bekanntschaft einer Lady der feinen Hamburger Gesellschaft. Irene Pietsch, Gattin eines Bankkaufmanns, fand Gefallen an der »ungewöhnlichen Frau mit großer Ausstrahlung«, deren »üppige Unterlippe etwas Aufmüpfiges hatte«, mit ihrem »auffällig schönen, ganz leicht rötlich schimmernden, langen Blondhaar« und der »sinnlich runden Körpersilhouette«. Ihr Urteil: »Eine wirkliche Dame.«
So begann eine deutsch-russische Beziehung, über die sich Frau Pietsch literarisch geäußert hat, angereichert um weitere Ausflüge ins russische Seelenleben: »Heikle Freundschaften"*. Da mischen sich, wie oft auf dem west-östlichen Diwan, glückliche und bittere Erfahrungen mit Wunschdenken und Enttäuschungen.
So erwiesen sich die beiden Putin-Töchter als die »besterzogenen Kinder, die ich je kennen gelernt hatte«. Die kleine Marija ("Mascha") spielte beim Diplomatenfrühstück mit Wein und Wodka ein bisschen Geige, Mutter Ljudmila erwog, in Hamburg eine Nähmaschine zu erwerben und einen Schneiderkurs zu belegen. Daraus wurde nichts. Doch sie kam im nächsten
Jahr wieder, obwohl ihr Mann sein Amt verloren hatte. Pietsch: »Er war nichts mehr und Ljudmila eine Frau ohne Beziehungen.« Die eine hatte sie immerhin.
Mit den Kindern ging es zu Hagenbeck, wo sich Ljudmila der Biologie zuwandte: »Was baumelt bei den Pampashasen so ungewöhnlich lang zwischen den Hinterbeinen?« Irene gab (ungenau) Bescheid.
Sie fand sich mit Ljudmilas beharrlicher Unpünktlichkeit ab, auch mit ihrem Faible für Astrologie, die Sternzeichen galten ihr als Werturteil über Mitmenschen.
Die Russin bot Nachhilfe im Umgang mit Russen: »Du musst immer zwischen den Wörtern hören und zwischen den Zeilen lesen.« Russland im Zeichen des Sowjetsterns: Ljudmila berichtete aus ihrem früheren Beruf einer Stewardess, wie sie den Passagieren selbst geschmierte Butterbrote verkaufte - bis der Kapitän, am deftigen Gewinn unbeteiligt, das verbot.
Alles wollte Ljudmila von ihrer neuen Vertrauten erfahren über die Sitten und Gebräuche des Westens: Kann in Deutschland die beste Freundin einer Ehefrau ihren Mann ausspannen? Darf eine Verheiratete mit einem fremden Mann allein ausgehen? Gibt man im Kaufhaus Trinkgeld (sie gab), kann man in einem Lokal seinen eigenen Kuchen mitbringen (sie brachte)?
Und sie schilderte Irene Pietsch jenen Mann, der heute als Präsident über Russland herrscht: Genau der Richtige für mich, er trinkt nicht, und er schlägt mich nicht. Freilich sitzt er mit Freunden abends zu lange auf, und sie muss für Gürkchen und Fischlein zu den Getränken sorgen. Schon bei ihrem Vater, in Kaliningrad, störte sie diese russische Gewohnheit. Da musste sie hernach noch stundenlang mit kaltem Wasser Gläser spülen. Sie beschwert sich auch über die deutschen Männer: Sie fordern von ihren Frauen, jeden Tag früh aufzustehen, um dem Herrn das Frühstück zu bereiten. Nach diesem Muster verlange das auch Wladimir ("Wolodja") von ihr. »Leider«, witzelt sie, »ist er ein Vampir.«
Er habe sie, die über alles die Wahrheitsliebe schätzt, gerügt: »Wen interessieren schon deine Wahrheiten?« Fange sie mit ihrem Horoskop-Tick an, entziehe er ihr das Wort. Ihrer Freundin Irene Pietsch habe er bestellen lassen, sie verdiene ein Denkmal, wenn sie es drei Wochen mit Ljudmila aushalte.
Intensiviert, so jedenfalls berichtet Irene Pietsch, habe sich der Kontakt in dem Moment, als Putin zum Stellvertreter von Pawel Borodin, des (derzeit in New York inhaftierten) Chefs der Vermögensverwaltung im Präsidentenstab, befördert wurde.
Putin bezieht nun ein Büro im Kreml, und Ljudmila kann von Moskau aus emsig mit Irene Verbindung halten, auch über das Fax der Firma Intercommerz. Mit der hat ein Freund aus Dresden zu tun, der damals ein Kollege ihres Mannes bei der Stasi war.
Sie telefonieren und faxen und tratschen. Doch »die Zeit ohne physische Berührung fing sofort an, mich als Zeit der Verlassenheit zu quälen«, notiert die Hamburgerin voller Sehnsucht nach einem Wiedersehen, nach jenen »Augenblicken der Nähe«, da sich Ljudmilas »Körper, leicht intim anmutend, intensiv aufmerksam, wie in verhaltener Einladung, darbot«.
Wieder in Hamburg, besuchen die beiden Damen das Tanztheater Salomé und futtern im syrischen Restaurant Saliba, trotz Ljudmilas Abneigung gegen alles Orientalische. Mit den Kindern gehen sie in die Oper, obwohl Ljudmila mäkelt, weil sie die »Zauberflöte« schon einmal gesehen hat. Sie verlangt die Zarenloge, die in der bürgerlichen Hansestadt fehlt.
Kaffee und Kuchen in Irenens Wohnung mit Klatsch über Sex und den lieben Gott, ein Café in Eppendorf mit abgeschabtem Mobiliar, auf dem sich die Schickeria in Jeans wohl fühlt. Warum, staunt Ljudmila, zeigen sie nicht ihren ganzen Wohlstand? Sie selbst verpasst Termine, weil sie im Alsterpark endlos nach einem verlorenen Absatzflecken sucht.
Beim nächsten Hamburg-Trip sucht sie in Kaufhäusern und Boutiquen stundenlang nach Passendem, das sie dann noch dreimal umtauscht: Sie ergibt sich der fremden Welt des banalen Konsums.
Das Ehepaar Putin lädt seine Informationsquelle über die westdeutsche Bourgeoisie, das Ehepaar Pietsch, 1997 nach Moskau ein - eine Woche mit Besuch auf der Staatsdatscha im Villenvorort Archangelskoje. Ljudmila kocht Sauerampfersuppe, der Hausherr im melierten Pullover entwickelt einen »vor perlendem Esprit sprühenden Charme«, findet Irene: Seine von blau bis grün irisierenden Augen - »wie zwei hungrige, lauernde Raubtiere« - setze er als Waffe ein.
Irene hört sein Weltbild so: Das gemeinsame kulturelle Erbgut verbinde Russland mit Europa, nicht mit den USA. Alle bisherigen Reformen im Land, die vorgeschobenen wie die echten, könnten für einen Neuanfang zurückgedreht werden. Er bekenne sich zu einer russischen Spielart der deutschen Sozialdemokratie.
Im nächsten Jahr kommt seine Frau wieder nach Hamburg, bleibt nur vier Tage, in denen sie vornehmlich einkauft. Sie ärgert sich darüber, dass ihr Mann ihr eine Kreditkarte verweigert hat - doch der weiß wohl schon, welch Ungemach auf die Jelzin-Familie mit ihren angeblich aus der Schweiz gesponserten Scheckkarten zukommt.
»Ich werde nie wie Raissa Gorbatschowa werden«, soll sie gesagt und sogar bekannt haben: Wolodja fahre »immer nach Finnland, wenn er etwas Wichtiges zu besprechen hat. Er ist der Ansicht, dass man in ganz Russland nichts ungehört besprechen kann«. Der KGB-Oberst a. D. muss es wissen. Aus dem Urlaub in Südfrankreich ruft Ljudmila im Juli 1998 aufgeregt Irene an: »Wolodja ist zum Geheimdienst-Chef ernannt worden. Es ist furchtbar. Wir dürfen keinen Kontakt mehr haben.«
Er hat sein Versprechen gebrochen, nie wieder dem Geheimdienst zu dienen. Die schöne Zeit ist zu Ende. Die freiheitsdurstige Kaliningraderin beklagt ihr Los, das der Gemahl fortan womöglich jedem seiner Durchschnittsbürger bescheren könnte: »Diese entsetzliche Isolation! Nicht mehr reisen können, wohin man will, nicht mehr sprechen können, was man will ... Ich habe doch gerade erst angefangen zu leben!«
Die Freundinnen bitten wechselseitig, einander nicht zu vergessen. Seither hat sich Ljudmila Putina in Hamburg nicht mehr gemeldet. FRITJOF MEYER
* Irene Pietsch: »Heikle Freundschaften«. Molden Verlag, Wien;400 Seiten; 57 Mark.