Lodernde Fackel - DER SPIEGEL
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Lodernde Fackel

• aus DER SPIEGEL 14/1954
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Mit dem Alarmruf »Nischt wie weg, gleich fliegt die ganze Bude in die Luft« polterten am 20. März gegen 3.15 Uhr morgens drei Männer die Treppen des nachtdunklen Rathauses der sowjetzonalen Kreisstadt Wittstock an der Dosse hinunter. Sie rannten dabei fast einen Mann um, der beim Schließen der Kneipe am Marktplatz im nahen Rathaus Feuerschein gesehen hatte. Der Mann wollte die dreiköpfige SED-Wache alarmieren, die in den oberen Stockwerken des 700 Jahre alten Bauwerks ihre dort untergebrachte Kreisleitung zu bewachen hatte, und nun kam diese Wache ihm schon entgegengestürzt.

Die so eilige Flucht der Wachmänner hatte ihren Grund darin, daß der Diensttuende seine wachfreien Genossen zu spät geweckt hatte. Alle drei zusammen waren der Flammen nicht mehr Herr geworden. Eine dem ebenfalls eingeschlafenen Wächter entfallene Zigarette hatte die alten Holzböden entzündet. Als die Wache selbdritt zu löschen versuchte, fraßen die Flammen schon am Dachstuhl.

Peitschendes Knattern aus den Flammen verriet Minuten später, was die Wächterflucht so sehr beschleunigt hatte: Einige tausend Schuß Karabinermunition entluden sich in der Feuershitze, ohne daß sie irgendwelche Lücken in den Reihen der Klassenfeinde rissen.

Die Wittstocker Feuerwehr, eilends von einem Dorfbrand zurückgerufen, war inzwischen damit beschäftigt, wenigstens aus einem der verrosteten vier Hydranten auf dem Thälmannplatz Wasser herauszulocken. Als der Feuerwehrhauptmann endlich »Wasser marsch« kommandieren konnte, waren Rathaus, Kreisparteileitung (mit allen Karteien) und die Kampfgruppenmunition*) bereits ein Raub der Flammen geworden.

Als der Morgen dieser Brandnacht dämmerte, waren mit drei schwarzen EMW-(Eisenacher Motoren-Werke)-Limousinen Staatssicherheitsdienst-Beamte und der erste SED-Bezirkssekretär aus Potsdam schon zur Stelle, vernahmen die Nachtwächter-Genossen und veranlaßten prompt die Festnahme des fahrlässigen Rathaus-Brandstifters.

Da die Wittstocker aber schon lange Ärgernis daran nahmen, daß ihr Rathaus von der Partei zweckentfremdet benutzt wurde (die Stadtverwaltung war deswegen ausquartiert worden) und betrunkene SED-Nachtwachen bereits im Januar mit einem überheizten Ofen die Dachkammern angeschmort hatten, gab es aufsässige Diskussionen in der Bürgerschaft.

So kam es, daß am folgenden Sonntag im stillen Hinterzimmer des ortsbesten Konsum-Ladens eine intime Sitzung zwischen dem ersten Kreissekretär Franz Radecke, einigen Wittstocker Genossen und aus Berlin eilends entsandten Instrukteuren des SED-Zentralkomitees stattfand. Wenn es Radecke selber bei der Sache auch nicht ganz geheuer war, so wurde nach dem Rat der Emissäre aus Berlin doch der Plan ausgeheckt, aus dem fatalen Rathausfeuer wenigstens zu Ehren des bevorstehenden Parteitages nach bewährtem Rezept noch ein Übersoll an Agitation zu retten.

Noch am selben Sonntag mußten sich denn auch die 350 Wittstocker Parteimitglieder auf den Weg machen. Was ihnen dabei als Parole aus dem Konsum-Hinterzimmer mit auf den Weg gegeben wurde, war: Der wachhabende und festgesetzte Genosse sei zuerst vom Feuerschreck so verwirrt gewesen, daß er erst später vernünftig aussagte. Da habe es sich denn erwiesen, daß »faschistische Provokateure« den Brand gelegt hätten. Darum sei die gesamte Bevölkerung aufgerufen, am nächsten Tage gegen diese Untat vor der Rathausruine zu demonstrieren.

Am Ende dieser Kundgebung, nachdem Radecke gegen alle Gattungen von Faschisten gewettert und den Tätern »erbarmungsloses Zermalmen« angekündigt hatte, traten die fünfzehn Mitglieder der »Jugendbrigade Ernst Thälmann« der Maschinen-Traktoren-Station Fretzdorf auf dem Thälmannplatz

*) »Kampfgruppen«, unter dem Alpdruck des 17. Juni von der SED seit Dezember 1953 aus linientreuen Mitgliedern und Funktionären aufgestellt, werden als Partei-Hilfspolizei zum Einsatz bei Streiks und Unruhen wie die Volkspolizei bewaffnet. Waffen und Munition liegen in Vopo- und Parteidienststellen. vor die noch schwelenden Rathaustrümmer und verpflichteten sich geschlossen zum Eintritt in die SED.

Noch vor ihnen hatte ein Sprecher des Potsdamer Betriebes für zahnklinischen Bedarf seine Arbeitskollegen aus hundert Kilometer Entfernung verpflichtet, ihren Halbjahresplan um vierzehn Tage vorfristig zu erfüllen.

Die Wittstocker Partei aber ging im Namen der ganzen Bevölkerung die Verpflichtung ein, in freiwilligen Feierabendschichten innerhalb eines Jahres nicht nur ein neues Rathaus, sondern nun auch eine neue Kreisleitung zu bauen. Der über seiner Zigarette drei Tage vorher eingeschlafene SED-Rathaus-Nachtwächter war schon vor dieser Feierstunde mit dem SSD aus Wittstock verschwunden.

Angesichts des Parteitages hatte die SED-Presseleitung für die ganze Sowjetzone die Sprachregelung ausgegeben, das Feuer von Wittstock als »lodernde Fackel des von dem Griechenland - Pilger Adenauer in Europa geplanten Raubkrieges« zu behandeln und auszuschlachten.

Jene Brandstiftungsparole verfehlte selbstverständlich in Westdeutschland nicht ihre Wirkung. So ließ sich das Groschenblatt »Bild« auch diese Sensation nicht entgehen und brachte am 23. März unter der Überschrift »Arbeiter rebellieren gegen SED-Herrschaft - Rathaus in Brand« eine - auch in anderen westdeutschen Zeitungen verbreitete - Berliner Meldung von United Press:

»Zur ersten großen Protestaktion nach dem Volksaufstand vom 17. Juni in der Sowjetzone gegen die kommunistische Herrschaft kam es in Wittstock. Arbeiter zündeten das ... Rathaus an ... aus Protest gegen die aufgezwungene Mehrarbeit ''zu Ehren des IV. SED-Parteitages''.«

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