Lodernde Heime - DER SPIEGEL
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STÄDTE Lodernde Heime

Stadtflucht, Brandstiftung, Bankenkrachs - die texanische Ölmetropole Houston ist in steilem Niedergang. *
• aus DER SPIEGEL 41/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die im exklusiven Petroleum Club zu Houston dinierenden Ölmanager ließen Champagner auffahren. Zu feiern gab es am 28. Dezember 1981 den bevorstehenden Jahreswechsel und die neue Rekordzahl von 4530 Bohrinseln, auf denen im Golf von Mexiko Erdöl und Erdgas gefördert wurden.

Doch als die Stadtväter Wirtschaftskapitäne und Bewohner der texanischen Millionenstadt Kassen und Statistiken genauer prüften, wurde ihnen rasch klar: Die dollarschwere Zukunft der Ölmetropole war weniger gesichert, als die sektlaunigen Gäste im Petroleum Club vermutet hatten.

»Unsere wirtschaftlichen Wachstumsraten könnten abebben, vielleicht fängt es just in diesem Augenblick an«, argwöhnte Houstons Handelskammerdirektor J. L. Taylor damals.

Die Prognose des Wirtschaftsexperten erfüllte sich; mehr noch: Houstons Abschwung, den Taylor seinerzeit nur als Möglichkeit angedeutet hatte, war schon in Gang gekommen. Und wenn nicht alles täuscht, ist die Stadt in diesem Jahr auf der Talsohle angelangt.

Es brennt in Houston derzeit so oft wie lange nicht. Durchschnittlich 60mal pro Woche muß die Feuerwehr ausrücken, weil in den zentrumfernen Wohnvierteln die Eigenheime lodern. Selten muß sie mit anfahrenden Ambulanzen eingreifen. Denn zumeist sind die Häuser unbewohnt, wie ein Schild im Vorgarten zeigt.

Die Polizei nimmt das inzwischen als eindeutigen Hinweis auf Brandstiftung durch verzweifelte Hausbesitzer, die Feuer an ihr Eigentum legen. Wer sich nicht selbst traut, so die Erkenntnis der Polizei, heuert einen Profi an, der gegen eine 30-Prozent-Beteiligung an der ausgezahlten Versicherungssumme nicht lange fackelt.

In dem »warmen Abbruch« sehen viele Eigentümer die letzte Möglichkeit, ihre Immobilien ohne erhebliche Verluste wieder loszuwerden. 39 Millionen Dollar mußten die Versicherungsgesellschaften 1985 für Haus-Einäscherungen zahlen, im vergangenen Jahr waren es bereits mehr als 60 Millionen.

Die Brandstiftungswelle ist die häßlichste Seite im Niedergang einer Stadt, die »Energie-Hauptstadt der Welt« genannt worden war, weil sie einen beispiellosen Aufstieg erlebt hatte - dank Öl allein.

1836 von den New Yorker Grundstückshändlern Augustus und John Allen ohne ersichtlichen Anlaß in den texanischen Sumpf gesetzt, breitete sich die Stadt wie ein Schwamm aus, als in anderen Großstädten der USA die Einwohnerzahlen längst zurückgingen.

Jahr um Jahr kamen um die 100000 Menschen mehr nach Houston. Sie wurden angelockt von hervorragenden Berufs- und Verdienstmöglichkeiten, die das Öl-Business und die damit verbundenen Industrien boten. 670000 neue Jobs wurden in den siebziger Jahren in Houston geschaffen, einer für jeweils zwei neue Einwohner, Kinder eingeschlossen.

Von Bebauungsvorschriften ungezügelt, wuchs Houston maßlos in die Höhe und die Weite. Der Baukran wurde zum Symbol der neuen »Boomtown«, deren »gnadenlose Hitze«, monsunähnliche Regenfälle und gelegentliche Hurrikans mit anschließenden Flutwellen - so die Stadtbiographie »Houston: Die Geschichte eines Giganten« - durch einen einzigen Umstand aufgewogen wurden: Amerikas ergiebigste Erdölfelder lagen in der Nachbarschaft.

Branchengrößen zogen hierher: der Ölmulti Exxon etwa oder der Baumulti Bechtel, Texas Instruments baute ein Computerwerk und die Stadt ein »Astrodome«,

das lange Jahre größte überdachte Sportstadion (66000 Sitzplätze) der Welt. Banken, Versicherungen und Hotelkonzerne zogen architektonisch extravagante Wolkenkratzer hoch.

In der Woche waren die 30000 Zimmer der Hotels von Geschäftsreisenden belegt. Am Wochenende flogen die Mexikaner ein. Beide Gruppen ließen Millionen von Dollar in Boutiquen, Kaufhäusern und Restaurants.

»Das waren goldene Zeiten«, erinnerte sich der deutschstämmige Wolf Hengst, Vizepräsident der Hotelkette »Four Seasons«. Und Kenneth Schnitzer von der Century Development Corporation befand: »Wir waren in einem trunkenen Rausch von Fortschritt.«

Doch der mexikanische Peso wurde 1983 abgewertet, um dieselbe Zeit gerieten die Ölpreise ins Trudeln. Schneller und steiler noch als bei seinem Aufstieg zur fünftgrößten US-Stadt stieg Houston als Boomtown wieder ab.

1982/83 verloren innerhalb von nur 15 Monaten 160000 Menschen ihren Job. Die Besucherzahlen gingen zurück und mit ihnen der Bettenbedarf in den Hotels, die mitunter nur zu 30 Prozent belegt waren; einige machten am Wochenende zu.

Geld wurde plötzlich knapp in Houston. Die Job-Suchenden zogen davon, der Pleitegeier schwebte heran. Allein in diesem Jahr meldete ein knappes Dutzend Houstoner Banken Konkurs an.

Zu einem sicheren Gewerbezweig wurden die Umzugsbetriebe. Sie sind auf Monate hinaus ausgebucht, so daß Spediteure im 400 Kilometer entfernten Dallas beauftragt werden, Umzüge von Houston in den Norden der USA zu übernehmen.

In keiner anderen US-Großstadt sind Wohnhäuser derzeit wohlfeiler als in Houston. Ein Eigenheim, das in Los Angeles beispielsweise 210000 Dollar kostet, ist in Houston für nur 80000 Dollar zu haben.

Nirgendwo sonst steht mehr Büroraum leer - über 20 Prozent. Und wer mietet, kann mit großzügigen Zugeständnissen des Vermieters rechnen. Der bezahlt oft die Umzugskosten und gewährt bei langfristigen Mietverträgen bis zu ein Jahr Freimiete.

Doch daß sich die Stadt wieder aufrappelt, davon sind die Stadtgewaltigen ebenso überzeugt wie jene Houstoner Bürger, die der Ölpreisverfall bislang weder Job noch Geschäft gekostet hat. »Wir müssen diversifizieren«, erklärte Bürgermeisterin Kathryn Whitmire, 41, »wir können es uns nicht leisten, die nächsten zehn Jahre so vom Energiegeschäft abhängig zu sein wie bisher.«

Big Boss Oil hat seine Rolle in Houston tatsächlich ausgespielt. Der größte Arbeitgeber der einstigen Ölmetropole ist inzwischen das Texas Medical Center, das derzeit 1,5 Milliarden Dollar investiert, um sich - Texas bleibt Texas - bis zum Ende des Jahrzehnts zum größten Medizinkomplex der Welt auszubauen.

Dann, steht zu erwarten, wird auch eine zweite Houstoner Einrichtung wieder zu Bedeutung kommen: das Johnson Space Center, das Amerikas Astronauten durchs All führte. Es hat seit der »Challenger«-Katastrophe Funkstille und wird erst im nächsten Jahr beim ersten Shuttle-Flug nach dem Unglück die Stadt am Golf von Mexiko wieder in Erinnerung bringen können: »Hier Houston.« _("Foreclosure« = Zwangsversteigerung. )

»Foreclosure« = Zwangsversteigerung.

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