Lohnendes Feuer - DER SPIEGEL
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JUGOSLAWIEN / BRANDSCHÄDEN Lohnendes Feuer

• aus DER SPIEGEL 41/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Um 14.25 Uhr brach das Feuer aus. Der Löschzug brauchte nur 200 Meter von der Feuerwache bis zur Belgrader Möbelfabrik »Todor Dukin«, die am 25. August in Flammen stand.

Doch um 15.10 Uhr ging das Lackflaschen-Lager in die Luft. Die Explosion tötete den Geheimpolizisten im Ruhestand Nedja Davkovic, 40, der sich als Feuerwehrmann hatte bewähren wollen.

Um 17 Uhr stand nur noch das Kontorgebäude der Fabrik. Die Versicherung schätzte den Feuerschaden auf 1,7 Millionen Mark.

Es war das 83 500. Schadenfeuer Jugoslawiens in den letzten zehn Jahren: In fast jeder Stunde hatte es einmal gebrannt.

Die Flammen waren von Jahr zu Jahr gefräßiger geworden. 1964 vernichteten sie Werte in Höhe von 230 Millionen Mark, 1965 waren es 300 Millionen. Im vorigen Jahr stiegen die Verluste auf 440 Millionen Mark.

In den ersten beiden Monaten dieses Jahres allein wurden in 45 Großbränden Werte von 108 Millionen Mark zu Asche. Der Feuerteufe] wütete immer öfter an staatseigenen Groß-Objekten: in der Getreidehandlung »Zitopromet in Cacak (Schaden: 3,3 Millionen Mark), der Schuhfabrik »Kras« in Karlovac (1,7 Millionen Mark), dem Gummiwerk »Tigar« in Pirot (1,2 Millionen Mark).

Jetzt erst fiel Jugoslawiens Kommunisten die Vorliebe des roten Hahns für rote Objekte auf. »Wer«, wunderte sich das Parteiorgan »Borba«, »will das alles vor unseren Werktätigen verantworten?«

Die Verantwortung legt ein zehn Jahre altes Gesetz fest. Jedes jugoslawische Unternehmen, das die Feuerschutzvorschriften mißachtet, muß eine Geldbuße bis zu 300 000 alten Dinaren zahlen, jeder verantwortliche Funktionär kann mit 20 000 Dinaren herangezogen werden -- doch das ist heute nur noch der Gegenwert einer Hose: Inflation und Währungsreform haben die Brand-Bußbestimmungen überholt.

Doch werden nicht einmal immer die zulässigen Höchststrafen verhängt. Als in Cetinje Jugoslawiens älteste Druckerei samt Maschinen und historischen Erinnerungsstücken abbrannte, mußte der Direktor nur 5000 Dinar Strafe zahlen. Dafür hätte er sich gerade ein Hemd kaufen können.

Folge: Am Brandschutz wird gespart. Im neuen Hafen von Bar gibt es nur drei Feuerwehrleute -- ohne jedes Gerät.

Staatliche Inspektoren, die das Kühlhaus von Sarajewo zur Installation von Brandverhütungsanlagen zwingen wollten, wurden von der Kühlhaus-Direktion verklagt: wegen »Druck von außen zu unnötigen Kosten«. Während des Prozesses brach im Kühlhaus ein Feuer aus.

Einem jugoslawischen Betrieb kann in der Regel nichts Besseres widerfahren, als abzubrennen -- jeder Betriebsbrand bringt bares Geld. Jugoslawiens staatliche Versicherungsgesellschaft DOZ muß nicht nur verkohlte Werkhallen, Maschinen und Warenlager ersetzen -- sie haftet auch für alle indirekten Schäden wie Verdienstausfall, entgangenen Umsatz. Die sekundären Kosten sind im Durchschnitt fünfmal so hoch wie die direkten Verluste. Nach der Brandursache darf die Versicherung nicht forschen -- das ist Sache der Justiz.

Als der Zagreber Untersuchungsrichter Dragutin Karabin nach dem Herd eines Brandes fragte, der am 10. September um drei Uhr nachts in der Radio- und Fernsehfabrik »RIZ« ausbrach, erhielt er die Auskunft, das Feuer habe sich an einer explodierten Fernsehröhre entzündet. Richter Karahin glaubte eher an »innere Gründe«, die er noch nicht beweisen kann, die der Zagreber Journalist Zvizdic aber so formulierte: »Brandstiftung macht sich bezahlt!«

Dem Journalisten war aufgefallen, daß Jugoslawiens Feuerteufel besonders gern auf Dächer springt, unter denen sich Halden unverkäuflicher Industriewaren bis zum Schornstein stapeln: in der Möbelindustrie, die gegenüber 1966 um 21 Prozent höhere Bestände an Ladenhütern hat, und in der Schuhindustrie sowie bei den Konfektionären, deren nicht absetzbare Ausschußware sich seit dem Vorjahr um über 50 Prozent vermehrte.

Ein Brand ersetzt den Ausverkauf zu Schleuderpreisen -- und fördert die Modernisierung ·der Fabriken. Denn: »Wenn es brennt, bekommen die Betriebe Mittel, um modernere Anlagen zu kaufen«, berichtet Zvizdic über mögliche Brandstifter.

Mit Hilfe der Staatsversicherung können abgebrannte Direktoren ihre Betriebe renovieren. »Gezahlt wird nach Kalkulationen der Betriebe«, ermittelte Zvizdic, »also oft mehr, als die Sache wirklich wert war.«

An dem Verschönerungsverfahren finden Jugoslawiens staatliche Versicherungsdirektoren offenbar kein Fehl: Am 13. September brannte ein großes Gebäude in Pristina ab. Es war das Büro der Versicherungsanstalt.

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