»LUCY« CONTRA OKH - DER SPIEGEL
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»LUCY« CONTRA OKH

• aus DER SPIEGEL 10/1954
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Aus dem Kriegstagebuch eines Sowjet-Spions / Von Alexander Foote

Im ersten Teil der SPIEGEL-Serie berichtete Alexander Foote, wie er vom Freiwilligen des Spanien-Krieges zum Sowjet-Agenten wurde. In Genf hatte er seinen ersten Treff mit seiner Einsatzleiterin Maria Schultz (Tarnname »Sonja"), einer langgedienten Agentin, deren Mann Alfred Schultz wegen Spionage in chinesischer Haft saß. Von »Sonja« wurde Foote nach München geschickt, wo er sich, gemeinsam mit einem Spionenkollegen namens Bill Philips (Tarnname »Jack"), die Zeit mit allerlei phantastischen Plänen vertrieb. Bei Kriegsbeginn veriießen Foote (sein Tarnname ist »Jim") und Bill Philips Deutschland und hielten sich in Sonjas Nähe in der Schweiz auf. Zu Sonja war kurz vor Kriegsausbruch ein weiterer Agent namens »Alex« gestoßen, bei dem die Schweizer eine Menge Geräteteile fanden, die zum Bau eines Agenten-Funkgerätes bestimmt waren. »Sonjas« Netz entging jedoch der Aushebung durch die Schweizer Polizei, da Alex trotz der aufgefundenen Geräteteile nicht als sowjetischer Funkspion erkannt wurde.

Die ganze Angelegenheit gab jedoch Sonja sehr zu denken, und sie vergrub in Zukunft ihr Funkgerät im Garten; dadurch wurde die Sicherheit des Funkverkehrs erheblich erhöht (verglichen mit den früheren sorglosen Tagen, als der ganze Apparat im Hause verstreut herumlag), aber in demselben Maße auch die Bedienung des Geräts erschwert. Jedem, der sich der Spionage zu widmen wünscht, empfehle ich, nicht in einem Blumenbeet nach einer Keksschachtel herumzugraben, die die Hauptbestandteile des Funkgerätes enthält, während die festgesetzte Sendezeit unaufhaltsam näherrückt. Es mag zwar romantisch sein und zur besten Tradition gehören, aber es schafft auch außerordentliche Schwierigkeiten und ist ziemlich erniedrigend. Sonjas Tulpenbeet wurde keineswegs besser davon, und das Gerät litt natürlich unter den Eingrabungen erheblich.

Die einzige Aufgabe, die wir in dieser Zeit von Moskau erhielten, bestand darin, einen Kurier aus der Schweiz nach Deutschland zu senden, um die Frau und Familie Thälmanns, des deutschen Kommunistenführers, der von den Nazis ins Gefängnis geworfen war, aufzusuchen. Diese Aufgabe übertrug Sonja ihrer alten Bediensteten Lisa Brockel, die es verstand, ein Hin- und Rückreisevisum ohne Schwierigkeiten zu erhalten. Nach verschiedenen Schwierigkeiten stellte sie den Kontakt zu Rosa Thälmann her, die erklärte, daß Thälmann selbst in Hamburg im Gefängnis sei, und daß es ihm den Umständen entsprechend gut gehe. Lisa Brockel war nicht voll in Sonjas Spionagetätigkeit eingeweiht, da sie aber jahrelang in der Familie gelebt hatte und Alfred Schultz treu ergeben war, hatte sie doch wohl eine recht genaue Vorstellung von dem, was tatsächlich gespielt wurde. Und es war auch ihre Ergebenheit Schultz gegenüber, die zur nächsten Krise in unserem Leben und fast zur Katastrophe führte:

Sonja war in zunehmendem Maße mit dem Leben und ihrer Arbeit unzufrieden und wollte nach England zurückkehren. Das Haupthindernis dabei war, abgesehen von Moskaus Auffassung zu dieser Frage, natürlich ihr deutscher Paß. Um die britische Staatsangehörigkeit zu erlangen, überredete sie Bill, in die Heirat mit ihr einzuwilligen, falls sie die Scheidung von Schultz erwirken könne. Anfang 1940 sprach ein Schweizer Gericht die Scheidung aus. Gleich darauf heiratete sie Bill, womit sie das Anrecht auf

einen britischen Paß erwarb. Der ganze Plan wurde Lisa auseinandergesetzt, die über diese offenkundige Untreue ihrem alten Herrn gegenüber äußerst niedergeschlagen war. Sonja erklärte ihr allerdings, daß die neue Ehe nur dem Namen nach bestehe und daß sie keine Absicht habe, Schultz untreu zu werden; es handele sich lediglich um eine der zahlreichen »mariages blanches«, die damals in der Schweiz zwecks Beschaffung von Pässen geschlossen wurden.

Alles wäre in bester Ordnung gewesen, wenn die Sache sich nach Plan entwickelt hätte; es gab aber noch einen Faktor, der nicht bedacht worden war. Bill und Sonja verliebten sich ineinander, und es wurde offenkundig, daß es sich hier keineswegs nur um eine »mariage de convenance« handelte. Dieser Treuebruch Alfred Schultz gegenüber war mehr als Lisa vertragen konnte, und sie entschloß sich, dem Zustand durch eine Verzweiflungstat ein Ende zu setzen. Sie rief das britische Konsulat an, denunzierte Sonja und Bill als Sowjetspione und beschrieb das Versteck des Geheimsenders.

Aber wie es das Schicksal wollte: ihr Englisch war so schlecht, daß man im Konsulat nicht verstand, was sie sagte. Ein Angestellter setzte ihren Namen mit auf die Liste der Verrückten, von denen das Konsulat tagtäglich heimgesucht wurde.

Es lag auf der Hand, daß sie, solange sie in der Schweiz war - und Sonja und Bill in Liebe miteinander verbunden blieben - eine ständige Gefahr für uns alle bedeutete. Nach langem Hin und Her willigte sie schließlich ein, nach Deutschland zurückzukehren. Sie war eine treue, alte Seele; ich hatte sie gern, und sie tat mir leid. Wäre nicht die Liebe auf den Plan getreten, so wäre sie wahrscheinlich bis zum Schluß bei uns geblieben; aber so war es zu gefährlich, eine Gefahrenquelle in der Nähe zu haben. Es war schon schlimm genug, mit ansehen zu müssen, wie die Leiterin des Netzes und ihr nächster Mitarbeiter sich als Hochzeitspaar benahmen, ohne daran zu denken, daß die treue Bedienstete jeden Augenblick eine erneute Denunziation versuchen könnte - und diesmal vielleicht mit Erfolg.

In der Zwischenzeit hatte der Blitzkrieg begonnen, und mit der Niederlage Frankreichs waren wir in der Schweiz bald vollends isoliert. Die Katastrophe in Frankreich hatte aber auch (Weiter auf Seite 24)

noch einen unmittelbaren Einfluß auf unser Leben, denn sie brachte uns in direkte Berührung mit dem eigentlichen Nachrichtendienst. Wir sollten jetzt in das ständige Netz der Roten Armee, das schon seit Jahren bestanden hatte, eingebaut werden.

Der Grund dafür, daß die Sowjets gezwungen waren, zwei unabhängig voneinander arbeitende Apparate zu koppeln - was jede gut geführte Spionageorganisation peinlich vermeidet, da sich naturgemäß das Risiko des Aufplatzens verdoppelt, - war der unerwartete Erfolg der Deutschen in Frankreich und das daraus resultierende Abreißen aller Verbindungen.

Das ständige Netz der Roten Armee hatte seine Zentrale in der Schweiz und war über ganz West-Europa tätig. In der Vergangenheit hatte es seine Informationen als Mikrophotographien per Kurier nach Paris befördert, von wo sie über einen Sender, der zu einem französischen Hilfsnetz gehörte, nach Moskau übermittelt wurden. Der Fall von Paris unterbrach diesen Weg, und die Organisation hing in der Luft. Infolgedessen erhielt Sonja den Auftrag, die Verbindung zu »Albert«, dem Leiter des Netzes der Roten Armee in der Schweiz*), aufzunehmen und ihm ihren Sender zur Verfügung zu stellen. »Albert« hatte zwar den Auftrag gehabt, sich einen Sender zu bauen und Funkpersonal vorsorglich auszubilden, hatte sich aber nicht darum gekümmert, so daß seine Verbindung mit der Moskauer Zentrale abgerissen war.

»Albert« war in Genf stationiert, wo Sonja ihn aufsuchte, um beider künftige Verbindung zueinander zu klären. »Albert« hieß in Wirklichkeit Alexander Rado; er war ungarischer Kartograph und ein alter Sowjet-Agent. Seine Position in der Schweiz war unantastbar; in seinem Falle hatte Moskau ganze Arbeit geleistet, denn er war Partner einer alteingesessenen Schweizer kartographischen Gesellschaft, die großes Ansehen genoß. Er war klein und dick, sprach sechs Sprachen fließend, war ein ausgezeichneter Kartograph und pflegte die Kriegskarten vorzubereiten, die damals in der ganzen Schweizer Presse erschienen. Seine Frau, »Mary«, arbeitete auch mit und war in mancher Hinsicht der dominierende Teil von beiden.

Zuerst fuhr Sonja mehrere Male nach Genf, übernahm bei ihren Treffs Rados verschlüsselte Funksprüche und brachte sie dann zur Funkübermittlung in ihr Chalet nach Caux. Das war zeitraubend und konnte dazu führen, daß ihre häufigen Reisen den Verdacht der Schweizer Polizei erregten, die vielleicht den Zwischenfall mit »Alex« doch noch nicht vergessen hatte. Das Funkgerät wurde deshalb in einem Chalet bei Genf untergebracht, bis ein besserer und endgültiger Platz dafür gefunden werden konnte.

Zur selben Zeit - etwa im August 1940 - erhielt ich aus Moskau den Auftrag, nach Genf zu gehen und dort einen Funker für Rado auszubilden, so daß er sich von Sonjas Netz unabhängig machen konnte. Das war mein erstes Zusammentreffen mit Rado.

*) »Residenturleiter«, s. Schema Seite 22/23. Während der ganzen Zeit, die ich in der Schweiz verbrachte, habe ich nie sein Haus von innen gesehen, noch hat er je meine Wohnung betreten. Wir trafen uns immer an verabredeten Trefforten in irgendeiner »neutralen« Gegend - d. h. an einem Platz, wo wir beide verhältnismäßig unbekannt waren. Die Schweiz ist kein großes Land, und nach einiger Zeit wurde es in zunehmendem Maße schwieriger, eine neue Stadt zu finden, in der wir uns treffen konnten, ohne daß sie für den einen oder anderen von uns sehr unbequem gelegen war. Das gehört zu den Schattenseiten des Spionagedaseins.

Rado hatte den neuen Mitarbeiter geworben, der als Funker eingewiesen werden sollte, und kurz nach meiner Ankunft in Genf wurde ich in Verbindung mit »Eduard« gebracht. »Eduard« - oder, um ihn beim richtigen Namen zu nennen, Edmond Hamel - war Mitglied der »Nicole«-Partei in Genf. Diese Partei stand unter der Führung von Léon Nicole, war ausgesprochen linksgerichtet und enthielt eine große Zahl von »fellow-travellers«, ohne aber offiziell eine kommunistische Partei zu sein. Sie stellte ein ergiebiges Reservoir zur Werbung neuer Mitarbeiter für Rado dar, und Léon Nicole war selbst einer von Rados wichtigsten Helfershelfern. Er hatte Hamel für unsere Gruppe aufgetan.

Hamel besaß eine ausgezeichnete Tarnung für seine Tätigkeit als Funker, denn er betrieb ein Radiogeschäft in der Rue Carouge Nr.26 in Genf. Er war auch Radiomechaniker und Kurzwellen-Enthusiast, so daß er einen fliegenden Start für seine neue Laufbahn, oder besser für seinen Nebenberuf, hatte. Seine Frau Olga (Deckname »Maude") war auch Mitglied der Nicole-Partei und wurde zur selben Zeit geworben. Sie wußten beide, daß sie für die Sowjets arbeiteten, wollten es aber zuerst nicht recht glauben; sie gründeten ihre Zweifel auf die Tatsache, daß der Funker, der auf der Gegenseite saß, so schlecht arbeitete, daß sie einfach nicht wahrhaben wollten, er befinde sich in Moskau.

Das Haus der Hamels gab ein ausgezeichnetes Versteck für Sonjas Gerät ab. Wir transportierten es aus dem Chalet herbei und installierten es in der Wohnung oberhalb des Ladens. Sonja und ich bedienten das Gerät in den ersten Monaten selbst, wobei sie zu diesem Zweck aus Caux herüberkam, während ich Hamel einwies, bis er schließlich das Gerät selbst übernehmen konnte.

Sonja wurde immer unruhiger. Sie hatte Moskau wiederholt um Erlaubnis gebeten, die Schweiz verlassen und nach England zurückkehren zu dürfen. Erst im November, als Moskau sehen konnte, daß die Übergabe zufriedenstellend geklappt hatte,

Sonjas Gruppe in enger Verbindung mit Rados Leuten stand und die Verbindung mit Moskau sichergestellt war, erhielt sie die Erlaubnis zur Abreise. Am 20. Dezember fuhr Sonja mit ihrem britischen Paß nach London ab. Ich glaube nicht, daß sie von der Zeit an noch irgendeine Verbindung mit einem sowjetischen Agentennetz gehabt hat. Sie war zu enttäuscht durch den deutschsowjetischen Pakt, um noch weiter den Wunsch zur Mitarbeit zu haben, und war nur dankbar dafür, daß sie in Ehren in Vergessenheit versinken konnte. Moskau andererseits war offenbar durch den Zwischenfall mit »Alex« und die Denunziation der Lisa Brockel beunruhigt und, glaube ich, gleichfalls froh, sie gehen lassen zu können. Man wußte, daß Sonja als treue Parteigenossin nichts ausplaudern würde. Der Kreml hat im allgemeinen keine Bedenken dagegen, daß ein Mitarbeiter des Nachrichtendienstes ins Privatleben zurückkehrt, wenn die Umstände es zulassen und die Geheimhaltung gewährleistet ist. Rache wird an denen geübt, die plaudern oder sich umdrehen lassen*).

Bevor Sonja abreiste, sagte sie mir, daß ich den Auftrag erhalten hätte, nach Lausanne zurückzugehen und dort einen Sender aufzubauen, um einen Teil von Rados Funkverkehr zu übernehmen, sobald Hamels Gerät einsatzbereit sei. Hamels Morsekünste ließen noch viel zu wünschen übrig; deshalb ließ ich Bill Philips in seiner Wohnung, um ihm zu helfen, bis er es allein schaffte. Bill hatte nur einen Wunsch, nämlich nach England zurückzukehren, um Sonja wiederzusehen, aber das konnte ich nicht erlauben, solange die Organisation nicht ohne ihn auskommen konnte. So blieb er bis März bei Hamel und schied dann aus der Organisation aus.

Am 15. Dezember 1940 verließ ich Genf und fuhr nach Lausanne. In jenen Tagen war es nicht einfach, in der Schweiz eine Wohnung zu finden, denn seit der Niederlage Frankreichs und der Niederlande hatte ein Zustrom von Flüchtlingen eingesetzt, von denen ein großer Teil im Gelde schwamm, so daß akuter Wohnungsmangel eintrat. Das Problem wurde auch dadurch nicht einfacher, daß die Polizei eine Verordnung erließ, die es Ausländern verbot, Wohnungen zu ermieten, und bestimmte, daß sie in Hotels leben sollten. Das Motiv für diese Verordnung war teilweise ein sicherheitstechnisches, hauptsächlich aber ein

*) Einen Agenten »umdrehen": Ihn zur Tätigkeit für die Macht einsetzen, die er eigentlich bespitzeln soll. finanzielles. Der Krieg hatte den Touristenverkehr zum Erliegen gebracht, und die Schweizer sahen ihre Hotels nur sehr ungern leer stehen, während genug reiche Flüchtlinge da waren, die wahrscheinlich mehr Geld in einem Hotel als in einer Wohnung ausgeben würden.

Ich entschloß mich, diesen Erlaß zu ignorieren, zunächst einmal eine Wohnung zu mieten und abzuwarten, was dann geschehen würde. Mit einiger Schwierigkeit gelang es mir, eine brauchbare Wohnung in einem großen Häuserblock im Chemin de Longeraie Nr. 2 zu finden. Sie war in sich abgeschlossen und recht bequem, so daß ich von der übrigen Welt losgelöst war.

Ich hatte jetzt eine Wohnung, ein Funkgerät; alles übrige hätte einfach sein sollen. Leider verstieß ich aber wiederum gegen die Schweizer Gesetze. Die Errichtung jeder Art von Hochantenne auf einem Gebäude war verboten. Damit hatte Sonja sich nicht auseinandersetzen müssen, weil ein Draht, der über das Dach ihrer Einsiedelei in Caux gespannt war, dort auf dem Lande nicht aufgefallen wäre, mindestens aber kaum irgendein Interesse erregt hätte. Nicht so bei mir im Herzen von Lausanne. Wiederum beschloß ich, den Gesetzesstier bei den Hörnern zu packen oder vielmehr seine Existenz zu ignorieren. Den Ausdruck eines Idioten und heimatlosen Ausländers zur Schau tragend, ging ich zu einem nahegelegenen Radiogeschäft und bat, daß man mir eine Antenne für mein Radio in meiner hübschen neuen Wohnung ziehen möge. Ich erläuterte - was eigentlich keinerlei Erläuterung bedurft hätte, denn meine französische Aussprache war keineswegs ausgezeichnet - , daß ich Engländer sei und, da ich für die Dauer des Krieges von meiner Heimat getrennt bleiben müsse, natürlich den dringenden Wunsch habe, in engster Berührung mit den Vorgängen zu Hause zu bleiben. Deshalb wolle ich so viele englische Sender wie möglich hören. Ich fügte als Erklärung hinzu, die Kurzwellensendungen für das Ausland genügten mir nicht, denn sie enthielten nicht das volle Programm des Home Service, und außerdem Verstände ich nicht genug Französisch. Ich wünschte deswegen das Mittelwellenprogramm des BBC zu hören, das für die englische Bevölkerung bestimmt war, und das sei mit einer Zimmerantenne nicht zu empfangen.

Ich weiß bis auf den heutigen Tag nicht, ob ich mit meinem Apparat und der Antenne, die ich schließlich bekam, das gewöhnliche BBC-Programm wirklich hätte hören können und ob ich es

*) Im Erdgeschoß das ehemals Hamelsche Radio-Geschäft. nicht vielleicht ohnehin auch mit meiner Zimmerantenne empfangen hätte. Glücklicherweise wußte es der Mechaniker in dem Laden auch nicht.

Als er kam, erhob sich eine neue unerwartete Schwierigkeit. Der biedere kleine Mann wollte unbedingt, Gesetz hin oder her, daß ich die beste Antenne haben sollte, die die Schweiz zu bieten hatte, damit ich den Programmen meiner Wahl und meiner Heimat lauschen könne. Er hatte eine große und erstklassige Antenne mit jedem Zubehör, das man sich vorstellen konnte, mitgebracht; sie besaß auch eine Abschirmung, die dazu bestimmt war, jede Störung auszuschalten. Das wäre prächtig gewesen, wenn ich wirklich die Heimatnachrichten aus London hätte hören wollen; um jedoch die Heimatnachrichten nach Moskau weiterzugeben, war es einfach katastrophal. Was ich brauchte, war eine einfache, gerade Antenne von der richtigen Länge, ohne Vorrichtung zum Ausschalten der »parasites«, wie die Franzosen auf reizende Art die Störungen zu nennen pflegen. Im Gegenteil, ich hatte meinerseits den Wunsch, die Zahl der Parasiten im Äther nach Kräften zu vermehren. Zu guter Letzt, nach endlosen Erklärungen und großzügiger Anwendung von Whisky (von dem ich Gott sei Dank einen großen Vorrat besaß), brachte ich den Mann dazu, mir eine einfache, gerade Antenne zu ziehen, die meinen Zwecken entsprach.

Etwa eine Woche lang war ich so vorsichtig, die einzelnen Teile meines Funkgeräts in der Wohnung sorgfältig zu verstecken: einen Teil in der Matratze des Bettes und einen anderen hinter dem Bad - für den Fall, daß man mich angezeigt hätte und eine Haussuchung vorgenommen würde.

So etwas Drastisches geschah zwar nicht, aber ich erhielt doch einen Besucher, der günstigerweise gerade während dieser Zeit erschien, als meine Wohnung einen völlig harmlosen Eindruck machte und meine Lebensweise vollkommen der Legende entsprach, die ich mir zurechtgelegt hatte: ein Engländer, der in der Schweiz durch den Krieg überrascht wurde und über viel Zeit und ebensoviel Geld verfügte. Lausanne war voller Leute dieser Art, die vom echten Flüchtling und Kriegsgestrandeten bis zum glatten Drückeberger rangierten, der keine Lust hatte, zum Militärdienst nach England zurückzukehren, sondern lediglich auf bequeme und neutrale Manier den Krieg verbringen wollte. Ich versuchte, elegant zwischen beiden Extremen hindurchzusteuern, wobei mein ehrbares Äußeres durch die Tatsache einen leichten Stoß erhielt, daß ich offensichtlich im wehrfähigen Alter war.

Eines Abends klingelte es an der Wohnungstür, und als ich öffnete, stand draußen ein höflicher, kräftig aussehender Mann, der seinem ganzen Aussehen nach in keinem Lande der Welt etwas anderes hätte sein können als Polizist in Zivil. Er nahm in dem angebotenen Sessel Platz, zündete sich eine Zigarre an und erklärte mir in der entgegenkommendsten Weise, daß es eine Verordnung gäbe, derzufolge Ausländer keine Wohnungen ermieten dürften, und ob ich vielleicht so gut wäre, dazu Stellung zu nehmen.

Ich dachte mir, daß ein leichter Bluff und ein Appell an die Schweizer Liebe zum Gelde der einzig mögliche Weg seien. Ich setzte ihm auseinander, daß ich von der Verordnung keine Ahnung gehabt hätte, als ich die Wohnung mietete, und erst zu spät davon erfahren hätte. Ich fügte hinzu, daß nach meiner Kenntnis der Dinge die Hauptsache sei, sicherzustellen, daß die Hotels voll blieben, und zu verhindern, daß die Einnahmen, die die Schweizer Staatskasse aus der Anwesenheit der Ausländer erzielte, absänken. Ich sei durchaus bereit, die Wohnung aufzugeben, so unbequem es auch für mich wäre, und in ein Hotel zu übersiedeln, hielte es aber für meine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß er sich in einer kostspieligen Wohnung in einem kostspieligen Häuserblock befinde, und daß ich für diese Wohnung viel mehr Geld ausgäbe, als wenn ich still für mich in einer Pension oder einem Hotel wohnte. Ich sei ein Mann, der über einige Mittel verfüge und einfachen Vergnügungen huldige, und es täte mir leid, wenn mir die Möglichkeit genommen würde, sie zu genießen - nämlich, wenn ich - statt allein in einer Wohnung - auf engem Raum in einem Hotel leben müßte, insbesondere da jeder Wechsel in meinem bisherigen Lebensstil den Sterlingfluß aus meiner Tasche in die Schweizer Schatzkammern schmälern würde.

Schweizer Sparsamkeit siegte über polizeiliche Klugheit. Er fragte, ob ich bereit sei, meine finanzielle Lage darzulegen. Unter scheinbarem Zögern, solche privaten Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, erklärte ich, daß ich monatlich 65 Pfund aus England erhalte und darüber hinaus über ein Guthaben von einigen 15 000 Schweizer Franken auf der Bank verfüge. Ich fügte hinzu, daß ich natürlich jederzeit bereit sei, diese Angaben nachprüfen zu lassen, wenn er es wünsche, andererseits aber meinem Bankier jede polizeiliche Untersuchung wenn irgend möglich gern ersparen möchte. Er war so liebenswürdig, mein Wort gelten zu lassen, und verlangte keine weiteren Tatsachenbeweise. Das war schließlich auch gut so, denn mein gesamtes Vermögen belief sich in dem Augenblick auf 500 Dollar, die ich in meinem Notizbuch bei mir

hatte. Das Netz erlebte damals eine finanzielle Ebbe, und die monatlichen Überweisungen nebst dem ansehnlichen Bankkonto waren Ausgeburten meiner Phantasie.

Um den günstigen Zeitpunkt auszunutzen, fragte ich, ob ich für die nächsten sechs Monate in der Wohnung bleiben dürfe. Ich erhielt die Erlaubnis, die dann alle sechs Monate anstandslos erneuert wurde. Ich reichte schriftlich jeweils eine Erklärung ein, daß ich immer noch jene vollkommen fiktiven 65 Pfund im Monat erhalte und bekam postwendend die gewünschte Genehmigung. Ich hatte damit die beiden wichtigsten Hürden genommen, die ein Spion zu überwinden hat. Ich hatte eine feste, legale Basis, und meine Wege zur Nachrichtenübermittlung waren sichergestellt. Diese beiden Hindernisse bringen neunzig Prozent der Spione zu Fall, die ihr Leben am Galgen oder hinter Gittern beenden. Sie werden entweder bei der Nachrichtenübermittlung gefaßt - das heißt durch den Funkhorchdienst oder die Zensur - oder sie werden verhaftet, weil sie nicht in der Lage waren, sich in dem Lande zu legalisieren, in dem sie arbeiten.

Immerhin hatte ich bereits volle sechs Wochen damit zugebracht, mich mit der Polizei auseinanderzusetzen und meinen säumigen Mechaniker dazu zu bringen, die Antenne zu ziehen, so daß ich nun darauf brannte, das Gerät unverzüglich in Betrieb zu setzen.

Nacht für Nacht rief ich zu den festgelegten Sendezeiten, während auf meinem Empfänger die Wellenlänge entsprechend meinen Funkunterlagen eingestellt war. Mein Tasten fand im Äther keinen Widerhall. Moskau konnte oder wollte nicht hören. Es war alles um so verzweiflungsvoller, als ich ständig hören konnte, wie Moskau mich rief »NDA, NDA, NDA«, aber es war nicht zu erkennen, daß man auch mich hören konnte; nur immer wieder die Töne des Rufzeichens, was einem genau so auf die Nerven gehen konnte wie ein tropfender Wasserhahn.

Meine Beharrlichkeit wurde schließlich belohnt. Am 12. März tastete ich zum tausendsten Male das Rufzeichen »FRX, FRX, FRX«. Dann hörte ich durch das Summen und Knacken der zahllosen anderen Morsezeichen »NDA, NDA, OK, QRK 5« (QRK 5 bedeutete nach dem internationalen »Q-Schlüssel«, daß meine Rufzeichen sehr laut gehört worden waren). Die Verbindung war hergestellt.

Zweimal in der Woche pflegte ich mich fortan um ein Uhr morgens an meinen Sender zu setzen, um das wenige durchzugeben, das bei mir vorlag, und Moskaus Antwort aufzunehmen. Der einzige Auftrag, den mir die Zentrale in jenem Frühjahr gab, bestand darin, einen Bericht über die wirtschaftliche Lage in der Schweiz zu verfassen. Ich nahm den Auftrag zwar an, kümmerte mich aber dann nicht weiter darum, da ich über keine einschlägigen Verbindungen und Quellen verfügte. Moskau erkundigte sich gelegentlich besorgt nach dem Fortgang der Arbeit, und ich pflegte ebenso beruhigend zu antworten; dabei war das einzige, was ich tat, mich nach jemand umzusehen, der geeignet gewesen wäre, den Bericht für mich zu verfassen. Ich hatte Glück, denn bevor Moskau die Geduld verlor, begann die deutsche Invasion, worauf alle derartigen akademischen Angelegenheiten ad acta gelegt wurden.

Rado war in jener Zeit mein einziger Kontakt. Nachdem ich die Ausbildung Hamels beendet hatte, vermied ich peinlich jede direkte Berührung mit ihm, um unsere Enttarnung zu verhindern.

Unsere Hauptsorge galt gemeinhin den Finanzen. Ein Netz ohne Geld ist fast ebenso wertlos wie eines ohne Verbindungen. Die Niederlage Frankreichs hatte Rados Geldbörse geleert, und er lebte seitdem von den Geldmitteln, die ihm die Schweizer KP lieh; die aber drängte nun auf Rückzahlung. Der größte Teil meines Funkverkehrs mit Moskau betraf damals finanzielle Fragen, was zum Schluß dazu führte, daß ich mich um die Finanzierung des ganzen Netzes zu kümmern hatte. Moskau war zwar bereit zu helfen, aber keineswegs willens und wohl auch gar nicht in der Lage, mit irgendwelchen praktischen Vorschlägen hervorzutreten, außer in einem einzigen Fall, als es einen ausgesprochen törichten Plan entwickelte, und außer einem mißlungenen Versuch:

Per Funkspruch machte die Zentrale den hilfreichen Vorschlag, ich solle nach Vichy fahren und dort Geld bei einem Treff von einem Kurier in Empfang nehmen; sie fügte hinzu, daß ich, wenn das nicht möglich sei, zweifellos dafür sorgen könne, daß ein zuverlässiger Mittelsmann an meiner Stelle den Treff wahrnehmen werde.

Ich antwortete nicht ohne eine gewisse Schärfe, daß es in Europa unter den gegebenen Umständen für einen britischen Staatsbürger etwas schwierig sei, aus der Schweiz nach Vichy-Frankreich zu reisen und daß ein derartiges Unternehmen kaum ratsam sei, da es wahrscheinlich zu meinem restlosen »Aufplatzen«, mindestens aber dazu führen werde, daß das Netz und ich selbst der akuten Gefahr einer Enttarnung ausgesetzt würden. Und was das Ausfindigmachen eines zuverlässigen »homme de confiance« angehe, so besäße ich, wie die Zentrale ja wisse,

keine eigenen Quellen, denn man habe mir ja untersagt, selbst Quellen zu führen. Sollte ich aber schließlich doch einen zuverlässigen Mann finden, so würde sich das ganze Netz, bis er durch die Zentrale überprüft wäre, aller Wahrscheinlichkeit nach in einer höchst mißlichen Lage, wenn nicht gar im Gefängnis befinden. Die Zentrale war so taktvoll, den Vorschlag daraufhin fallen zu lassen, und ich hörte nichts mehr davon, bis sie im April oder Mai einen neuen Plan hervorbrachte.

Man teilte mir mit, daß ein Kurier aus Belgien unterwegs sei und daß er Rado in der Schweiz treffen würde, um ihm die Rado und mir gebührenden Gelder zu übergeben. Der Kurier kam auch wie verabredet an, erschien aber mit leeren Händen. Er erzählte dem wütenden Rado, daß es sich nur um eine Versuchsreise gehandelt habe, auf der festgestellt werden sollte, welcher Art die Grenzkontrollen zwischen Deutschland und der Schweiz seien; er, der Kurier, sei nach Überschreiten der Grenze nunmehr überzeugt, daß diese Route wegen der scharfen Kontrollen nicht gangbar sei. Doch nicht genug damit; er wurde noch geradezu beleidigend, als er versuchte, von dem so gut wie abgebrannten Rado Geld zu pumpen, um seine Rückreise zu finanzieren. Nachdem wir unsere Erfahrungen mit diesen beiden genialen Einfällen der Zentrale gemacht hatten, war es Rado und mir klar geworden, daß wir uns selbst einen Plan zum Beschaffen von Geld ausdenken

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SCHALTSCHEMA EINES AGENTEN-NETZES

Abseits der Schilderung persönlicher Erlebnisse erläutert Foote hier die theoretischen Grundregeln, nach denen sowjetische Agentennetze aufgebaut werden und arbeiten.

Der Leiter des Netzes ist der Residenturleiter (in meinem Falle: Rado). Von außergewöhnlichen Umständen abgesehen, wohnt er nicht in dem Lande, gegen das sein Netz operiert, sondern steuert die Organisation von einem ihm passend erscheinenden Nachbarlande aus, gegen dessen Interessen er nicht arbeiten darf (s. Graphik).

Zum Beispiel: wenn der Leiter einer Residentur in der Schweiz, dessen Netz gegen Deutschland arbeitet, eine Quelle ausfindig macht, die in der Lage ist, Nachrichten aus dem Schweizer Generalstab zu beschaffen, so wird er diese Quelle einem Residenturleiter übergeben, dessen Netz gegen die Schweiz arbeitet; der würde wahrscheinlich in Frankreich sitzen.

Der Grund hierfür liegt auf der Hand. Die örtlichen Polizei- und Abwehrbehörden sind natürlich in bedeutend höherem Maße an der Tätigkeit einer Person interessiert, die sie im Verdacht haben, gegen ihr eigenes Land zu arbeiten, als an jemandem, der - obwohl er in ihrem Lande wohnt - gegen eine ausländische Macht spioniert. Auch sind die Gefahren des Aufplatzens durch Verrat oder Doppelagenten viel größer, wenn der Residenturleiter gewissermaßen auf seinen eigenen Quellen sitzt.

Es ist dem Residenturleiter gewöhnlich verboten, Quellen anzubahnen. Es ist nicht seine Aufgabe, Agenten und V-Leute*) zu werben und Operationen zu leiten. Seine Aufgaben sind es, das Verbindungssystem zu kontrollieren, den Einsatz der Geldmittel zu steuern, die eingehenden Informationen zu sichten, auszuwerten und weiterzugeben, die Berichte zur Funkweitergabe an die Zentrale zu verschlüsseln und ganz allgemein die Arbeit in der ganzen Organisation zu überwachen und zu steuern. Seine V-Leute, Kuriere und Funker kennen ihn gewöhnlich nicht, denn er steht mit ihnen nur durch Verbindungsleute oder Mittelsmänner in Verbindung. Unter dem Residenturleiter

Unter dem Residenturleiter stehen die Mittelsleute und Kuriere, deren einzige Aufgabe es ist, die Nachrichten vom Agenten bis zum Residenturleiter und umgekehrt zu befördern. In den meisten Fällen kennen sie weder die Identität des Agenten noch der Mittelsperson oder des V-Mann-Führers, für die sie arbeiten, sondern treffen sich mit ihnen lediglich an bestimmten Plätzen zu bestimmten Zeiten, aber nie in ihren Wohnungen. Informationen oder Anweisungen, die sie befördern, sind entweder auswendig gelernt oder mit Schreibmaschine geschrieben. In letzterem Falle wird die Mitteilung auf einer Maschine durch ein häufig gebrauchtes Stück Kohlepapier geschrieben, die Kopie wird befördert und das Original vernichtet. Diese Methode macht es sehr schwierig, die Schreibmaschine zu identifizieren, auf der die Nachricht geschrieben wurde, falls das Blatt in unbefugte Hände fallen sollte.

Der Residenturleiter hat die Decknamen, die in seinem Netz gebraucht werden, auswendig zu lernen. Englische Vornamen kommen oft vor, wobei männliche und weibliche Namen ohne Rücksicht auf das Geschlecht des betreffenden Agenten verwendet werden; ein männlicher Agent kann also durchaus einen weiblichen Decknamen führen.

Abgesehen von den Personen haben auch Länder ihre eigenen Decknamen, und zwar verschiedene in den einzelnen Netzen. Im Schweizer Netz gegen Deutschland hieß

*) V - Mann: Vertrauens - Mann (nachrichtendienstlicher Fachausdruck für Spione, Spitzel usw.). Großbritannien »Brasilien«, Frankreich »Florenz«, Deutschland »Jersey«, und so weiter. Die UdSSR war immer »Heimat«. Andere Einrichtungen und Gegenstände besaßen ihre eigenen Namen. In meinem Netz war ein Funkgerät eine »Spieluhr«, ein Paß war ein »Schuh« - ein Paßfälscher wurde so natürlich zu einem »Flickschuster«; ein Gefängnis war ein »Krankenhaus«, und die Polizei hieß dementsprechend »Arzt«.

Der Einsatz der Geldmittel gehört zu den Hauptaufgaben des Residenturleiters. Er ist verantwortlich für die Bezahlung des ganzen Netzes und reicht seine Abrechnungen der Zentrale einmal im Jahr ein. Er hat außerdem seinen Kostenvoranschlag für die Ausgaben des kommenden Jahres vorzulegen.

Die in einem sowjetischen Netz gezahlten Gehälter stehen fast nie in einem Verhältnis zur geleisteten Arbeit. Statt dessen basieren sie auf den Bedürfnissen des einzelnen, der in die Lage versetzt werden soll, seine Stellung zu erhalten und seine Angehörigen zu ernähren. So ereignet sich häufig der paradoxe Fall, daß ein alter, bewährter V-Mann, der wichtige und gefährliche Arbeit leistet, viel weniger erhält als, sagen wir, ein Mittelsmann, der erst kurz vorher geworben wurde, aber eine bestimmte gesellschaftliche Stellung aufrechtzuerhalten hat, falls er nicht Verdacht erregen will.

Ein Residenturleiter erhält zwischen 250 und 500 Dollar im Monat, je nach Familienverhältnissen, sozialer Stellung und den Lebenshaltungskosten des betreffenden Landes. Ein Funker unter denselben Bedingungen würde etwa 100 bis 200 Dollar bekommen; wenn er aber gleichzeitig noch einen normalen Beruf ausübte, so würden nur die tatsächlichen Unkosten ersetzt werden. Agenten werden nach den Meldungen, die sie liefern, bezahlt, doch kann ein alter V-Mann, der laufend gute und umfangreiche Informationen beschafft hat, auch ein festes Gehalt beziehen. Prämien werden für außergewöhnlich gute Einzelleistungen bezahlt. Die Zentrale warnt vor zu hoher Bezahlung, die das Entstehen auffälliger Bankkonten begünstigt und zum »Privatisieren« (Aussteigen aus dem Netz) verleitet.

Hauptamtlichen Mitarbeitern eines Netzes wird gesagt, daß sie vollberechtigte und normal eingestufte Angehörige der Roten Armee sind und als solche für besondere Verdienste militärische Auszeichnungen erhalten können. In der Praxis bekommt der Agent selten mehr als das Versprechen, es werde ihm ein Orden verliehen, sobald seine Tätigkeit außerhalb der Sowjet-Union beendet sei.

Theoretisch kann das Mitglied eines Netzes nach fünf Jahren Auslandseinsatz unter voller

Bezahlung seinen Abschied nehmen. Seine Pension wird ihm aber nur in Rubeln und nur in der Sowjet-Union ausgezahlt. Wenn er nun versuchen sollte, in Ruhe und Frieden von seiner Pension in der Sowjet-Union zu leben, so würde er in der Praxis bald in Schwierigkeiten geraten, denn das Schlagwort »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen« würde zwangsweise auch auf ihn angewendet. Er würde es deshalb bequemer und sicherlich auch gesünder finden, sich für einen neuen Einsatz im Ausland zu melden oder aber sich schleunigst nach einer anderen Arbeit in der Sowjet-Union umzusehen. Abgesehen von der Rückkehr

Abgesehen von der Rückkehr in die Sowjet-Union nach Ablauf der fünf Jahre, werden V-Leute manchmal auch nach Moskau zurückgerufen, um an Besprechungen teilzunehmen oder einen Lehrgang auf irgendeinem Spezialgebiet zu absolvieren. In diesen Fällen begibt sich der Betreffende in ein anderes Land, gewöhnlich in eines, das mit der Sowjet-Union eine gemeinsame Grenze hat; dort trifft er an einem vorher festgelegten Treffort einen Abgesandten der Zentrale, der ihm einen neuen Paß (manchmal einen sowjetischen) mit den notwendigen Visen, natürlich auf einen falschen Namen ausgestellt, aushändigt. Der zurückgerufene Spion übergibt seinerseits dem Abgesandten der Zentrale einen versiegelten Umschlag, der seinen Originalpaß und die anderen Personalpapiere enthält, die er dann bei seiner Rückkehr aus der Sowjet-Union zurückerhält.

Häufig werden Mitarbeiter gar nicht deshalb nach Moskau zurückgerufen, weil es dienstlich notwendig wäre, sondern weil die

Zentrale feststellen will, wie der Betreffende auf solch eine Aufforderung reagiert. Wenn er sich sofort bereit erklärt zurückzukehren, so werden die Befehle für seine Rückkehr oft in der letzten Minute wieder rückgängig gemacht; zögert er jedoch oder wendet er ein, daß seine Rückberufung die Arbeit oder Sicherheit des Netzes in Gefahr bringen könnte, so ist Moskaus Verdacht sofort erregt. Er wird dann von der Zentrale »trotzkistischer Sympathien« oder eines weniger schlimmen Verbrechens verdächtigt und aller Wahrscheinlichkeit nach in ein anderes Land gelockt, wo er leicht in die Sowjet-Union entführt oder bequem liquidiert werden kann. Wenn der Spion aber unbedeutend und seine Kenntnis des Netzes begrenzt ist, so wird die Zentrale wahrscheinlich nicht solche drastischen Schritte ergreifen. Wenn die Zentrale der Ansicht ist, daß sein »Privatisieren« die Organisation nicht in Gefahr bringen bzw. ihre Arbeit nicht wesentlich beeinträchtigen kann, so wird er vermutlich bloß abgeschaltet, und alle diejenigen, mit denen er in Kontakt gestanden hat, werden herausgezogen und an anderer Stelle eingesetzt. Der einzige Fall

Der einzige Fall, in dem ein Mitglied des Netzes die Erlaubnis erhält, das Land zu verlassen, tritt dann ein, wenn er den Verdacht der Behörden erregt hat oder seine Sicherheit durch einen anderen Mitarbeiter, der des Doppelspiels verdächtigt wird, in Gefahr geraten ist. Wenn die Gefahr wirklich dringend ist, kann er sogar ohne Erlaubnis der Zentrale das Land verlassen. In solchen Fällen wird er sich zu seinem »geheimen Treffquartier« begeben, wo er von einem Mittelsmann erkannt werden wird, der sich für eine solche

Eventualität dort befindet. Der Mittelsmann wird aber den Kontakt nicht ohne weiteres herstellen. Er wird das Erscheinen des Mannes zur Kenntnis nehmen und der Zentrale melden, die ihrerseits überprüfen wird, ob es sich um den richtigen Mann und nicht um jemanden handelt, der von einer fremden Abwehrdienststelle für diesen Zweck eingeschleust worden ist. Die Zentrale wird außerdem bei der örtlichen Parteidienststelle und bei anderen Mitgliedern des Netzes die Umstände überprüfen, die zur Abreise des V-Mannes geführt haben, und wird, wenn die Überprüfung zufriedenstellend ausgefallen ist, die Erlaubnis zur Kontaktaufnahme am »geheimen Treffquartier« geben.

Ein Resident oder jeder andere Mitarbeiter, der einen Code kennt, der nur ihm und der Zentrale bekannt ist, hat noch einen anderen Weg, den er beschreiten kann, anstatt von dem »geheimen Treffquartier« Gebrauch zu machen, vorausgesetzt, er ist gezwungen, ohne besondere Anweisungen der Zentrale das Land fluchtartig zu verlassen. Er kann jeden sowjetischen Militärattaché, nur nicht den in seinem Gastlande lebenden, anlaufen - je weiter entfernt, desto besser - und übergibt ihm ohne Nennung seines Klarnamens eine mit seinem Code verschlüsselte Meldung zur Weitergabe. Der Militärattaché gibt diese Meldung nach Moskau durch, ohne weitere Fragen zu stellen, und vereinbart lediglich einen Treff auf einen späteren Tag. Moskau wird dem Attaché als Antwort eine Photographie des V-Mannes und die »Kontrollfragen« zusenden. Bei den Kontrollfragen handelt es sich um eine Reihe von Fragen und Antworten, die nur der Zentrale und dem betreffenden Mitarbeiter bekannt sind. Der Militärattaché wird bei dem nächsten Treff feststellen, ob die Person mit der Photographie übereinstimmt und befriedigende Antworten auf die Kontrollfragen geben kann; wenn ja, wird ihre Echtheit als ausreichend bestätigt angesehen, und der ausgewichene Resident oder Mitarbeiter wird mit weiteren Instruktionen versehen.

Jeder Residenturleiter hat seine eigenen Nachrichtenmittel. Vor dem Kriege war der normale Weg zur Beförderung von Informationen, die der Resident empfangen, gesichtet und ausgewertet hatte, die Mikrophotographie. Der Resident verschlüsselte seinen Text, der dann in Teile zu je 500 Schlüsselgruppen zerlegt wurde. Diese Teile wurden dann mikrophotographiert, so daß Negative von der Größe eines Stecknadelkopfes entstanden. Die stecknadelkopfgroßen Negative wurden dann auf gewöhnliche Postkarten geklebt, wobei die Position auf der Postkarte natürlich jeweils vorher festgelegt worden

war. Die Postkarte, die eine ganz harmlose und normale Nachricht enthielt, wurde dann von dem Residenturleiter an eine Adresse in einem Nachbarland geschickt, wo sie in Empfang genommen und entweder direkt oder durch einen weiteren Mittelsmann dem sowjetischen Militärattaché übergeben wurde, der sie entweder in der diplomatischen Kurierpost oder über die Funkstelle der Botschaft zur Zentrale leitete.

Ähnlich verfuhr die Zentrale, wenn sie mit einem Residenturleiter in Verbindung treten wollte; sie sandte eine Postkarte, die als Träger einer Mikrophotographie diente, in der Kurierpost an den Militärattaché des Nachbarlandes. Diese Postkarte sandte der Militärattaché an einen »Briefkasten« in dem Lande des Residenturleiters weiter, wo sie von einem Kurier abgeholt und dem Hauptmittelsmann ausgehändigt wurde, der sie seinerseits dem Residenturleiter übergab. In allen Fällen hatten die »Briefkästen« oder »Deckadressen« keine Ahnung von der Identität des Residenturleiters, des Militärattachés oder auch der Mittelsleute, die die Post abholten. Sie glaubten gewöhnlich, daß sie lediglich als Deckadressen für die örtliche KP fungierten, von der sie auch im allgemeinen geworben worden waren. Abgesehen von diesem System der Mikrophotographien wurden in den Netzen auch Kuriersysteme eingerichtet. Der Residenturleiter pflegte einen seiner vertrauenswürdigsten Mittelsleute zu verschiedenen Treffs in die Nachbarländer zu entsenden, wo er Kuriere der Zentrale zu treffen pflegte. Dieses System war, wenn auch etwas schwerfälliger, so doch offenkundig besser für die Übermittlung umfangreicher Dokumente oder Geräte geeignet. Diese beiden Systeme

Diese beiden Systeme funktionierten in Friedenszeiten recht gut. In Kriegszeiten, wenn die Verbindungen unterbrochen waren und die Post bestenfalls lange Zeit brauchte und schlimmstenfalls überhaupt nicht ankam, war das System natürlich unpraktisch.

In Kriegszeiten ist es lebenswichtig, daß die Zentrale ihre Nachrichten so schnell wie möglich erhält. Viele Meldungen, die der geheime Nachrichtendienst beschafft, betreffen Dinge operativen Charakters; sie würden wertlos sein, wenn sie auch nur den normalen Friedenslaufzeiten der Post unterworfen wären. Infolgedessen wurde die Funkverbindung als das übliche Bindeglied zwischen dem Residenturleiter und der Zentrale eingesetzt, und alle Residenten müssen jetzt in Moskau einen Lehrgang im Funkdienst und im Bau von Funkgeräten absolvieren, bevor sie ein Netz im Ausland übernehmen dürfen. Die Residenten sind also befähigt, dringende Meldungen, sobald sie verschlüsselt sind, sofort abzusetzen, ohne den für diesen Zweck vorgesehenen Funker heranholen zu müssen.

Aber auch wenn der Resident den Sender selbst bedienen kann, so ist es selbstverständlich höchst unerwünscht, daß er unter normalen Umständen sich selbst an das Funkgerät setzt oder, was noch schlimmer wäre, das Gerät in seinem Hause beherbergt und von dort aus funkt, weil er dadurch das ganze Netz in Gefahr bringen würde. Infolgedessen braucht man zuverlässige Funker, die zwar den Haupt-Mittelsmann, im allgemeinen aber nicht die Identität des Residenten kennen sollen.

Der ideale Funker ist, wie der Resident, kein Angehöriger des Landes, in dem er arbeitet. Obwohl er Ausländer ist, fällt es ihm leichter, seine nächtliche geheime Tätigkeit zu verschleiern, als wenn er Eingesessener mit vielen Freunden und Verwandten wäre, die alle neugierig sind und erfahren wollen, wie er seine freie Zeit verbringt. Insofern war ich ein idealer Funker.

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