Luft aus den Reifen - DER SPIEGEL
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RÜSTUNG Luft aus den Reifen

Rudolf Scharping will neue Panzerfahrzeuge für die Bundeswehr. Dabei operiert er mit fragwürdigen Argumenten.
• aus DER SPIEGEL 24/2000
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Die Anordnung des Heeresunterstützungskommandos II,2 vom 21. Oktober 1999 war knapp und präzise: »Folgende Panzer sind für den Austausch im Kosovo vorzubereiten.« Es folgte eine Liste mit zwölf Fahrzeugen und den Einheiten, die sie bereitzustellen hatten. Die Panzer vom Typ M113 sollten mit neuem Motor und neuem Getriebe nachgerüstet und dann schnellstmöglich Richtung Ex-Jugoslawien verschifft werden.

Doch die deutschen Kfor-Truppen warten bis heute vergebens auf das modernisierte Gerät. Grund: Auf einer Arbeitsgruppensitzung im Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung am 15. März dieses Jahres hatte das Heeresführungskommando plötzlich »keinen Bedarf zum Austausch der Fahrzeuge« mehr gesehen.

Den jähen Sinneswandel kommentiert ein mit der Materie befasster Offizier süffisant: Der Verdacht, dass »nicht primär militärische Überlegungen« für die Entscheidung ausschlaggebend waren, liege nahe. Rudolf Scharping habe den M113 zum Symbol für veraltetes Material beim Bund erkoren - modernisierte Varianten im Auslandseinsatz passten schlecht zu den Klagen des Ministers.

Immer wieder hat der Sozialdemokrat mit Verweis auf das Kettenfahrzeug einen »Rückstand« gegenüber den Nato-Partnern beklagt, der »teilweise peinlich« sei - eine These, die er mit scheinbar plausiblen Argumenten untermauert. Der 1962 in Dienst gestellte M113 sei fast doppelt so alt wie die Soldaten, die ihn bedienten, die vom TÜV zugelassene Höchstgeschwindigkeit betrage ganze 25 km/h.

Doch das ist weniger als die halbe Wahrheit. Denn der Minister verschwieg nicht nur, dass der M113 in einer modernisierten Version selbst bei den in Hightech verliebten Amerikanern bis mindestens 2025 in Dienst bleiben soll, sondern auch, dass die Bundeswehr bereits über 80 modernisierte, schnelle M113 mit »Nutzungsdauer-Verlängerung« (NDV) 2 verfügt, die nach Expertenmeinung der US-Version »leicht überlegen« sind. Die Nachrüstung von weiteren 260 Fahrzeugen ist fest vereinbart.

Dass Scharping dennoch den M113 systematisch schlecht redet, hat einen simplen Grund: Er will neues Gerät - den Radpanzer GTK (Gepanzertes Transport-Kraftfahrzeug), dessen Beschaffung nach vorläufigen Berechnungen zwischen sechs und acht Milliarden Mark kosten soll.

Dieses Vorgehen sei angesichts knapper Haushaltsmittel, so ein Sachverständiger des Heeres, »nicht zwingend logisch«. Zudem seien die Stückkosten für das GTK mit knapp drei Millionen Mark »unrealistisch niedrig kalkuliert«. Die Aufrüstung des M113 mit NDV 2 ist für den deutschen Steuerzahler ungleich günstiger. Sie kostet rund 500 000 Mark pro Fahrzeug.

Darüber hinaus stehe bereits ein M113 (NDV 3) als Prototyp zur Verfügung - Kosten: weitere 900 000 Mark pro Stück. Der sei, mit neuem Motor und Getriebe, verlängertem Fahrgestell, abgekoppeltem Laufwerk sowie Panzerung gegen ballistischen Beschuss und Minen, faktisch ein neuer Panzer, der dem GTK in vielen Belangen ebenbürtig, in manchen sogar überlegen ist.

Denn das GTK ist mit gut 33 Tonnen Gewicht zu schwer für das geplante neue Transportflugzeug der Bundeswehr - angesichts der Tatsache, dass die Neuanschaffung vor allem die Krisenreaktionskräfte stärken soll, ein schwerer Nachteil. Hinzu kommt: Eine Variante, die mit Drehturm samt Kanone ausgestattet werden soll, lässt sich nur schwer per Bahn transportieren. Das Ungetüm passt nur dann durch die Tunnel, wenn vorher die Luft aus den Reifen gelassen wird.

Dass die Führungsspitze des Verteidigungsministeriums trotzdem eisern am GTK festhält, hat eher industriepolitische Gründe. Auf dem Spiel steht die deutsche Führungsrolle bei den so genannten Landsystemen, vulgo: Panzerfahrzeugen.

Nur mit dem GTK, so die Argumentation der Lobbyisten, könne die »Leopard-Familie« Krauss-Maffei Wegmann/Rheinmetall ihre Kapazitäten auslasten - und so die europäische Vorherrschaft in diesem Sektor behaupten.

Doch auch gegenüber diesem Argument sind Zweifel angebracht. Der Markt für das GTK, einst ein trilaterales Projekt mit britischen und französischen Unternehmen, ist nach dem Ausstieg der Franzosen 1999 kleiner geworden. Die Folge: ein geringeres Produktionsvolumen und somit höhere Stückkosten. Die werden in Zukunft, aller Voraussicht nach, weiter steigen.

Denn auch die Briten haben jüngst signalisiert, dass sie zwar die Entwicklung des Radpanzers bis zum Ende mitmachen wollen, eine Beschaffung des GTK für ihre Streitkräfte jedoch nicht in Betracht komme. Mittlerweile rechnen Experten mit Kosten von 4,4 Millionen Mark pro Stück.

»Man muss das Ganze«, so ein Spötter, »als Solidarbeitrag zur Verwirklichung des Traums von der deutschen Führungsrolle bei den europäischen Landsystemen sehen - dann tut es nicht mehr so weh.« GUNTHER LATSCH

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