ENGLAND Luft mit Gejammer
Das Orchester spielte Haydns »Abschiedssymphonie«. Ein Musiker nach dem anderen - so hat es der Komponist vorgeschrieben - blies die Kerze auf seinem Notenpult aus und verließ das Podium.
Als es völlig leer und dunkel war, kam ein Mann zurück: Kenneth ("Red Ken") Livingstone, Vorsitzender des Greater London Council (GLC), zündete symbolisch eine Kerze wieder an, ehe er unter dem Beifall des Publikums von der Bühne abtrat.
Mit dem unheimlich starken Abgang protestierte Londons bekanntester Labour-Politiker am Ostermontag in der Royal Festival Hall gegen eine Verwaltungsreform der Thatcher-Regierung.
Sie löste zum 1. April den GLC und sechs weitere von der Labour Party geführte Großstadtverwaltungen auf. Ihre Funktionen - wie Müllabfuhr und Management des Nahverkehrs - übernehmen allein in London 67 neue Körperschaften. Die Reform soll Bürokraten abbauen und Geld sparen, wird aber wohl zu Kompetenzchaos und höheren Kosten führen. Politisch neutrale Fachleute und sogar gemäßigte Konservative zweifeln deshalb am Sinn der Reform. Und der rote Ken Livingstone verkündet zuversichtlich: »Nach den nächsten Parlamentswahlen kommen wir wieder.«
Die nächsten Parlamentswahlen werden frühestens Ende 1987 stattfinden. Doch ein wichtiges Zeichen wird schon jetzt bei der Nachwahl um den Sitz eines verstorbenen konservativen Abgeordneten im Londoner Stadtteil Fulham gesetzt. Obwohl Fulham mit nur 52000 registrierten Wählern zu den kleinsten Wahlkreisen Großbritanniens gehört, ist die Nachwahl zu einem Großereignis aufgestiegen.
Denn Fulham ist von der Zusammensetzung seiner Bewohner bis zu ihrem Wahlverhalten typisch für weite Teile Großbritanniens: Fulham war eine feste Labour-Bastion, ehe es 1979, dem Trend der Nation folgend, an Margaret Thatchers Konservative ging. 1983 stimmte es noch einmal mit überzeugender Mehrheit für die Partei der Eisernen Lady.
Nun aber hat die Labour Party die Konservativen wieder überholt - Umfragen zufolge im Landesdurchschnitt mit 34 zu 29,5 Punkten: in Fulham gar mit 44 zu 31 Punkten. »Wenn die Labour Party (in Fulham) verliert«, urteilt der liberale »Guardian«, »kann sie ihren Anspruch nicht aufrechterhalten, die natürliche Alternative zu Mrs. Thatchers Konservativer Partei darzustellen.«
Falls aber die Torys verlieren, so prophezeit auf der anderen Seite der konservative »Spectator«, werde die »Sommerluft vom Gejammer (konservativer) Abgeordneter erfüllt« sein, die glauben, Mrs. Thatcher verderbe ihnen ihre Wiederwahlchancen. Die Fulham-Wahl ist unvermeidlich auch eine Thatcher-Wahl.
Das Ansehen der Regierungschefin ist inzwischen so stark abgesackt, daß ein Desaster der Partei bei der Fulham-Nachwahl zu einer »Palastrevolte gegen ihre einst als unerschütterlich angesehene Herrschaft« führen könnte, meint die konservative »Daily Mail«.
Bergab geht es mit ihr schon seit Monaten. Im Januar verließ Verteidigungsminister Michael Heseltine die Regierung. Handels- und Industrieminister Leon Brittan mußte gehen, beide potentielle Thatcher-Nachfolger, beide Opfer der Westland-Affäre (SPIEGEL 3 und 6/1986).
Die als unerbittliche Zuchtmeisterin geltende Regierungschefin verschlimmerte die Krise, weil sie erstmalig zauderte statt zu handeln.
Geschadet hat Margaret Thatcher auch ihr Eintreten für die Übernahme von Teilen des maroden Automobilherstellers British Leyland durch Amerikas General Motors. Die Regierungschefin sah als reine Geschäftstransaktion, was Millionen von Landsleuten wie ein Ausverkauf Englands erschien. Schließlich fügte sie sich der öffentlichen Meinung und ließ die Übernahmeverhandlungen mit dem US-Konzern stoppen.
Ihr gleichermaßen arg- wie skrupelloses Geschäftsdenken erklärt wohl auch, daß Margaret Thatcher es nach ihrer Amtsübernahme nicht für nötig hielt, ihren privaten Aktienbesitz Treuhändern zu übergeben. Dieses Verhalten, das im März herauskam, verstößt zwar nicht gegen das Gesetz, wohl aber gegen die guten Sitten und paßt ins Klischee von der rücksichtslosen, aufgestiegenen Krämerstochter, die sich keineswegs am Ende ihrer Karriere sieht.
»Es ist noch so viel zu tun«, sagte Margaret Thatcher, als sie in einem
Rundfunkinterview erklärte, daß sie eine dritte Amtsperiode anstrebe. Und: »Wenn Sie sich jemanden wünschen, der weich ist, dann werden Sie mich nicht wollen. Von denen gibt es genug andere«.
»Es fällt schwer, einen Tory-Abgeordneten zu finden«, schreibt der konservative Abgeordnete Julian Critchley, »der gegenüber Margaret neutral empfindet.« Das gleiche kann vom Rest des Volkes gesagt werden: Entweder verehren die Briten Margaret, oder sie hassen sie. Und das Volk im Wahlkreis Fulham ist gespalten wie die Bevölkerung anderswo in England.
Margaret Thatchers konservativer Kandidat Matthew Carrington, 38, von Beruf Banker, kommt in jenen Teilen des Stadtviertels an, in dem die viktorianischen Reihenhäuser schmuck renoviert wurden und unter 150000 Pfund nicht zu haben sind. Es ist schick, in Fulham zu wohnen.
Dort parken in den Straßen Importwagen von BMW und Volvo. Die smarten Gäste in den Weinbars sprechen das Englisch der Mittel- und Oberklasse. Wenn sie bei der Wahl exzentrisch stimmen wollen, können sie sich für eine »Connoisseur Wine Party« entscheiden. Aufsteigende Technokraten stellen die Kundschaft der Antiquitäten-Läden, die in Fulham prozentual zahlreicher sind als in allen anderen Londoner Stadtteilen.
Das teure Antiquitäten-Angebot steht in scharfem Kontrast zu den billigen Gebrauchtkleidern in der North End Road, Fulhams Freiluftmarkt. Dort dominiert das Cockney der Londoner Arbeiterklasse, kaufen Rentner und schwarze Familien ihr Gemüse. In den Geschäften bedienen Einwanderer aus Indien und Pakistan - kein Wunder, daß da eine Außenseiter-Partei nicht fehlt, welche die Rückkehr der Zugereisten in ihre Heimal fordert.
Ernst zu nehmen ist auf diesem Fulhamer Territorium aber vor allem Nick Raynsford, 41. Von Beruf Direktor einer gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft, der Kandidat der Labour Party. Er attackiert Margaret Thatchers Beschäftigungspolitik im Quartier Gibbs Green, wo 26 Prozent der Erwerbsfähigen keine Arbeit haben (Durchschnitt für Gesamt-Fulham: 13 Prozent, knapp unter dem Landesdurchschnitt). In Fulhams vornehmen Vierteln wehrt er sich gegen den Vorwurf, daß seine Partei von Trotzkisten und Chaoten unterwandert und deshalb nicht regierungsfähig sei.
Die Konservativen halten in Fulham dagegen, daß Labour-Führer Neil Kinnock letzthin einen schweren Rückschlag erlitt: Er unterlag im Partei-Vorstand mit seinem Verlangen, zwölf radikale Labour-Funktionäre aus Liverpool auszuschließen.
Daß die Torys bei der Testwahl am Donnerstag dennoch eine Niederlage einkalkulieren, verriet der Abgeordnete Critchley: »Alle vereinigen sich im Gebet: O Herr, sollten wir Fulham verlieren müssen, dann überlasse Labour den Erfolg.«
Denn mehr als den alten Labour-Rivalen fürchten die Konservativen die dritte Kraft in Englands politischer Landschaft: Die von David Owen geführte Allianz aus Sozialdemokraten und Liberalen lag bei der letzten landesweiten Gallup-Umfrage Ende März noch einen halben Punkt vor der Labour Party. Und - was wichtiger ist - die Allianz pflegt in die konservative Stammwählerschaft einzubrechen. Labour dagegen holt meist nur abtrünnige Wähler zurück. _(Mit Ehefrau in Fulham. )
Mit Ehefrau in Fulham.