JUGOSLAWIEN Luft vermint
Der Feind kam aus einer unbekannten Richtung. Er besetzte die Ortschaft Kocevje im Norden Jugoslawiens. das einstmals von Deutschen besiedelte Gottschee in Slowenien.
Der Feind: zwei Panzerbrigaden, eine motorisierte Infanteriebrigade, eine mechanisierte Division, zwei mechanisierte Brigaden und ein Regiment, eine Fallschirmjäger-Brigade und zwei Artillerieregimenter.
Er stieß auf keinen organisierten Widerstand. Jugoslawiens Volksarmee hatte sich längst in unwegsame Gebiete Jugoslawiens zurückgezogen, wo Titos Partisanen auch im Zweiten Weltkrieg die größten Erfolge gegen Hitlers Armeen erzielten.
Doch wo immer der Feind einbrach. stieß er auf Widerstand, auf Mauern von Boykott und Haß. Ober Nacht wurden Tausende Flugblätter und patriotische Aufrufe verteilt, alle Jugoslawen sollten sich sofort bei den Partisanenstäben einfinden.
Mit dem Manöver »Freiheit 71« probten die Jugoslawen erstmals, was sich im Weltkrieg II bereits bewährt hatte: den »allgemeinen Volkswiderstand«. Sie probten mit dem Blick auf jene Sowjetmacht, von der sich Jugoslawien seit der CSSR-Intervention immer wieder bedroht fühlt. Und sie bekämpften den Phantom-Feind so begeistert, daß aus dem Manöver mitunter Ernst wurde.
Zunächst verlief alles nach Plan: Arbeiter bestreikten Fabriken, die sich schon in den Händen der Besatzer befanden, Bauern drehten Verkehrszeichen um. Hirten versahen auf den Hügeln Späherdienste, Bauern vergifteten das Trinkwasser in ihren Brunnen, Hausfrauen rüsteten sich mit doppelläufigen Flinten aus, Halbstarke pendelten auf Mopeds zwischen den illegalen Stäben der Partei und der territorialen Verteidigung und verteilten in Stafetten Untergrundzeitungen. Kinder bohrten mit Nägeln Löcher in die Reifen der feindlichen Fahrzeuge oder montierten ganze Räder ab.
Nach harten Kämpfen fiel dennoch -- laut Manöverplan -- die kroatische Hauptstadt Zagreb. Karlovac, die alte Feste der deutschen Kaiser gegen die Türken, mußte ein Bombardement über sich ergehen lassen. Doch als sich der Angreifer ("Blau") dann nach Süden gegen das bosnische Innenland und die Adria als Endziel der Offensive wandte. um Jugoslawien zweizuteilen, scheiterte er plangemäß.
Im Hinterland durch Diversanten und Saboteure ("Rot") verunsichert, stießen die Blauen am kleinen Flüßchen Kupa auf den vereinigten Widerstand der Jugoslawischen Volksarmee, der territorialen Verteidigungs-Organisation, des Zivilschutzes, der paramilitärischen Jugendbrigaden und der restlichen Bevölkerung.
Es standen sich nicht mehr -- wie bei herkömmlichen Manövern -- zwei Kampfparteien gleichen Charakters gegenüber, sondern zwei verschiedene Militärdoktrinen:
* diejenige, die von der Bedeutung des Faktors der Feuerkraft, der zahlenmäßigen Stärke und der Beweglichkeit einer Armee ausgeht, und
* eine andere, die den »moralisch, geistig und technisch auf den Kampf vorbereiteten Menschen« höher bewertet, »der imstande ist, auch das ihm nicht Verständliche zur Verteidigung dessen zu tun, was ihm eigen und heilig ist (so der jugoslawische Generalstabschef Bubanj vor Kadetten).
Bei einem vorhergegangenen See-Manöver -- nach der traditionellen Doktrin -- hatte vieles nicht geklappt: Radaranlagen waren durch Bedienungsfehler oder aus Mangel an Ersatzteilen ausgefallen. Zwischen den Schiffen wurden unverständliche Signale abgegeben. Ein Kapitän konnte seine beladenen Transporter nicht flottmachen, weil er die inzwischen eingetretene Ebbe nicht berücksichtigt hatte.
Beim Volksmanöver »Freiheit 71« (mit 320 000 aktiven Zivilisten und 80 000 Soldaten) war alles anders. Wohin der blaue Feind auch geriet, er fand nur verlassene oder verdunkelte Häuser vor, hinter deren Fenstern Bauern im Anschlag lagen.
In den Kleinstädten des (im Kern 40 mal 130 Kilometer großen) Manövergebietes schmierten Propagandatrupps auf Schaufenster mit schwer lösbarer Farbe Parolen wie »Mit Tito in den Krieg, mit Tito in den Frieden«. Auf offenen Flächen, die sich als Landeplätze für feindliche Flugzeuge oder Hubschrauber eignen konnten, schlugen Landarbeiter Pfosten in die vom Regen aufgeweichte Erde.
Ein Untergrund-Sender »Stimme der Freiheit« meldete »einen heimtückischen Angriff auf unsere freien Dörfer«. In schlammigen Feldern öffneten sich vor den Sehschlitzen entsetzter Panzerkommandanten heimtückische Fallgruben. Laut »Front«, der jugoslawischen Armee-Illustrierten, waren »sogar das Wasser und die Luft vermint«.
Das kampfbereite Jugoslawien spielte Vietnam. Als eine alte Bäuerin dazu gezwungen werden sollte, wenigstens den Namen der Ortschaft zu nennen, die der Feind gerade erreicht hatte, verweigerte sie die Antwort so lange, bis ihr der Kundschafter als Beweis seiner Zugehörigkeit zu »Rot« eine Broschüre vor Augen hielt, herausgegeben von der jugoslawischen »Sozialistischen Allianz der Werktätigen«.
Da erst erinnerte sich die Alte: »So eine habe ich auch zu Hause; du kannst nicht von den anderen sein!«
In Skakavac, einem Dorf, in dem es bisher nie auch nur eine öffentliche Veranstaltung gegeben hatte, boykottierte die Bevölkerung drei Einladungen der Besatzer, die mit aus Ljubljana herangeflogenen Sängern Sympathiewerbung betrieben.
Statt die beschädigten oder ausgeschalteten Feindobjekte, wie von der Manöverführung vorgeschrieben, nur durch Farben zu kennzeichnen, waren dem Kampfgeist der Bauern kilometerlange Telephonkabel, Hunderte von Autoreifen und wertvolles anderes Material zum Opfer gefallen. Allerorts wurden »Spione« denunziert und festgenommen.
Doch dann wurde aus dem Kriegsspiel der Ernstfall: Zum erbarmungslosen Kampf gegen die Invasoren aufgerufen. sahen die Übungspartisanen in den Blauen den wirklichen Feind. Verwundete, die sich bei einem Unfall verletzt hatten, erhielten aus Patriotismus keine Hilfe. Soldaten der angreifenden blauen Armee wurden, wenn sich Gelegenheit bot, verprügelt, und der Parteisekretär von Vojnik, der nicht mitmachen wollte, von der Volkswut bedroht. Die »Sozialistische Allianz« mußte in einem Aufruf eilig bekanntmachen, daß auch die blauen Aggressoren jugoslawische Soldaten waren.
Für die Einübung des Volkskriegs hatte die Armeeführung ein ideales Gebiet ausgesucht: eine serbische Sprachinsel innerhalb Kroatiens. Die dort lebenden Serben. deren Vorfahren als Verteidiger gegen die Türken angesiedelt waren, sind als Militaristen bekannt und erfahren in Volkstumskämpfen (gegen Kroaten).
Den Blauen gelang es noch, eine von roten Pionieren gesprengte Brücke in 27 Minuten durch eine andere zu ersetzen. Dann notierten die tausend Schiedsrichter -- schon nach vier Tagen -- »Panik, Verzweiflung und tiefe Depressionen« unter den Invasoren.
Generaloberst Doko Jovanic, Befehlshaber der roten Armee, war zufrieden: »Das Manöver hat die große Einheit zwischen Volk und Armee bewiesen.