Lust per Post - DER SPIEGEL
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USA / ZENSUR Lust per Post

• aus DER SPIEGEL 23/1966
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Als die U-Bahn in die Station Lexington Avenue / 59. Straße einlief, durchzuckte den New Yorker Verleger Ralph Ginzburg, 36, der Gedanke, sich vor den Zug zu werfen: »Welch ein dramatischer Schlußstrich unter das mir zugefügte Unrecht!«

In einer ebenso knappen (fünf zu vier) wie umstrittenen Entscheidung hatte der Oberste Gerichtshof in Washington ein Urteil bestätigt, das den quecksilbrigen Ginzburg fünf Jahre ins Gefängnis verbannt. Außerdem muß er 112 000 Mark Strafe zahlen - und das alles nur, weil er Eros in Amerika einbürgern wollte.

»Eros«, das war eine mit Witz und Geschmack gestaltete Vierteljahreszeitschrift, pro Nummer 40 Mark teuer und »den Wonnen der Liebe und des Sexus geweiht«. »Eros« verbreitete sich über »Die Liebe in der Bibel« und »Das Liebesleben Napoleons«, zeigte erotische Stiche alter Meister und Meisterphotos von der entblößten Venus Marilyn Monroe. Das Eierkopf-Eroticum (Auflage: 150 000) verkündete in Nummer 1 den »Tod des Puritanismus« und starb mit Nummer 4 von Zensors Hand.

1963 wurde Ginzburgs »Eros« von der Erst-Instanz als »obszön«, er selbst als eine Art Schmutzpatron der Nation verurteilt - aufgrund eines Gesetzes, das auf den puritanischen Großinquisitor Anthony Comstock (1844 bis 1915) zurückgeht.

Dieser Comstock, ein backenbärtiger Moral-Apostel und Präsident der einflußreichen »Gesellschaft zur Unterdrükkung des Lasters«, predigte: »Lust besudelt den Körper, macht den Geist korrupt, den Willen schwach - die Seele geht zum Teufel.« Dies zu verhindern, drückte der Lust-Mörder ein Gesetz durch, das den Postversand »obszöner Schriften« unter Strafe stellt. Als Zensor der Bundespost verschaffte er dem Gesetz Geltung. Vor seinem Tode brüstete sich der Staats-Schnüffler, er habe insgesamt 160 000 Tonnen erotischer Drucksachen aus dem Verkehr gezogen.

Comstock verlangte von einem Buch »Moral, keine Kunst«. Generationen von Zensoren und Richtern verfuhren deshalb nach dem sogenannten »Schulmädchen-Test": Bücher und Bilder, die eine Pennälerin erröten lassen könnten, galten als »obszön«.

Erst 1957 entthronte das Oberste Gericht das Durchschnitts-Mädchen und machte das Schamgefühl des erwachsenen Durchschnitts-Menschen zum Maßstab der Zensur. Fortan konnten nur noch solche Film- und Druckwerke gebannt werden, die ausschließlich »lüsternes Interesse« wachriefen und nicht »die geringste gesellschaftlich-konstruktive Bedeutung« besaßen.

Die neuen Obszön-Kriterien des Supreme Court - sie galten nicht nur für den Postversand sondern auch für den Ladenverkauf von Büchern, Bildern und Filmen - waren jedoch zu dehnbar. Untere Gerichte fällten aufgrund der höchstrichterlichen Richtlinien höchst widersprüchliche Urteile: Henry Millers »Wendekreis des Krebses« wurde beispielsweise in New York und Florida verboten, in Massachusetts und Kalifornien hingegen nicht.

Schließlich entschied das Oberste Bundesgericht, es selbst werde - für die ganze Nation bindend - von Fall zu Fall feststellen, was obszön sei. Daraufhin mußten die neun Weisen in Washington (Durchschnittsalter: 64 Jahre) jedes vor unteren Instanzen umstrittene Buch selbst lesen - aber nie nahmen sie Anstoß.

Englands lusterfahrene »Lady Chatterley« wurde zum Postversand freigegeben und durfte obendrein - wie Englands berühmteste Druck-Dirne »Fanny Hill« - hinter Schaufenstern feilgeboten werden. Henry Millers Sex -Romane mußten nicht mehr von Paris -Touristen eingeschmuggelt werden.

»Die USA, die einst sexuellen Freimut wie nur wenige andere Nationen unterdrückten, wurden zu einer der tolerantesten Gesellschaften der Welt«, kommentierte das Nachrichtenmagazin »Newsweek« die Entwicklung zur Offenen Gesellschaft.

Im Klima der Toleranz wucherte aber auch die Pornographie. Wohlsortierte Spezialbuchhandlungen in den großen Städten bieten an die tausend Titel feil. Das Angebot am New Yorker Times Square, dem »pornographischen Zentrum der Welt« ("Sunday Times"), läßt sich nicht einmal abschätzen. Die Hersteller der DBs (dirty books = schmutzige Bücher) setzen minimal 80 Millionen Mark pro Jahr um.

Um durch die Zensur zu schlüpfen, veranlaßten die Verleger der meist sadomasochistischen »Pornos« ihre Autoren, das vom Washingtoner Gericht geforderte »Minimum an gesellschaftlichkonstruktiver Bedeutung« in die schmutzigen Bücher hineinzuarbeiten. Die DBs wurden schlicht als Beitrag zur Lösung der Probleme unserer Zeit deklariert.

Mit diesem verquälten Sexus hatte Ginzburgs leichtfüßiger »Eros« nichts gemein. Prominente Schriftsteller - wie James Jones, Arthur Miller, Irwin Shaw

- nahmen für ihn Partei. Deshalb hoffte

»Eros«-Verleger Ralph Ginzburg - wegen Postversands obszöner Schriften von einem unteren Gericht in Philadelphia verurteilt - auf eine »epochale Ehrenrettung« durch die liberalen Richter in Washington.

Doch die Mehrheit der Richter war diesmal nicht milde gestimmt. Sie wollte

- wie laut Gallup-Umfrage 58 Prozent

der Amerikaner - jetzt einen Damm gegen die steigende Flut der »dirty books« bauen.

Die Richter-Majorität verkündete sogar ein neues, restriktives Kriterium des Obszönen. Zwar, so betonte Mehrheitssprecher William J. Brennan, sei Ginzburgs »Eros« selbst vergleichsweise harmlos gewesen. Jedoch habe Ginzburg durch eine »lüstern-sensualistische« Werbung die »kupplerisch-erotischen Neigungen seiner Abonnenten verstärkt«.

Der Beweis: Ginzburg hatte seinen »Eros« von zwei Kaffs aus losgeschickt. Das eine heißt Middlesex, das andere Intercourse - zu deutsch: Geschlechtsverkehr.

»Eros«-Verleger Ginzburg

Wie liebte Napoleon?

Pornographische US-Magazine: Wann errötet ein Schulmädchen?

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