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SCHULEN / SEXUALWISSEN m oder w

• aus DER SPIEGEL 51/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als »Pornographen« und »Pseudowissenschaftler« werden zwei Hamburger Universitäts-Soziologen beschimpft, weil sie angeblich »Schmutz aufwühlen« und »Dinge fragen, die Fünfzehnjährige einfach noch nicht wissen dürfen«.

Eltern-Zorn richtet sich gegen den Dozenten Dr. Norbert Schmidt-Relenberg, 38. und den Assistenten Dr. Peter Stromberger, 37, seit sie -- als erste Gelehrte der Bundesrepublik -- das Sexualwissen von Schuljungen und -mädchen erforschten.

Die Fragen an Schüler der neunten Klassen waren in der Tat dazu angetan, manche Eltern zu schrecken, Die zumeist Fünfzehnjährigen sollten beispielsweise »kurz beschreiben, wie sich der Geschlechtsakt vollzieht«, und Auskunft gehen,

* warum Menschen Geschlechtsverkehr haben, wenn sie keine Kinder wünschen oder bekommen können«;

* ob es sich bei Scheiden und Hoden, Schamlippen und Vorsteherdrüsen »um männliche (m) oder weibliche (w) Organe handelt«;

* ob »man es einem Menschen ansehen kann, wenn er Selbstbefriedigung ausgeübt hat?« (Antwort-Möglichkeiten: »Ja, in jedem Fall«, »ja, aber nur, wenn es häufig gemacht wird«, »nein");

* »wer Lustgefühle beim Geschlechtsakt hat« ("Nur der Mann«, »nur die Frau«, »Mann und Frau");

* in welchem Alter »ungefähr« beim Mann und bei der Frau »der Wunsch nach Geschlechtsverkehr ganz aufhört«;

* »wie die Lustgefühle beim Geschlechtsakt verlaufen«;

* »wen ein Mädchen küssen darf«.

Mit solchen Fragen genügten die Sex-Forscher etwa den Ansprüchen, die der hauptberufliche Sexologe Professor Hans Giese stellt. Während für den Hamburger Intimsphärenforscher bislang 19jährige Studenten die jüngsten Auskunftspersonen waren, hat der Leipziger Kinderarzt Heinrich Brückner schon 13jährige befragt (SPIEGEL 22/1969),

In der Bundesrepublik aber, wo mittlerweile an fast allen Schulen Sexualunterricht erteilt wird, »fehlt noch immer eine Grundlagenforschung« auf diesem Sektor, So jedenfalls begründet Schmidt-Relenberg seine Fragebogen-Aktion, denn: »Wir wissen ja gar nicht, was die Schüler über diese Gebiete bereits oder noch nicht wissen.«

In Hamburgs Schulbehörde gaben Oberschulrat Otto Brüggemann und Landesschulrat Wolfgang Neckel ihr Plazet. Brüggemann: »Solche Fragen müßten nach unseren Vorstellungen schon Schüler der Klassen 6 und 7 beantworten können.« Neckel verlangte allerdings, die gewählten »Klassenelternvertreter« müßten ebenfalls zustimmen.

Als die Eltern-Sprecher der neunten Oberschulklassen im Mädchengymnasium Klosterschule tagten. war die Mehrheit grundsätzlich dafür, eine kleine Minderheit allerdings radikal dagegen. Sie forderten, alle Eltern aller Kinder der Testklassen müßten gefragt werden und die Aktion billigen.

Die Sache kam vor die Schuldeputation der Hamburger Bürgerschaft, des Parlaments der Hansestadt. Und dieser mit 18 Eltern, Lehrern und Abgeordneten besetzte Ausschuß entschied im Sinne der um die Moral ihrer Kinder besorgten Eltern-Minderheit. Telephonisch instruierte die Schulbehörde alle Schulen: Sex-Umfrage nur mit Eltern-Plazet.

Das schien das Ende der ersten bundesdeutschen Aktion dieser Art zu sein, noch bevor sie begonnen hatte. Denn wenn sich irgendwo nur zwei von 30 Eltern dagegen aussprechen würden, hätte kein einziges Kind befragt werden dürfen.

Die Sex-Forscher Schmidt-Relenberg und Stromberger verzichteten darauf, Mittel- und Oberschüler zu befragen. Aber sie fanden einen Ausweg, um wenigstens an den Volksschulen noch Antworten zu sammeln -- allerdings etwas außerhalb der Legalität. Brieflich und telephonisch verwiesen sie die Rektoren von 40 der rund 300 Hamburger Volksschulen auf die Unterstützung der Schulbehörde und baten um Termine für die Befragung. Über die Weisung, die Zustimmung der Eltern müsse eingeholt werden, verloren sie kein Wort, denn -- so Schmidt-Relenberg: »Wir sind freie Forscher und nicht verpflichtet, die Leute zu informieren.«

15 Rektoren ließen die Befrager in die Klassen -- teilweise ohne die Eltern vorher zu fragen. Dazu Herbert Herzog, Referent für Sexualerziehung in Hamburgs Schulbehörde: »Daß die Rektoren ein bißchen überfahren worden sind, können wir natürlich nicht billigen.« Herzog hofft, daß sich Eltern nicht nachträglich noch beschweren.

Befrager Schmidt-Relenberg, der schon einen Teil seiner 500 ausgefüllten Fragebögen gesichtet hat, teilt nicht die Sorge mancher Eltern, ihre Kinder könnten durch Sex-Fragen verwirrt werden oder gar seelischen Schaden erleiden.

Schmidt-Relenberg: »Die Kinder wissen mehr, als ihre Eltern ahnen.«

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