Macht TV ungeil?
Sex ist schön und hält jung. Er ist gesund und hilft gegen Darmkrebs, Depression und Ausländerfeindlichkeit. Doch Sex hat zwei mächtige Gegner - das Auto und das Fernsehen. Autobahn-Raser, so hat das Fachblatt »Freundin« herausgefunden, wechseln so häufig die Frauen wie die Spur und sind schon deshalb schlechte Liebhaber. Und ausgerechnet italienische Psychiater haben festgestellt: »Zu viel Fernsehen tötet die Lust.« Das ergab eine Umfrage unter 1000 Paaren zwischen 25 und 55 Jahren. Ein erschreckendes Resultat: Je länger die vormals lüsternen Pärchen in die Glotze schauten, desto ungeiler die Stimmung. Schon anderthalb Stunden Television mindert die Paarungslust um 30 Prozent. Extreme Lustkiller sind Nachrichten, politische Talkshows und zweistündige TV-Dokumentationen über die weltweite Bodenerosion. Aber auch sonst gilt: Wo die Kiste lange flimmert, da schweigt der Trieb. Doch mal ehrlich: Schafft die »Late Night« wirklich lahme Lenden? Muss hier nicht differenziert werden? Wie steht es denn um die zahlreichen TV-Reportagen über Swinger-Clubs und Ballermann-Vögelei? Sind das etwa keine Appetizer? Ganz zu schweigen von erregenden Fußballübertragungen wie dem jüngsten Schicksalsspiel England - Deutschland, das zu spontanen Wiedervereinigungen - »Rudi, das ist der Durchbruch!« - in deutschen Wohnzimmern geführt haben soll. Nein, auch beim Verhältnis zwischen Sex und Fernsehen gilt das große Wort von Marcel Reich-Ranicki, Fernsehen mache die Klugen klüger und die Dummen dümmer. Stimmt: Den reizaktiven Nabokov-Leser macht noch der harmloseste Report über Seelöwen rattenscharf - doch der abgestumpften RTL-II-Couchpotato verhelfen nicht einmal die heißesten Telefonsex-Offerten zu ein paar Hera-Lind-Kuschelminuten. Es ist eben doch wahr: Lust entsteht im Kopf.