»Macht uns nicht schlechter, als wir sind«
Die SPIEGEL-Serie über England entstellt in mancher Beziehung nicht nur das Bild Großbritanniens, sondern auch das Ihres eigenen Landes. Nicht nur stimmen so manche Fakten nicht, nicht nur wird von meinem Lande ein höchst unausgewogenes Bild gezeichnet. Es sind vor allem die Haltung und der Zungenschlag meinem Lande gegenüber, die herausfordern und denen ich entgegentrete.
Das könnte sonst Mode werden und die wachsende Freundschaft und das gegenseitige Verständnis zwischen unseren beiden Ländern gefährden. Denn der entscheidende Faktor in den Beziehungen zwischen Ländern ist das Verhältnis ihrer Völker zueinander.
Vor einem Jahr bewies eine Meinungsumfrage in Großbritannien, daß Deutschland von den Briten als ihr bester Freund in Europa angesehen wurde, und zwar mit einem erheblichen Vorsprung vor jedem anderen Land, und daß die Briten die Deutschen ebenso schätzen wie die Amerikaner.
Als Politiker hüte ich mich davor, zuviel in Meinungsumfragen hineinzulesen. Dennoch: Vor dem Hintergrund unserer jüngeren Vergangenheit -- und nicht der Geschichte unseres viktorianischen Empires, einem Thema, von dem Sie besessen zu sein scheinen -- ist das Ergebnis bemerkenswert. Es beweist, daß wir Ihre Fähigkeit, hart zu arbeiten, Ihre Intelligenz und Ihr praktisches Denken bewundern.
Die Bürger von Plymouth, wo ich geboren wurde, aufwuchs und die ich seit 13 Jahren im Parlament vertrete, erkennen Ihre Leistungen an, ich weiß es aus eigener Erfahrung. Plymouth litt erheblich unter dem »Blitz« von 1941, und gerade weil wir unsere eigene Stadt wiederaufbauen mußten, können wir die Anstrengungen und die Opfer würdigen, die es gekostet haben muß, so viele Städte in Ihrem Lande wiederaufzubauen. Wir bewundern Ihre wirtschaftliche Gesundung, Ihre Fähigkeit, Ihre Industrie zu modernisieren, und Ihren erfolgreichen Kampf gegen die Inflation.
Aber wir sind auch auf unser eigenes Land stolz. Wir akzeptieren Kritik und verbringen möglicherweise sogar zuviel Zeit damit, uns selbst zu kritisieren, aber wir erwarten auch Verständnis. Wir sind nicht zu stolz, um einzugestehen, daß wir vor einer schweren Herausforderung stehen: unsere industrielle und wirtschaftliche Stärke, unsere Leistung ganz allgemein zu verbessern. Diese Herausforderung muß in erster Linie von unserem eigenen Volke angenommen werden, aber wir erhoffen uns auch von Ihrem Land, das wirtschaftlich stark und elastisch ist, Verständnis -und dies vor allem im Rahmen der praktischen Möglichkeiten, die Ihnen in den kommenden Jahrzehnten gegeben sein werden.
Ihre Artikel-Serie, in der immer wieder das Empire mit dem England von heute kontrastiert, liest sich wie ein Hollywood-Drehbuch. Selbst auf dem Höhepunkt des Empires war der Lebensstil, den Sie beschreiben, einem sehr kleinen Teil der britischen Bevölkerung vorbehalten. Der einfache Soldat, so wie Rudyard Kipling, oder der Mann auf der Straße, wie ihn Charles Dickens beschrieb, hatte wenig teil am Reichtum des Empires. Die Nostalgie für den Pomp und Putz der Vergangenheit hält sich deshalb in Grenzen.
Über zwei Drittel der heutigen Bevölkerung Großbritanniens war entweder noch nicht geboren oder ging noch zur Schule, als Indien 1947 unabhängig wurde. Ich selbst war damals neun Jahre alt. Was Sie das »liebenswert-staubige Zeremoniell« vergangener Tage nennen, wird zwar Jahr um Jahr von Touristen aus Ihrem Land und aus aller Welt bestaunt -- aber es ist für uns viel weniger ein Symbol unserer Identität als jene anderen äußeren Zeichen, mit denen auch Sie uns identifizieren können: unseren modernen Schriftstellern und Akademikern, Musikern und Künstlern aller Bereiche, unseren vielen Nobelpreisgewinnern, deren Arbeit in Deutschland und überall in der Welt leicht zugänglich ist.
Voller Geduld und mit Erfolg haben wir unser Empire zerlegt. Heute werden wir vor allem dafür kritisiert, daß dies so lange gedauert hat. Dafür gab es zwei Gründe: einmal eine gewisse Sentimentalität, aber dann auch ein sehr bestimmtes Pflichtgefühl. Wir glaubten, die Übergabe von Macht sollte sich in einem Rhythmus vollziehen, der es den neuen, unabhängigen Ländern ermöglichte, sich schrittweise zu entwickeln.
Das Ergebnis spricht für sich: Wir haben rund 40 Ländern auf friedliche Weise und unter demokratischer Kontrolle die Unabhängigkeit gegeben. Schwierigkeiten und Pannen waren nicht zu vermeiden, sogar nicht Tragödien und Katastrophen. Aber die Entschlossenheit, mit der wir uns von unseren Besitzungen getrennt haben, anstatt so lange wie möglich die Früchte des Empires zu genießen, hat einen entscheidenden Beitrag für die Sicherheit und den Frieden in der Welt geleistet.
Das wirkliche Erbe des Empires ist für uns Briten von heute nicht das Photoalbum verblaßter Erinnerungen, das Sie herausgekramt haben, sondern das Netz weltweiter politischer Beziehungen, das wir in dem vielrassigen Commonwealth geknüpft haben, in dem 39 Nationen, Republiken wie Monarchien, immer noch die Königin als ihr Oberhaupt anerkennen.
Jahrzehntelang haben wir großzügig zur wirtschaftlichen Entwicklung ärmerer Nationen beigesteuert. Unsere Entwicklungshilfe hat eine schnellere Wachstumsrate als irgendein anderer Ausgabenposten -- eine Entscheidung, die primär moralisch gerechtfertigt ist. Sogar heute noch geben wir 0.38 Prozent unseres Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe aus, der Anteil Ihres Landes liegt nur bei 0,27.
Der Nord-Süd-Dialog ist für uns alle gleich wichtig. Er hat bereits Früchte getragen in den Beziehungen zwischen der Europäischen Gemeinschaft und den Ländern des Lomé-Abkommens, und an der Entwicklung dieser Beziehungen hat England maßgeblich mitgewirkt.
Wir haben unsere neue Rolle gefunden. Nach einer langen und kontroversen Auseinandersetzung wurden wir 1973 Vollmitglied der Europäischen Gemeinschaft. Viele Briten meiner Generation sind für diese Entscheidung eingetreten, und wir haben zu unserer Überzeugung gestanden, oft zu einem erheblichen politischen Preis.
Es war meine Generation, die für die Aufgabe unserer militärischen Verpflichtungen östlich von Suez eintrat. Englands Perspektive heute ist zugleich europäisch und atlantisch. Wir wissen, daß die Zeiten vorbei sind, in denen wir unseren Einfluß immer allein geltend machen konnten. Bereitwillig akzeptieren wir die Verpflichtung, unser Gewicht in Absprache mit unseren Freunden und Verbündeten einzusetzen. Aber wir können nicht in jedem Fall unsere Geschichte und daraus erwachsende Verpflichtungen preisgeben. »Wir wenden vergleichsweise mehr für Verteidigung auf als Sie.«
Wir haben uns auf dem Höhepunkt des Stalinismus für die Verteidigung des Westens und seiner Freiheit entschieden. Ihre Serie beweist keinerlei Verständnis für die enorme finanzielle Last, die England bereitwillig für die Stabilität und den Frieden in Europa auf sieh nahm.
In den 40er und frühen 50er Jahren, also gerade zu der Zeit, da wir selbst jeden Penny zum Aufbau unseres Landes benötigt hätten, gaben wir mehr als neun Prozent unseres Bruttosozialprodukts für Verteidigung aus, während Ihre Verteidigungskosten extrem niedrig waren.
Noch heute wenden wir vergleichsweise mehr für Verteidigung auf als Sie -- seit 1976 durchschnittlich 5,9 Prozent des Bruttosozialproduktes im Vergleich zu Deutschlands 3,6 Prozent. 1978 lagen die Verteidigungsausgaben Englands bei 4,7 Prozent, also 1,5 Prozent über denen der Bundesrepublik Deutschland. Das bedeutet übersetzt: nicht realisierter Wohlstand, verlorenes Investitionspotential, verlorene Arbeitskraft, abgelenkte Forschungsanstrengungen.
Und bis zum heutigen Tage sind wir Ihre einzigen Nato-Partner, die sich dazu verpflichtet haben, Streitkräfte in einer bestimmten Anzahl in Ihrem Lande zu unterhalten. Wir tun dies natürlich für unsere eigene, aber eben auch für Ihre Verteidigung.
Doch die 25 000 Männer der Rheinarmee und die 10 000 Mann starke Royal Air Force in Deutschland sind die größte Konzentration britischer Truppen in der ganzen Welt außerhalb des Vereinigten Königsreichs.
Unsere Marine, die größte Westeuropas, ist doppelt so groß wie die Bundesmarine und erfüllt eine wichtige Funktion im Nordatlantik. Und als eine der drei westlichen Schutzmächte unterhält England eine Garnison von 3000 Mann in Berlin -- greifbarer Beweis unserer militärischen wie politischen Entschlossenheit, unsere eigenen Rechte und Verantwortlichkeiten, aber auch die Freiheit und Demokratie der Berliner zu verteidigen.
Die Stationierung der britischen Streitkräfte in Deutschland beansprucht in diesem Jahr 3,6 Prozent des Verteidigungshaushalts, vor vier Jahren waren es nur 2,8 Prozent, eine Folge der relativen Abwertung des Pfundes zur Deutschen Mark.
Dies erlegt uns zusätzliche Anstrengungen auf, weil wir entweder unsere Exporte vergrößern oder unsere Importe vermindern müssen, um die Folgen der Stationierung in der Bundesrepublik Deutschland für unsere Zahlungsbilanz auszugleichen. Dies wiederum bedeutet für uns entweder Deflation und damit höhere Arbeitslosigkeit und geringeres Wirtschaftswachstum oder einen weiteren Verfall des Pfundes, was zu Preissteigerungen und Nachteilen für unseren Handel führen und damit unser Volkseinkommen reduzieren muß.
Ihre Serie wirft uns vor, der Europäischen Gemeinschaft nicht früher beigetreten zu sein. Wir sind uns jetzt, da wir Mitglied sind, der Nachteile nur allzu bewußt, die es mit sich bringt, auf einen fahrenden Zug springen zu müssen, anstatt schon bei der Abfahrt dabeizusein. Aber zweimal wurde unser Versuch, der EG früher beizutreten, durch ein französisches Veto vereitelt. In Ihrem wie auch in unserem Lande haben viele Menschen dies bedauert.
Nun versuchen wir natürlich, einiges an der ungleichen Gewichtung in der Gemeinschaft, das sich gegen unsere vitalsten Interessen richtet, zu korrigieren. Hat irgendeiner unter Ihnen etwas anderes erwartet? Handeln Sie selbst etwa anders? Wir handeln nicht egoistisch, nur von unseren eigenen Interessen motiviert, und wir werden es auch in Zukunft nicht tun.
Doch der überwiegende Teil aller Probleme und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Gemeinschaft ist die Folge echter gegensätzlicher wirtschaftlicher Interessen. Wir zum Beispiel liegen, nach dem Pro-Kopf-Einkommen, unter den neun Mitgliedern der EG erst an siebter Stelle. Dennoch sind wir auf dem Wege, der größte Netto-Beitragszahler im EG-Budget zu werden. Sie selbst und andere Mitgliedsstaaten müssen sich einmal überlegen, ob das fair ist und im Interesse der gesamten Gemeinschaft liegt.
»Ihre eigenen Kühe haben sich an der Gemeinschaft gütlich getan.«
Zugegeben, seit langem sind Sie selbst der größte Zahler. aber es hat sich, wie Sie ja selbst schreiben, gelohnt, um diesen Preis der deutschen Industrie freien Zugang zu den Inlands-Märkten der Mitgliedsländer zu verschaffen. Und als Resultat ist Ihr Bruttosozialprodukt etwa doppelt so hoch wie das unsere.
Als Nachkömmling haben wir nicht die gleichen positiven Sofort-Folgen ernten können. Zum Teil sind wir selbst schuld daran. Aber ein großer Nachteil besteht darin, daß wir, anders als die anderen beiden Neumitglieder Dänemark und Irland, erheblich zur Finanzierung der gemeinsamen Agrarpolitik beitragen.
Wir besitzen eine höchst effiziente Landwirtschaft, dennoch importieren wir die Hälfte unserer Lebensmittel. Als wir der EG beitraten, versicherte man uns, wir brauchten uns über unseren Kostenanteil an der gemeinsamen Agrarpolitik nicht zu sorgen, weil bis 1978 der Anteil der Ausgaben für den Agrarmarkt am Gemeinschaftsbudget ganz erheblich fallen würde -- die Kommission schätzte auf 50 Prozent des Gesamtbudgets. Ein größerer Teil des Budgets würde dann für andere Bereiche wie etwa die Regionalpolitik verwendet werden, von der wir Vorteile zu erhoffen hatten. Dies ist nicht geschehen. Statt dessen beanspruchen die Agrarausgaben der Gemeinschaft heute 78 Prozent ihres Budgets.
In Deutschland wird immer wieder darüber geklagt, daß Sie die Milchkuh Europas seien. Ihre eigenen Kühe haben sieh dagegen an der Gemeinschaft sattgefressen. Deutschland ist zum Selbstversorger in flüssiger Milch geworden und produziert Überschüsse, zum Beispiel Butter (125 Prozent) und Trockenmilch (250 Prozent). Die Überschußbestände der deutschen und der anderen kontinentaleuropäiscben EG-Partner an Milchprodukten -- allein in Deutschland lagern 150 000 Tonnen Butter und 500 000 Tonnen Trockenmilch -, das sind 70 Prozent des Trockenmilch-Berges der Gemeinschaft.
Das allein kostete den Haushalt der Gemeinschaft 1977 erschreckende 386 Millionen Pfund. Deutschland kassierte etwa 22,9 Prozent der Garantiezahlungen ("total guarantee sections") der gemeinsamen Agrarmarkt-Ausgaben desselben Jahres, England hingegen nur 4,2 Prozent. Und zu allem Überfluß exportierten die Deutschen auch noch 1,764 Millionen Tonnen Milchprodukte.
Ihre Serie verfolgt den Rückgang unseres Anteils am Welthandel. Sicherlich ist unser Anteil seit den Tagen zurückgegangen, da wir den Welthandel beherrschten zunächst als Folge des Aufstiegs Deutschlands und der Vereinigten Staaten als bedeutende Exporteure von Industriegütern (im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts) und dann wieder in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. als das frisch industrialisierte Japan in die Weltmärkte drängte -- und außerdem andere Nationen. die zum erstenmal industrielle Verarbeitungsindustrien aufbauten.
Was wirklich zählt, ist nicht unser Anteil an dem einem ständigen Wechsel unterliegenden Welthandel, sondern das tatsächliche Volumen unserer Exporte und der daraus resultierenden Fähigkeit, für unsere Importe zu zahlen. In diesem Sinne sind unsere Exporte verarbeiteter Güter seit 1973 ebenso schnell gewachsen wie die anderer OECD-Länder.
Vergleiche zwischen Wachstumsraten müssen auch in ein Verhältnis zu den unterschiedlichen Ausgangspunkten der verschiedenen Nationen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts gesetzt werden. Sie betonen Ihren eigenen Rekord von durchschnittlich 5,5 Prozent seit 1951 im Vergleich zu unseren 2,5 Prozent. Doch für Deutschland schließt dieses die Periode des unmittelbaren Nachkriegswiederaufbaus ein: Vergleichen Sie statt dessen die Zahlen von 1965 bis 1976, dann kommen Sie auf 3,4 Prozent für Deutschland und 2,2 Prozent für Großbritannien -- ein viel realistischerer Vergleich.
Ihre relativen Streiktabellen beziehen sich auf die Zeit von 1967 bis 1976. Danach haben Sie in Deutschland pro tausend Beschäftigte 56 Arbeitstage pro Jahr, wir hingegen 788 verloren. Ein exzellentes Ergehnis für Sie, kein Zweifel. Aber Sie erwähnen gar nicht erst, daß zu dieser Tabelle insgesamt 18 Vergleichsländer gehören -- Sie selbst liegen an dritter, wir an elfter Stelle, doch wir haben immerhin weniger Arbeitstage als die USA (1349), Italien (1824) und Kanada (1906) verloren, und schließlich ist es ein Zeichen der Hoffnung, daß immer mehr Gewerkschaftsführer und Unternehmer bereit sind, von Ihren Erfahrungen in allen Bereichen der Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen zu lernen.
Die britische Industrie konzentriert sich weit mehr, als Sie uns zugestehen, auf Sektoren der fortgeschrittenen Technologie, Bereiche also, in denen wir in besonderem Maße über Expertise und Erfindungsreichtum verfügen. Dies verleiht uns einen relativen Vorteil, mit dem wir in den Wettbewerb gehen können.
Die britische ICL (International Computers Ltd.) zum Beispiel ist der erfolgreichste europäische Computer-Hersteller und hat einen höheren Anteil am Inlandsmarkt als irgendein anderer europäischer Hersteller in seinem betreffenden Land. ICL ist die einzige Computer-Firma Europas, deren Anteil am Inlandsmarkt mit dem Inlandsanteil von IBM in den USA vergleichbar ist.
Auch im Ausbildungs- und Erziehungsbereich haben wichtige Wechsel stattgefunden. So sind etwa die Bewerbungen um Studienplätze in den technischen Berufen seit 1974 um 57 Prozent gestiegen.
Aber Wechsel im Industriegefüge eines Landes können nicht ohne Belastungen des Sozialgefüges vor sich gehen, besonders dann nicht, wenn sie sich während einer Periode allgemeiner wirtschaftlicher Stagnation vollziehen, wie dies seit 1973 der Fall ist.
Ein bemerkenswerter Erfolg Englands, den Sie noch nicht einmal erwähnen, ist die Art und Weise, mit der wir, und zwar durch Standfestigkeit, unsere Inflationsrate von der Rekordhöhe von 28 Prozent gesenkt haben.
Nun stehen wir vor einem schweren Rückfall. Ein Teil der Arbeiter verweigert der Regierung Unterstützung bei dem Versuch, die gegenwärtige Inflationsrate von acht auf fünf Prozent zu senken. Diese Krise macht zwar Schlagzeilen, doch sie ändert nichts an der Beharrlichkeit der Regierung -- obschon einige Lohnabschlüsse viel zu hoch liegen.
Der gesunde Menschenverstand wird sich über kurz oder lang durchsetzen, vor allem deshalb, weil die Regierung klargemacht hat, daß sie nicht bereit ist, eine weitere Runde von Super-Inflation zu finanzieren.
Zur Besteuerung: Ja, es ist wahr, wir haben hohe Besteuerungsraten für die höchsten Einkommen, doch bei den Durchschnittseinkommen liegen wir mit unseren Hauptkonkurrenten etwa auf gleicher Höhe. Die Beiträge zu unserer Sozialversicherung sind erheblich niedriger, und dies gilt ebenso für unsere indirekten Steuern (acht Prozent Mehrwertsteuer) auf Güter und Dienstleistungen.
»Wir haben Probleme mit Farbigen -- wie Sie mit den Gastarbeitern.«
Steuern und Beiträge zur Sozialversicherung sind zusammengenommen in England niedriger als in Norwegen, Dänemark, Schweden und den Niederlanden, aber höher als in Frankreich und Deutschland. Dafür finanzieren unsere Steuern unter anderem zum Beispiel den nationalen Gesundheitsdienst (National Health Service), der erhebliche Wohlfahrtsleistungen für jeden einzelnen Menschen in diesem Lande erbringt.
Am Allgemeinzustand Großbritanniens bemerken Sie politische Fragmentation. Was wollen Sie damit sagen? Es wäre merkwürdig, wenn die Bundesrepublik Deutschland mit ihren ausgeprägten regionalen Zuständigkeiten das legitime Anliegen der walisischen und schottischen Bevölkerungen mißverstehen könnte, die ihre eigenen Interessen in größerem Umfang wahrnehmen wollen. Am 1. März wird ein Referendum diesen Bevölkerungsteilen die Gelegenheit geben, ihren Standpunkt klarzumachen.
In Ihrer Serie behaupten Sie, daß es in Nordirland 25 000 Soldaten und 10 000 Polizisten nicht gelungen ist, Blutvergießen zu verhindern. Ihre Zahlen sind übertrieben, und Ihre Schlußfolgerung ist falsch. Die 13 000 Soldaten, die dort Dienst tun, die 7500 Mitglieder des Ulster Defence Regiment, die 6200 Polizisten der Royal Ulster Constabulary und ihre 4700 Reservisten haben ein viel höheres Blutvergießen in dieser tragisch zerrissenen Provinz verhindert.
Wenige andere Länder in der Welt wären in der Lage gewesen, seit nunmehr neun Jahren mit organisiertem Terrorismus dieses Ausmaßes fertig zu werden, ohne gleichzeitig wichtige Grundrechte zu zerstören. Wir haben uns jenen Kritikern, die uns Verletzungen von Menschenrechten vorwarfen, offen gestellt und sie bis auf wenige Ausnahmefälle widerlegt.
Wir haben Probleme mit Farbigen. Ja, und so geht es Ihnen mit den Gastarbeitern. Welche andere Gesellschaft hat die gleiche Bereitschaft bewiesen, Tausende von Einwanderern aller Farben, Rassen und Religionen zu absorbieren und zu integrieren?
An einer Stelle heißt es bei Ihnen: »Englands Arbeiter kampieren oft in Bruchbuden ohne Bad, ohne WC, ohne warmes Wasser.« Das ist emotionaler Unsinn. Unser Wohnungsbau hält jedem Vergleich in Europa stand.
Eine kürzlich erstellte Übersicht über Wohnungen und Wohnungsbau belegt zum Beispiel, daß zwischen 1971 und 1977 die Zahl der Haushalte ohne eigenes Bad oder Dusche von 1,9 auf 0,9 Millionen fiel. Die Zahl der Haushalte ohne eigenes WC fiel von 2,3 auf 1,2 Millionen, und die Zahl der Haushalte ohne Warmwasserversorgung ging von 1,3 auf 0,7 Millionen zurück. Die Gesamtzahl aller Haushalte ohne mindestens eine dieser Annehmlichkeiten fiel von 2,8 auf 1,4 Millionen.
Schließlich eine Bitte an alle Journalisten: England ändert sich -- machen Sie uns nicht schlechter, als wir sind, schreiben Sie uns nicht ab, bemerken Sie in uns auch unsere Stärken und nicht nur unsere Schwächen, und stellen Sie dann fest, daß in mancher Beziehung unsere Schwächen unsere Stärken und unsere Stärken auch unsere Schwächen sind.
Wir werden unsere Probleme lösen. so wie wir das immer getan haben -- und wir werden unsere Rolle in der Welt spielen, wie wir das immer getan haben. Anders, realistischer, mehr auf unsere ökonomische Stärke abgestimmt, aber immer noch hervorstechend, immer noch britisch, immer noch entschlossen -. ob in der Europäischen Gemeinschaft, in der Nato oder als Mitgliedstaat der Vereinten Nationen mit Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen in der ganzen Welt.
Denn ich glaube, daß Großbritannien und die Generation, die Großbritannien in den nächsten zwei Jahrzehnten stark machen wird, ein Maß von Entschlossenheit besitzt, das so mancher nur zu seinem eigenen Nachteil unterschätzen wird.