RUSSLAND Märchen für den Kindergarten
Kreditklau, Geldwäsche, Kumpanei von Staat und Kriminellen. Den Internationalen Währungsfonds (IWF) focht das alles nicht an. Trotz der Affäre um die Schweizer Baugesellschaft Mabetex, die Korruption im Kreml und die Milliarden-Transfers über die Bank of New York will IWF-Generaldirektor Michel Camdessus die nächste Kredittranche von 4,5 Milliarden US-Dollar für Russland pünktlich anweisen. Die schweren Vorwürfe, so sagt Camdessus, müssten erst mal bewiesen werden.
Das hört Außenminister Igor Iwanow gern. Er hat sein Urteil zur Sache längst gefällt: »Bestimmte Kreise, die nicht wollen, dass unser Land seine ihm angemessene Rolle als Großmacht in dieser Welt spielt«, hätten eine monströse Schmierenkampagne inszeniert.
Russische »bisnesmeni« fanden die Reaktionen ihrer Politiker noch viel zu lasch. Milliardär Boris Beresowski, Mitglied des Jelzin-Clans, der selbst im Verdacht millionenschwerer Durchstechereien steht, ließ über seine Zeitung »Kommersant« erklären: »Nach der sowjetischen Gefahr kommt jetzt eine neue Mode auf - die russische Mafia«, mit diesem Klischee lasse sich »gutes Geld verdienen«, wenn nur lange genug behauptet werde, die »russische Mafia und russisches Unternehmertum seien ein und dasselbe«.
Das Volk hat - unbeschadet aller bitteren Erfahrungen mit der Moral der Obrigkeit - keine Freude an der Kreml-Schelte aus dem Westen. Im Jubeljahr des 200. Geburtstags ihres Nationaldichters und -helden Alexander Puschkin mag es sich an dessen Credo halten: »Ich verachte mein Vaterland natürlich von Kopf bis Fuß. Aber es ist mir unangenehm, wenn ein Ausländer mein Gefühl teilt.«
* Mit Bank-of-New-York-Großaktionär Bruce Rappaport (Mitte).
Dabei sind gewisse Grundtatbestände unter Kennern nicht strittig. Es darf als verbürgt gelten, dass gigantische Summen illegal aus Russland abgeflossen sind und dass die russische Zentralbank einen Teil ihrer Devisenreserven auf der Kanalinsel Jersey parkte.
Kein Zweifel auch, dass die Einlassungen des schwer belasteten Kreml-Geschäftsführers Pawel Borodin zur Sache »Märchen für den Kindergarten« sind, wie Staatsanwalt Georgij Tschuglasow dem SPIEGEL sagte. Wenn in der Schweiz ein Konto auf seinen Namen existiere, so hatte Borodin erklärt, dann müsse es wohl ein Unbekannter für ihn eröffnet haben.
US-Finanzminister Larry Summers ist - anders als Camdessus - für eine harte Gangart. Er tönte letzte Woche vollmundig, er werde angesichts der Vorwürfe gegen den Kreml und russische Regierungsbeamte weitere Kredite an Russland nicht mehr befürworten - zumindest nicht ohne ausreichende Sicherheiten.
Schweizer Bankern geht das amerikanische Handling der Affäre gegen den Strich. »Die Amerikaner sind doch eine scheinheilige Bande«, schimpft der Chefsyndikus einer Züricher Bank, »jahrelang kam das meiste kriminelle Geld aus den USA zu uns - und selbst heute ist der Anteil noch beträchtlich.«
Die Bank of New York hat, nachdem die Bombe geplatzt war, ihre Londoner Osteuropa-Referentin Lucy Edwards wegen angeblicher Fälschung von Unterlagen gefeuert. Frau Edwards hatte Konten der von ihrem Ehemann geleiteten Firma Benex Worldwide geführt, auf denen die Milliarden angekommen und von wo sie weitergeleitet worden waren.
Benex-Kompagnon Semjon ("Sewa") Mogiljewitsch, 53, soll mit gleich zwei Industrie- und Mediengruppen verbunden sein, die sich gegenseitig bekämpfen: mit dem Jelzin-Finanzier Boris Beresowski und mit der Firmengruppe »Sistema«, die zum Teil Eigentum der von Oberbürgermeister Jurij Luschkow geführten Moskauer Stadtverwaltung ist.
Nikolai Wolkow, Ermittler für Sonderangelegenheiten der russischen Generalstaatsanwaltschaft, war vorige Woche bei seiner Kollegin Carla Del Ponte in Bern, um sich ein Zimmer voller Akten in Sachen Mabetex anzusehen. Sein Kollege Tschuglasow, der erheblich besser im Stoff steht und der für den Fall eigentlich zuständig ist, durfte nicht mit. Er bekam einen Tag vor dem geplanten Abflug in die Schweiz Reiseverbot.
Sicher scheint: Die Affäre hat ihren Höhepunkt noch vor sich. Das US-Magazin »Newsweek« zitierte vorige Woche eine Geheimdienstquelle, nach der Mogiljewitsch auch Geschäftsbeziehungen zu Ex-Premier Tschernomyrdin und zu Ex-Vizepremier Tschubais unterhalten hat. Am Freitagabend teilte der vom Dienst suspendierte Generalstaatsanwalt Juri Skuratow mit, er sei im Besitz von Dokumenten, aus denen hervorgehe, dass Jelzin und seine Töchter Geld von Mabetex erhalten hätten. Kreml-Chef Jelzin hat dies stets bestritten. JÖRG R. METTKE, FRITJOF MEYER, WOLFGANG REUTER
* Mit Bank-of-New-York-Großaktionär Bruce Rappaport (Mitte).