Magere Taube - DER SPIEGEL
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RUSSLAND Magere Taube

Tschetschenien bereitet sich auf den Partisanenkrieg vor, Feldherr Putin gerät durch die Affäre Babizki zunehmend unter Druck.
Von Jörg R. Mettke
• aus DER SPIEGEL 7/2000
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Für Anfang März hat sich Russlands amtierender Staatschef Wladimir Putin eine Verhandlungslösung in Tschetschenien bestellt. Dafür »erforderliche Voraussetzungen«, so sind alle an der Rückeroberung des unbotmäßigen Gebiets beteiligten Moskauer Ministerien angewiesen, seien »rechtzeitig vor den Präsidentenwahlen« am 26. März zu schaffen.

Prompt ließ die Kreml-Administration eine magere Friedenstaube aufsteigen. Sergej Jastrschembski, biegsamer Kriegskommissar an der Informationsfront, orakelte vergangene Woche von einem »besonderen Status«, den Moskau der Rebellenrepublik zuzubilligen bereit sei.

Bis dahin sollen Sonderpolizeieinheiten das besetzte Gebiet säubern, um noch möglichst viele potenzielle Widerständler in den flugs erbauten »Filtrationslagern« zu isolieren. Gleichzeitig erhielt die Luftwaffe den Auftrag, die Stützpunkte des Gegners im unzugänglichen Bergland Südtschetscheniens mit massivem Einsatz von 500 Kilogramm schweren Aerosolbomben kapitulationsreif zu schießen.

Doch so einfach möchten es die kaukasischen Feldkommandeure dem russischen Regenten nicht machen, sich wahlwirksam vom blutigen Kriegsherrn in einen Friedensfürsten zu verwandeln. Aus dem Untergrund seines ruinierten Landes verkündete Tschetschenen-Präsident Aslan Maschadow Ende voriger Woche den totalen »Partisanenkrieg«.

Überall im besetzten Land lebt und wächst der nationale Widerstand. In Snamenskoje beispielsweise, wo sich gerade mal außer Hörweite der Besatzer die Dorfjugend mit verbotener Musik auflädt.

Musa, 35, kann nicht genug bekommen von seiner Lieblingskassette: Kampflieder des Sängers Chas Mohammed über den Widerstand gegen die russische Armee und die Deportation der Tschetschenen unter Stalin 1944.

Bereits im Untergrundverleih: Videofilme vom Endkampf in Grosny, erst im Januar von Amateuren aufgenommen. Überall in Privatwohnungen wächst, von solchen Bildern unterstützt, der Mythos vom heldenhaften Kampf: zwei Monate todesmutige Verteidigung gegen eine Übermacht von Flugzeugen, Geschützen und Panzern.

Übergriffe der Besatzungsmacht stimulieren zusätzlich die Bereitschaft zur Gegenwehr. In der Majakowski-Straße am Stacheldrahtzaun vor der »Abteilung für Innere Angelegenheiten« suchen Mütter Kontakt zu ihren eingesperrten Söhnen und Männern. Nochar Aigumow, 18, haben russische Soldaten vor einer Woche aus der Wohnung geholt. Seither hat seine Mutter ihn nicht mehr gesehen.

Wie es im Snamenskojer Gefangenenlager zugeht, hat Ilijas, 26, erfahren. Acht Tage lang bekam er nur Wasser zu trinken, berichtet der Flüchtling aus Grosny. Morgens um fünf war er wegen Verletzung der Sperrstunde ins Camp verschleppt worden. Lebensmittel, von Tschetschenen an der Lagerpforte abgegeben, hätten die Soldaten selbst gegessen. Immer wieder seien Internierte geschlagen worden.

Said, 30, Widerständler aus dem benachbarten Gwardejskoje, setzt darauf, dass russische Repressionen den Separatisten neue Kämpfer zutreiben werden: »Je schlimmer die Okkupanten sich aufführen, umso mehr Leute unterstützen uns.« Waffen seien noch zur Genüge versteckt.

Bereits vergangene Woche wurden sie reichlich genutzt: Am Verkehrsknotenpunkt Tscherwljonnaja nahe Grosny beschossen Rebellen den Bahnhof mit Granatwerfern. Am selben Tag schlugen Explosivgeschosse auch in Atschchoi-Martan im Westen der Kaukasusrepublik ein.

Zwar scheint der tschetschenische Widerstand nach dem Tod zahlreicher »Feldkommandeure« derzeit ohne zentrale Führung. Doch gerade das macht ihn schwer berechenbar und steigert die Nervosität der Besatzungsmacht.

»Wir können keinem Tschetschenen trauen«, sagt Alexej, 41, Major des Moskauer Geheimdiensts FSB. Der Offizier, früher in Afghanistan eingesetzt, kennt den Krieg mit muslimischen Aufständischen. »Die tschetschenischen Kämpfer«, sagt der FSB-Mann illusionslos, »unterscheiden sich in nichts von denen in Afghanistan.«

Doch dort hat Ex-Spion Putin nie gedient. Statt seiner Truppe eine verrohende Verstrickung in einen nicht zu gewinnenden Guerrillakrieg zu ersparen, verheddert er sich nun immer mehr in der Geheimdienstoperation gegen den Journalisten Andrej Babizki, für die er persönlich die Verantwortung übernommen hat.

Von dem Radio-Liberty-Korrespondenten, den Bundestruppen wochenlang ohne Kontaktmöglichkeit inhaftiert und danach angeblich mit seinem Einverständnis an tschetschenische Freischärler ausgeliefert hatten, tauchte in der vergangenen Woche ein mysteriöses Videoband auf. Die Aufnahme zeigt einen sichtlich verängstigten Babizki, lässt aber keine Rückschlüsse zu, wer ihn gegenwärtig wirklich gefangen hält.

Nach massiven Vorwürfen an Moskaus Adresse - vom US-Außenministerium bis zu EU-Kommissionschef Romano Prodi - rückte nun selbst ein treuer Putin-Gefolgsmann wie der ehemalige Chefprivatisierer Anatolij Tschubais von seinem Interimspräsidenten ab: Wie die Staatsgewalt mit Babizki umgegangen sei, »war ein schwerer Fehler«.

Doch Tschetschenien-Feldherr Putin ficht solche Kritik nicht an: Die Kampagne im Kaukasus laufe »ganz ausgezeichnet«. UWE KLUSSMANN, JÖRG R. METTKE

Uwe Klussmann
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