BUNDESLÄNDER / BAYERN Magna Charta
An der Elbe wurde es beschlossen, an der Isar bejubelt: Die Ministerpräsidenten der Länder verpflichteten sich 1964 in Hamburg, das neunte Volksschuljahr überall einzuführen.
Die Bayern wähnten sich voraus. Schon ein Jahr zuvor hatte der damalige CSU-Kultusminister Theodor Maunz prophezeit, das neunte Schuljahr werde in seinem Land schon 1967 »zu 30 bis 50 vom Hundert« eingeführt sein.
Seit März 1965 wiederholte Maunz-Nachfolger Kultusminister Ludwig Huber, 38, fast jeden Monat in Reden und Interviews im Landtag und im Land, »mit der schrittweisen Einführung« könne 1967 begonnen werden«, »Vorbereitungen« seien »aufgenommen«, »Malinahmen eingeleitet«, auch entsprechende Gesetze würden »demnächst verabschiedet«.
Die »Bildungsoffensive« (CSU-Wahlparole zur Bundestagswahl 1965) des kirschäugigen Ministers gefiel seiner Partei: Sie forderte die Staatsregierung im Mai 1966 auf, ihm keinesfalls Hindernisse in den Weg zu legen. Eben die Regierung stellte sich hinter den Minister: Stets stimmte der Ministerrat den »Vorstellungen« Hubers »in vollem Umfang zu«.
Ministerpräsident Goppel plädierte im Oktober 1966 für Hubers neues Volks-Schulgesetz als »Magna Charta der grollen Freiheit unserer Schule«, zählte im November zu den »entscheidenden Punkten« dieses Gesetzes das »Festhalten an neun Jahrgangsklassen« und kündigte noch in seiner Neujahrsansprache an das Bayernvolk den »weiteren Ausbau des Bildungswesens« an.
Während diese Tiraden in »Deutschlands Kalifornien« ("Bayern-Kurier") widerhallten, war das neunte Schuljahr in den anderen zehn Bundesländern Pflicht geworden (ausgenommen das Saarland, das 1967 nachziehen will).
In der vorletzten Woche aber verstummten in Bayern die Propheten. Wegen des Haushalts-Defizits von 1,4 Milliarden Mark für 1967 ließ das »glückliche Land« (Ministerpräsident Goppel) im deutschen Süden vorerst ab von der Einführung des neunten Schuljahres. Neuer, vager Termin: »Noch in dieser Legislaturperiode« (bis 1970).
So beschloß es die Landesregierung. Einzige Gegenstimme: Kultusminister Huber.