GRENZE Mal rüber
In ihrem Protest gegen »Atomanlagen« wollte die Bürgerinitiative »Umweltschutz« im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg auch während der großen Ferien nicht nachlassen.
So wurden »Atomkraftgegner aus der gesamten BRD und West-Berlin« eingeladen, den Urlaub in »Widerstands-Sommercamps« zu verbringen, eins in Trebel bei Gorleben, wo im Wald ein Zwischenlager für abgebrannte Kernbrennstäbe entsteht, eins in Pudripp bei Dragahn, wo Bohrtrupps gerade damit begonnen haben, den Baugrund für die Wiederaufarbeitungsanlage zu untersuchen, die dort gebaut werden soll.
Gegen Langeweile im beschaulichen Wendland war »ein vielseitiges Programm« versprochen: Filmabende, Theater- und Rockgruppen, Fahrradtouren zu den Atombaustellen, Vorbereitung von Aktionen, »und einiges mehr«.
Speziell daran waren einige der über hundert Demonstranten, die angereist waren, bald nur noch interessiert. Sie packten ihre Sachen und taten, was anderthalb Jahre zuvor schon ein Trupp ihrer Leute »lächerlich einfach« gefunden hatte: Sie übertraten die Grenze zur DDR, die sich im Norden, Osten und Süden um Lüchow-Dannenberg zieht, und ließen sich zwischen Grenzlinie und Metallgitterzaun auf dem Boden des anderen deutschen Staates nieder.
Erst hüpften sie am vorletzten Wochenende südlich des Grenzdorfes Teplingen über einen Wassergraben, dann, vorigen Dienstag, spazierten sie, 32 Kilometer entfernt, beim Grenzdorf Gummern südlich Schnackenburg aus einem westdeutschen Föhrenhain ins ostdeutsche Brachland hinüber - jeweils nicht allzuweit allerdings: Mit ein paar schnellen Schritten hätten sie, wenn nötig, aus der Deutschen Demokratischen zurück in ihre Bundesrepublik gekonnt.
Aber dazu war kein Anlaß. Hüben fuhr Bundesgrenzschutz auf und verhielt sich nach dem alten Motto: »Wir hier haben ja keine Grenze, aber die da drüben, die haben eine.« Drüben ähnlich: Grenzbeamte der DDR guckten durch Feldstecher und Scherenfernrohre. Daß sich zwei von einem Lkw per Hebebühne in die Luft liften ließen, war schon das äußerste an Gegenmaßnahme.
Das war nicht immer so: Ob westdeutsche Beerenpflücker auch nur einen falschen Schritt gen Osten gemacht hatten, ob Neugierige einen DDR-Grenzpfahl mal von der anderen Seite angucken wollten, ob Paddler auf einem Grenzgewässer versehentlich einen »Grenzdurchbruch« bewirkten - stets waren die erdfarben uniformierten Grenzbeamten der DDR auf dem Posten und vereinnahmten die »Provokateure«.
Tatsächlich schreibt Paragraph 213 des DDR-Strafgesetzbuches vor, daß mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft wird, »wer widerrechtlich die Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik passiert«. Und wenn, wie bei Teplingen und Gummern, »die Tat zusammen mit anderen begangen wird«, sind gar bis zu acht Jahre fällig.
Hier und da, so weiß man beim westdeutschen Bundesgrenzschutz (BGS),
haben die DDR-Bewacher ihre Grenzmarkierungspfähle zwanzig Meter weit auf DDR-Gebiet zurückversetzt - »wohl um Trophäenjäger schnappen zu können, die Embleme abmontieren«.
Von Schnappen diesmal vorerst keine Rede. Nicht einmal die sogenannten Grenzaufklärer, laut BGS »zuverlässige Leute, die Kinder haben und deren Ehe glücklich ist«, die sonst zu zweit oder dritt diesseits des Metallgitterzaunes patrouillieren, waren in der Nähe der besetzten Grenzpunkte zu sehen. Lediglich klingelte am Grenzübergang Bergen (Dumme)/Salzwedel ein paarmal das Telephon: Es werde, ließ sich die DDR vernehmen, nachdrücklich darum ersucht, alle erforderlichen Maßnahmen einzuleiten, um weitere Grenzverletzungen zuverlässig auszuschließen.
Diesem Wunsch konnte der Bundesgrenzschutz »nicht entsprechen": Der Grenzübertritt darf nur Personen verwehrt werden, die sich »erkennbar in einem die freie Willensbestimmung ausschließenden Zustand oder sonst in hilfloser Lage befinden«, oder auch dann, »wenn aus dem Handeln von Grenzgängern eine Gefahr für die Sicherheit der Grenze erwächst«, so das BGS-Grenzschutzkommando Nord.
Bei Teplingen, angesichts eines Holzkreuzes, das an einen DDR-Bürger Hans Franck gemahnt, der dort am 17. Januar 1973 durch eine Selbstschußanlage tödlich verletzt wurde, konnten die Demonstranten, ehe sie am vorigen Mittwoch erst mal wieder abzogen, derart ungehindert von beiden Seiten ihren »autonomen Sektor freies Grenzland« okkupieren und - mit zwei Sowjetsternchen auf dem Transparent - »Keine Macht im Niemandsland« feststellen. Sie hielten die Füße in den Grenzbach, ließen sich, mitunter nackt, von Grenzbeamten der DDR beäugen, zupften die Gitarre und ulkten sich an: »Geh doch mal rüber, wenn's dir hier nicht paßt.«
Und auch weiter ostwärts bei Gummern, wo sich die Demonstranten am Freitag zurückzogen, um im sicheren Hinterland über weitere Aktionen abzustimmen, konnte unangefochten das Spruchband »Frieden schaffen ohne Waffen« in DDR-Richtung gedreht werden. Nachts waren die Grenzbesetzer landeinwärts geschlichen, Proviant zu holen. Ein BGS-Mann: »Das zu verhindern, also das ist unmöglich.« Und überdies: »Die dürfen frei hin- und hergehen, wie sie wollen.«
Das tun sie womöglich auch. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg grenzt - halb Elbe, halb offenes Land - auf einer Länge von 144 Kilometer an die DDR.
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