BÜCHER Mal wieder typisch
Wie Karl und Grethe durch die zwanziger Jahre kommen, die etwas später »Systemzeit« heißen, und wie sie ihre Kinder kriegen, zuletzt Walter, der eines Tages eine Geburtstagsglückwunschkarte an den Führer schreibt ("Gratulieren wird mit i-e geschrieben«, sagt Mutter Grethe), das wird nun erzählt, das auch noch.
Und damit schließt Walter Kempowski, der gründliche, die letzte Lücke in seiner fünfbändigen Romanchronik einer deutschen Bürgerfamilie von der Jahrhundertwende bis in die S.242 fünfziger Jahre. Das stupende Erinnerungspuzzle, das so fleißig ersammelte Souveniralbum, dieses respektgebietende literarische Kuriosum ist komplett. Bei allem Respekt -- ein wenig darf man auch erleichtert sein.
Neue Einsichten nämlich vermittelt die »Schöne Aussicht« nicht. Des Autors treffsichere Gedächtnisprotokolle, seine sanft-ironischen Genre-Miniaturen machen den bewährten Effekt. »Ja, Deutschland kann sich sehen lassen. Wenn auch so gewisse Dinge, also, schade eigentlich, nicht wahr!«, so spricht man da um 1936, und das ist, wie seit »Tadellöser & Wolff« gehabt, alles »mal wieder typisch«.
Doch eine Spur sanfter noch -- man kann auch sagen: harmloser -- klingt Kempowski in diesem Schlußstück seiner zeittypischen Familiengeschichte. Zu drollig mancher Kindermund, nichts als familiär-kurios manche Episode. Inflationsjahre, Wirtschaftskrise, Nazi-Aufstieg im Nippesformat.
Ein paarmal rutscht er sogar vom Erzählen ins sonst so stilsicher vermiedene Kommentieren ab: Da spielt denn der kleine Walter mit seinen Zinnsoldaten, »wie das alle Jungen in dieser Zeit tun«.
Gut dem Dinge (mit Vater Karl zu sprechen), daß der große damit nun fertig ist.