MINISTER Man wird sehen
Helmut Schmidt war in höchster Eile. Bis Sonntagabend vorletzter Woche wollte er seine neue Regierungsmannschaft zusammenhaben, um zwölf Uhr mittags fehlte ihm noch der Minister für Jugend, Familie und Gesundheit.
Erst am Abend zuvor hatte der Kanzler Anke Fuchs angerufen. Die Parlamentarische Staatssekretärin im Arbeitsministerium feierte gerade in München den Geburtstag ihres Schwiegervaters. Sie möge doch bitte, so Schmidt, rasch nach Bonn kommen.
Anderntags eröffnete er ihr dann im Kanzleramt seine »herzliche Bitte«, Familienministerin zu werden. Anke Fuchs akzeptierte »ohne Euphorie«.
Die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), erbost über »Schmidts schlechten politischen Stil und seinen Mangel an Umgangsformen«, hatte öffentlich allen Genossinnen abgeraten, die Alibifrau im Kabinett zu spielen. Anke Fuchs aber übte lieber Solidarität: »Ich kann doch einen sozialdemokratischen Kanzler nicht im Stich lassen, der gerade einen neuen Start wagt.«
Dabei war die Metall-Gewerkschafterin in der Nachwuchsliste des Kanzlers nur dritte Wahl. Die einst hochgeschätzte Karrierefrau, der Schmidt nachgesagt hatte, sie könne einmal Bundeskanzler werden, hat sich die Gunst des Regierungschefs seit gut einem Jahr verscherzt.
Damals sollte sie Nachfolger für Bildungsminister Jürgen Schmude werden. Der hatte das Justizressort übernommen, als Hans-Jochen Vogel zur Rettung der sozialliberalen Koalition in West-Berlin ausgeschickt wurde. Frau Fuchs aber wollte lieber als Staatssekretärin an der Rentenreform weiterbasteln. Anke Fuchs: »Das muß ihn wohl tief getroffen haben.«
Zwei Tage vor ihrer Berufung zur Ministerin brüskierte Anke Fuchs den Kanzler abermals. Gegen Ende des Münchner SPD-Parteitages bat sie Schmidt um Aufklärung, ob denn Gerüchte zuträfen, daß Arbeitsminister Herbert Ehrenberg entlassen werde.
Als Schmidt bestätigte, erklärte sich die Parlamentarische Staatssekretärin mit ihrem Ressortchef solidarisch. Dann wolle sie, wie ihr Amtskollege Hermann Buschfort, aus dem Ministerium ausscheiden. Ehrenberg, Buschfort und Anke Fuchs sind verärgert, weil sie für die Kürzung von Sozialleistungen verantwortlich gemacht werden, die Schmidt und Finanzminister Hans Matthöfer um des lieben Koalitionsfriedens willen durchgesetzt hatten.
Vergeblich versuchte der Kanzler, die Staatssekretärin zum Bleiben zu überreden. Schließlich warf er ihr »mangelnde Standfestigkeit« vor.
Da ist er nicht der einzige. Auch andere Parteifreunde vermerkten den Wankelmut der Genossin übel. S.25
Noch beim Wahlparteitag der SPD im Sommer 1980 hatte sie sich etwa für das Babyjahr, Teil der geplanten Rentenreform, stark gemacht: Von 1985 an sollten allen Frauen, die Kinder erzogen haben oder erziehen, für jedes Kind ein Jahr lang die Beiträge zur Altersversorgung aus der Bundeskasse bezahlt werden. Kosten: 7,5 Milliarden Mark.
Als Schmidt Anfang des Jahres dann entschied, für das Babyjahr sei kein Geld übrig, gab sie, wenn auch murrend, klein bei und versprach, die Entscheidung des Kanzlers mitzutragen. In der Fraktion aber meuterte sie gegen Schmidts Veto. Und auf dem Münchner Parteitag stimmte sie gar, zum Ärger des Kanzlers, für einen Antrag, nach dem die Rentenreform nur Sinn mache, wenn auch das Babyjahr eingeführt werde.
Auch aus der Fraktion war dem Kanzler zugetragen worden, der Stern der Anke Fuchs sei verblaßt. Immer öfter, so berichteten Genossen, erscheine sie unvorbereitet zu wichtigen Sitzungen. Sie wiederum hörte aus dem Kanzleramt, daß »die an mir herummäkeln«.
Deshalb war die 44jährige Tochter des ehemaligen Hamburger SPD-Bürgermeisters Paul Nevermann in letzter Zeit mehrmals nahe dran, das Handtuch zu werfen. Politik müsse Spaß machen, glaubt die Mutter von zwei Kindern, »sonst würde ich aufhören«.
Schmidt führte Anke Fuchs - ihr Mann Andreas ist Senatsdirektor bei der Landesvertretung Bremens in Bonn - zunächst gar nicht auf seiner Ministerliste. Nach Antje Hubers Kündigung sollte der Haushaltsexperte der SPD-Fraktion, Heinz Westphal, das einflußlose Ressort für Jugend, Familie und Gesundheit übernehmen. Doch Westphal brauchte der Kanzler schließlich für den wichtigeren Posten des Arbeitsministers. Schmidts Favorit, der SPD-Abgeordnete Hermann Rappe, hatte abgesagt, weil er lieber Nachfolger des IG-Chemie-Vorsitzenden Karl Hauenschild werden möchte. Dann sondierte der Kanzler bei Herta Däubler-Gmelin. Die aber wollte lieber Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag bleiben.
Viel Spielraum hat die lustlose neue Ministerin in ihrem Amt nicht: Für die Jugendhilfereform fehlen die Mittel. Das Kindergeld wird Anke Fuchs kaum aufbessern können. Die Gesundheitsministerin wird sich deshalb darauf beschränken müssen, »sozialdemokratische Positionen deutlich und keine negativen Schlagzeilen zu machen«.
Bei ihrer Zusage, das Amt zu übernehmen, verfolgte Anke Fuchs allerdings auch ein höheres Ziel: Sie kann Heinz Westphal am Kabinettstisch kräftig unterstützen, wenn es gilt, weitere Schnitte ins soziale Netz zu verhindern. Die Ministerin trutzig: »Wozu ich meine Hand im Kabinett habe, das wird man ja noch sehen.«