»Manchmal ein bisschen irre«
Ungewöhnlich nervös wirkt der bullige Mann mit der Lesebrille, obwohl er doch an diesem 30. März unter den glitzernden Kristalllüstern des Berliner Marriott-Hotels eine durchaus vorzeigbare Jahresbilanz präsentieren kann. Auf der Leinwand hinter Hartmut Mehdorn, 66, leuchtet ein Leitsatz, der als Motto für sein gesamtes Wirken seit 1999 an der Spitze der Deutschen Bahn taugen könnte: »Gegensteuern in der Krise«.
Seit fast zehn Jahren kämpft der Chef von rund 240 000 Eisenbahnern gegen vielerlei Widersacher für eine Sanierung des verschuldeten und verkrusteten Staatsbetriebs - und für seinen Traum, den Aufbau eines globalen Logistikkonzerns und dessen Gang an die Börse. Die Folge ist allerdings, dass seine Gegner immer schwereres Geschütz gegen ihn auffahren.
Eine wachsende Zahl von Kritikern hält den Spitzenmanager nicht nur für autoritär und selbstgerecht, sondern auch für zunehmend unglaubwürdig. Unter der Verantwortung des Bahn-Chefs hat der Staatskonzern, wie nach und nach publik wird, nicht nur die Belegschaft zwecks Korruptionsbekämpfung flächendeckend bespitzeln lassen, sondern auch über Anwaltskanzleien obskure Schnüffelfirmen angeheuert, um Zuträger externer Bahn-Kritiker aufzuspüren und auszuschalten.
Und was immer an derlei Rechtsverletzungen auffliegt, wird von der Bahn-Spitze so lange wie irgend möglich abgestritten. Er habe sich »nichts Unrechtes vorzuwerfen«, beharrt Mehdorn auch jetzt noch, bei der Bilanzvorstellung in Berlin - um dann aber unversehens doch seinen Rückzug anzukündigen, den er gerade drei Tage zuvor strikt abgelehnt hat. Er wolle sich, sagt er nun mit rauer Stimme, seiner Gesamtverantwortung »nicht entziehen«.
Mehdorn hat zu diesem Zeitpunkt freilich keine andere Wahl: Kurz zuvor haben nicht nur die Arbeitnehmer - die im Aufsichtsrat der Bahn über die Hälfte der Stimmen verfügen - seinen Rücktritt verlangt. Auch die Bundesregierung hat dem Chef des Staatskonzerns die Unterstützung aufgekündigt.
Die öffentliche Resonanz auf den spektakulären Rückzug fällt erstaunlich differenziert aus. Sogar die linksalternative »taz« rühmt Mehdorn, der im Marriott zum vierten Jahr in Folge steigende Umsätze melden konnte, als den »besten Bahn-Manager aller Zeiten« - wenngleich er »einer der meistgehassten Männer in Deutschland« sei.
Dass Bahn-Fahrer und Bahn-Bedienstete den Topmanager nicht gerade lieben, der Nebenstrecken stilllegt und Personal abbaut, die Fernfahrpreise binnen fünf Jahren sechsmal erhöht und obendrein noch einen Service-Zuschlag für Schalterkunden einführen will - das alles scheint Mehdorn jahrelang in Kauf genommen zu haben.
Schließlich half ihm solche Kritik, seinen Konzern als »Global Player« zu profilieren, potentiellen Investoren seine »Pricing Power« zu demonstrieren und sich selbst als souveränen wie genialen Unternehmenslenker zu stilisieren. Typischer Mehdorn-Spruch: »Sie können ein Unternehmen nicht mit Wattebäuschchen an den Händen sanieren.«
Dass er schier unersetzlich sei und daher weiterhin allen Rücktrittsforderungen trotzen könne, hatte der bollerige Boss ("Ich bin kein Handtuchwerfer") auch noch geglaubt, als sich 2008 die Negativschlagzeilen häuften. Mal wird bekannt, dass dem Topmanager ein Millionen-Bonus für den Fall eines erfolgreichen Börsengangs winkt (den ihm dann allerdings die Weltfinanzkrise verhagelt), mal wirbeln schadhafte ICE-Achsen bundesweit die Fahrpläne durcheinander.
Längst hat Mehdorn zu diesem Zeitpunkt Parlamentarier aller Parteien gegen sich aufgebracht, die er als »sogenannte Verkehrsexperten« verspottet. Dass seine Ära einmal wegen einer Affäre enden würde, die er stur als »sogenannten Datenskandal« abtut - damit rechnet er selbst wohl am wenigsten.
Denn Datenschutzgesetze galten lange Zeit als Papiertiger, Datenschützer als belächelte Außenseiter. Vom Frühjahr 2008 an jedoch sensibilisieren Enthüllungen über die Kamera-Überwachung des Personals in 500 Lidl-Filialen und über die Ausspähung von 136 000 Telekom-Mitarbeitern eine breite Öffentlichkeit für die Thematik.
Als dabei ebenfalls bekannt wird, dass die Detektei Network, die in die Telekom-Spitzelaffäre verwickelt ist, fast zehn Jahre lang auch für die Bahn geschnüffelt hat, gerät auch Mehdorn ins Visier. Sein Antikorruptionsbeauftragter Wolfgang Schaupensteiner, ein beurlaubter Oberstaatsanwalt aus Frankfurt, serviert dem Verkehrsausschuss des Bundestags im Juni 2008 zunächst eine harmlos klingende Version: Die Firma Network sei lediglich eingeschaltet worden, um Einzelfälle von Bestechungsverdacht aufzuklären.
Aus allen Wolken fallen die Parlamentarier, als Schaupensteiner im Frühjahr einräumt, die Bahn habe bereits 2002/03 die Stammdaten von nicht weniger als 173 000 Eisenbahnern abgleichen lassen; später wird publik, dass 2005 die Personalien von sogar 220 000 Bediensteten mit Lieferantendateien durchleuchtet wurden - eine Pauschalkontrolle, die dem Gebot der Verhältnismäßigkeit krass widerspricht.
Schließlich teilt Schaupensteiner auch mit, noch ein weiterer Dienstleister sei für die Bahn tätig gewesen: die Kölner Detektei Argen GmbH, deren Mitarbeiter wegen exzellenter Kontakte branchenintern als »die Kontengucker« bekannt sind.
Detailfragen blockt der Mehdorn-Mann mit »Rambo-Mentalität« ("Die Zeit") ab. Schaupensteiner verhalte sich, schäumt der Grünen-Abgeordnete Winfried Hermann, wie ein »Stargast ohne Auskunftspflicht«.
Als der Bahn-Chef im Februar einen Zwischenbericht vorlegt, den Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) als völlig unzureichend bewertet, wird der Aufsichtsrat aktiv: Er entzieht Mehdorn die Aufklärung der Affäre und beauftragt damit stattdessen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG sowie, als Sonderermittler, die ehemaligen Bundesminister Gerhart Rudolf Baum (FDP) und Herta Däubler-Gmelin (SPD).
Die Zweifel an der Wahrheitsliebe der Mehdorn-Riege wachsen, als die beiden Polit-Granden Anfang März klagen, der Bahn-Konzern behindere sie bei ihrer Arbeit. Zudem kommt der Verdacht auf, heikle Akten seien verschwunden.
Zu Mehdorns Schicksalstag wird der 27. März, als sein Aufsichtsrat im 21. Stock des Berliner Bahn-Towers über das vorläufige Ergebnis der Recherchen von Baum und Däubler-Gmelin informiert wird, das der Affäre eine völlig neue Dimension verleiht. »Jetzt ist Schluss«, entfährt es Claus Weselsky, dem Kopf der Lokführer-Gewerkschaft. Auch Klaus-Dieter Hommel, Chef der Gewerkschaft GDBA, ist nun entsetzt: »Herr Mehdorn muss den Hut nehmen.«
Schockiert hat Arbeitnehmervertreter und Politiker vor allem die Erkenntnis, dass die Bahn gleichsam einen eigenen Geheimdienst unterhalten habe, der auf unliebsame Kritiker innerhalb und außerhalb des Konzerns angesetzt war.
So haben die Abteilungen Konzernsicherheit (internes Kürzel: MZE) beziehungsweise Revision (GGI) die E-Mail-Adressen von unabhängigen Verkehrsexperten, darunter Professoren, Bundestagsmitarbeiter und auch ein Beschäftigter des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, gesammelt, um rund um die Uhr vollautomatisch zu überwachen, welche Bahn-Mitarbeiter mit ihnen elektronisch kommunizieren.
Ebenfalls unter dem Decknamen »Leakage« (Informationsabfluss) wurden von Ende 2007 an generell Kontakte zu Medien kontrolliert, darunter der SPIEGEL, das »manager magazin«, die »Frankfurter Allgemeine«, ARD und ZDF.
Gefilzt haben die heimlichen Kontrolleure ebenfalls Festplatten mit privaten Daten von Bahn-Mitarbeitern. Und nicht nur minutiös überwacht, sondern auch manipuliert wurde offenbar der E-Mail-Verkehr von Gewerkschaftern - während des Tarifkonflikts 2007 verschwanden Mails zum Streikrecht der Lokführer.
Wenngleich die elektronische Rasterfahndung zunächst tatsächlich zur Korruptionsabwehr eingesetzt worden war, so diente sie später mehr und mehr dazu, interne Bahn-Kritiker auszumachen - wobei Bahn-kritisch mit Mehdorn-kritisch und Börsengang-kritisch gleichgesetzt wurde.
Die paranoide Vorstellung, von Verrätern umzingelt zu sein, wucherte in der Bahn-Spitze im selben Maße, in dem in der Öffentlichkeit die Zweifel an Mehdorns Strategie der Globalisierung und Privatisierung des Konzerns wuchsen.
Der Bahn-Chef, kommentierte etwa die »Süddeutsche Zeitung«, wolle nicht wahrhaben, »dass die meisten Menschen in einem Eisenbahnunternehmen bis heute weniger einen erfolgreichen Dax-Konzern sehen als vielmehr einen Dienstleister, der auch Landbewohner und sozial Schwache gefälligst zu vernünftigen Preisen von einem Ort zum anderen zu befördern hat«.
Dünnhäutig reagiert Mehdorn, dessen bahninternes Kürzel »G« Spöttern zufolge für »Gott« steht, auf nervige Kritiker wie den seinerzeitigen Berliner Finanzsenator und früheren Bahn-Manager Thilo Sarrazin, der nicht verhehlt, dass er die Managementkünste des Bahn-Chefs für weit überschätzt hält.
Der SPD-Politiker steht, ebenso wie Direktoren von Max-Planck-Instituten und der Vorsitzende der Monopolkommission, der die Bundesregierung berät, auf einer geheimen schwarzen Liste. Über Sarrazin etwa heißt es darin: »Bekannter Bahn- und Mehdornkritiker ... Kürzlich aggressiver und inhaltlich anfechtbarer Artikel über das Bahn-Management.«
Als das Schnüffel-Netzwerk auffliegt, will Mehdorn von dem trüben Treiben nichts gewusst haben: »Der Vorstand beschäftigte sich schließlich auch nicht mit der Bestellung von Briefumschlägen.« Alles in allem, so blickt er am Abend des 30. März zurück, sei sein Jahrzehnt bei der Bahn »eine tolle Zeit gewesen - manchmal ein bisschen irre, immer aufregend«.
Sechs Wochen nach Mehdorns Rückzugsankündigung wird der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Müller eine ganz andere Bilanz ziehen: »Es ist der größte Mist über Jahre geschehen.« Und Mehdorns Nachfolger, der Ex-Daimler-Mann Rüdiger Grube, wird die alten Seilschaften kappen und ankündigen, vier Manager seiner Wahl in den Bahn-Vorstand zu holen - zwecks, wie er sich ausdrückt, »Neustart einer neuen Unternehmenskultur«.
JOCHEN BÖLSCHE