Manchmal ein schwieriger Freund
Rudolf Augstein ist tot; wir alle sind ärmer geworden: seine Familie, seine Freunde, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die vielen, vielen, die um seine Bedeutung für die innere Liberalität unseres Landes und seine offene Gesellschaft wissen.
Das gilt nicht nur für den Rudolf Augstein als Schöpfer und Inkarnation des SPIEGEL, es galt selbst für den Rudolf Augstein in der Gefängniszelle in Hamburg und Koblenz. Seine Verhaftung wurde zur Katharsis der deutschen Nachkriegsdemokratie. Wolfgang Döring hatte mir den Weg zu ihm geöffnet. Mit ihm saß ich zusammen, als die Nachricht von der Verhaftung Rudolf Augsteins kam. Wir fragten uns, was bedeutet das für unser Land und was hat die liberale Partei jetzt zu tun? Die leidenschaftliche Anklage Wolfgang Dörings im Deutschen Bundestag gegen Konrad Adenauer wurde zu einem liberalen Aufschrei und zu einer Sternstunde des Parlaments.
Nur zehn Jahre später stand ich mit Rudolf Augstein im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Im Wahlkreis Paderborn kandidierte er, nicht einmal verlässlich auf der Landesliste abgesichert, für den Deutschen Bundestag. Er scheute keine Mühe, nicht Sturm und Regen bei Veranstaltungen unter freiem Himmel und nicht die kleinste Versammlung, um seine Verantwortung als Kandidat für den Deutschen Bundestag zu erfüllen.
Hohn und Spott von Gegnern in den Veranstaltungen konnten ihn nicht entmutigen. Mehr schon die Eigengesetzlichkeiten einer Partei und Fraktion und ihrer wirklichen oder vermeintlichen Sachzwänge. Er verließ das Parlament, und das nicht einmal enttäuscht, wohl aber mit einer Portion Respekt vor der Arbeit der Parlamentarier und in der richtigen Erkenntnis, dass er als der Herausgeber und Autor des SPIEGEL für unsere Demokratie mehr bewirken konnte.
Uns blieb er ein kritischer Begleiter. Er hatte das Spannungsverhältnis zwischen Presse und Politik selbst erlebt und blieb gegenüber »seiner« Partei der unabhängige Publizist, gelegentlich auch der wohlwollende Kritiker, aber stets derjenige, der sein unabhängiges Urteil nicht verschwieg. Auch das wies ihn aus als einen großen Liberalen, der er für mich immer bleiben wird, ein Mann, der zur Freundschaft fähig und gleichwohl zur Kritik in der Lage ist, der mit scharfer Feder aufzeigt, was ihm missfällt, und der in Pastelltönen einen Rat geben kann, wenn er gesucht wird, wie ich das nicht nur einmal getan habe.
Seine Begegnung mit der Politik als Abgeordneter mag den Ausschlag gegeben haben, dass er mir später davon abriet, Herausgeber einer Tageszeitung zu werden, als ich zwar nicht mehr der Bundesregierung, wohl aber dem Deutschen Bundestag noch angehörte.
Am 23. April dieses Jahres sind wir uns zum letzten Mal begegnet. Bundespräsident Rau hatte ihn auf meine Bitte zu einem Abendessen eingeladen, bei dem er Freunde aus allen Bereichen um seinen Tisch versammelt hatte. Rudolf Augstein verabschiedete sich bald nach dem Essen, es war ein Abschied für immer.
Was bleibt, ist der Dank an den Freund - der manchmal auch ein schwieriger Freund war -, die Achtung vor einer großen Persönlichkeit der deutschen Nachkriegsgeschichte, vor einem Mann, ohne den unser Land anders aussehen würde - weniger frei und weniger offen. Es ist die Achtung vor einem Mann, der der Entspannungspolitik eine Gasse bahnte, der die Einheit unseres Landes stets wollte, der das laut und deutlich aussprach, als es darauf ankam, der das Denken in unserem Lande mitprägte. Das alles bedeutet viel.
Er hat dieses Land in einer ganz unprätentiösen Weise, in einem ganz immateriellen Sinne reicher gemacht. Das zählt, und das wird bleiben.
Hans-Dietrich Genscher, 75, war von 1974 bis 1992 Außenminister und ist seit 1992 FDP-Ehrenvorsitzender.