KANZLERBERATER Mann mit Narben
Wer war dieser Mann? Jude, Kommunist, Agent, Landtagsabgeordneter, Häftling in Berlin, Paris, Genf, Bautzen und Sibirien, Chefredakteur in Ost-Berlin und Bonn, Kanzlerberater und Parteitheoretiker? Leo Bauer - geboren 1912 in Ostgalizien -, war er der, zu dem ihn die rechtsradikale »Deutsche National Zeitung« machte: »Brandts Chefberater war Moskaus Spion«? Oder das, wofür ihn die »Welt am Sonntag« hielt: Sein »Lebensstudium war die Kunst des Staatsstreiches«?
Oder wollte er, so Willy Brandt, »die Welt einer neuen offenen Gesellschaft, die eine Welt der freien Menschen sein soll«? Was ist wahr?
Ist wahr, was der »Bayernkurier« ihm in seinen letzten Lebensmonaten in einer Verleumdungskampagne vorhielt? Ist wahr, wie Bauer sich selber sah - oder jetzt seine Biographen verurteilen?
Wahrheiten lassen sich biegen: Verwerflich etwa ist die Arbeit eines Spions, lobenswert die eines Kundschafters; und wer weiß Jahre später, ob jemand Spion, Agent, Idealist oder untergetauchter Parteifunktionär war? Urteile von Zeitgenossen, von Gerichten gar geben da nicht viel her. Auch diejenigen, die richten, folgen Zwängen: Sie richten sich nach ihrer Interessenlage.
Leo Bauer lebte ein kurzes deutsches Leben, angefüllt mit Schmerzen, voll mit Niedertracht, die ihm die Zeit zufügten oder Widersacher - und die er auch anderen beibrachte. Er erregte wie kein anderer Sozialdemokrat aus den Bonner Planungs- und Beraterzimmern Haß und Respekt. Auf Anerkennung folgten Angriff, dem Aufstieg jähe Abstürze - ein Leben lang.
Bauers Lebensweg zwischen den Fronten von Ost und West, die Karrieren eines Außenseiters, haben vier Autoren jetzt gemeinsam biographisch aufgezeichnet; _(Peter Brandt, Jörg Schumacher, Götz ) _(Schwarzrock, Klaus Sühl: »Karrieren ) _(eines Außenseiters. Leo Bauer zwischen ) _(Kommunismus und Sozialdemokratie 1912 ) _(bis 1972«. Dietz Nachf. Berlin Bonn; 359 ) _(Seiten; 39,80 Mark. )
und erstmals wird bei der Gelegenheit auch die kurze Geschichte der jahrelang parteipolitisch verteufelten Kontakte zwischen deutschen Sozialdemokraten und italienischen Kommunisten beschrieben, die Leo Bauer zwischen 1967 und 1971 im Auftrag Brandts eingefädelt und in aller Heimlichkeit gepflogen hatte.
Für alles Konspirative war der Sohn eines kleinen jüdischen Uhrmachers aus Skalat (Galizien) wie geschaffen. Der Vater ging 1914 nach Chemnitz, wo Leo während der Gymnasialzeit in die SPD-Jugendorganisation SAJ eintrat. Er verstand sich als Atheist; seine sämtlichen Verwandten, an die fünfzig, kamen in der NS-Zeit um.
1931 wechselte er von der SPD in die linke Splitterpartei SAP, ein Jahr später mit 20 Jahren in die KPD, wo er Funktionär im sogenannten Anti-Militaristischen Apparat wird - einer Parteiabteilung, die mit Beobachtung, Gesprächen und schwarzen Listen Parteischädlinge in den eigenen Reihen aufspüren soll.
Im »Bayernkurier« liest sich dieser Lebensabschnitt so, und es sind die kleinen Nuancen, die aus der Darstellung der Fakten die CSU-Wahrheit machen: _____« Bauer wurde am 18. Dezember 1912 in Sachsen als Sohn » _____« eines wohlhabenden Fabrikanten geboren, der in der » _____« Inflationszeit anscheinend verarmte ... Er will 1928 der » _____« SPD beigetreten sein ... 1931 (als) Mitglied der KP » _____« wurden ihm Sonderaufgaben übertragen, über deren Art er » _____« sich nicht äußert. »
Nach Hitlers Machtübernahme ist er selbst Schädling: Er wird, erster Konflikt mit der Obrigkeit, im März 1933 verhaftet und in ein KZ eingeliefert, aus dem ihn die Fürsprache eines nationalsozialistischen Klassenkameraden befreit (der Freund wird nach dem Röhm-Putsch 1934 erschossen). Ende 1933 emigriert Bauer über Prag nach Paris und trifft im Exil, Deckname Rudolf Katz, mit Kurt Funk alias Herbert Wehner, mit Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, Albert Norden zusammen - die im Dezember 1936 auf Einladung Heinrich Manns, gemeinsam mit anderen Gefährten zur Gründung einer Volksfront, »gegen die braune Zwangsherrschaft« aufrufen.
Bauer wird Referent der »Freundeskreise« der deutschen Volksfront, wie Willy Brandt, den er aber erst 20 Jahre - und viele Lebensabschnitte - später persönlich kennenlernt.
In Paris kümmert er sich um Hilfe und Organisation für die etwa 30 000 Flüchtlinge aus Deutschland, rückt zum Geschäftsführer der »Zentralvereinigung der deutschen Emigration« und zum Sekretär beim Völkerbundkommissar für deutsche Flüchtlingsfragen auf.
Nach dem Münchner Abkommen 1938 wechselt der Emigrant als Beauftragter des Völkerbundkommissars nach Prag; er soll den Abtransport von 3500 Flüchtlingen organisieren, die vor dem Zugriff der einrückenden Deutschen gerettet werden müssen. Der junge linientreue Kommunist verhilft vornehmlich Parteigenossen zur Flucht - und hintertreibt zuweilen die Hilfe für jene, die sich mit der Untergrund-KP überworfen haben. Die Wahrheit laut »Bayernkurier": _____« Bauer muß in teuflischer Weise seine Position als » _____« beigeordneter Sekretär beim Hochkommissar des » _____« Völkerbundes für deutsche Flüchtlinge in Prag mißbraucht » _____« haben ... Die Machenschaften von Bauer alias Katz wurden » _____« seinerzeit in der Emigrationspresse scharf gegeißelt. »
Der Mann, der in Prag über Menschenschicksale entschied, ist wenig später selbst Opfer: Zurück in Paris, wird er, am Tag vor Ausbruch des 2. Weltkrieges, verhaftet und in Lagern interniert,
wo er Luigi Longo kennenlernt, den späteren Generalsekretär der italienischen KP. Nach dem deutsch-französischen Waffenstillstand im Juni 1940 kann Bauer vor dem Zugriff der Gestapo mit Hilfe des Kommandanten aus einem Internierungslager nach Genf fliehen.
In der Schweiz organisiert er die illegale Arbeit der KPD; später wird bekannt, daß zufällig im Keller des Hauses, in dem Bauer wohnt, der ungarische Meisterspion Sandor Rado eine Funkstation unterhielt, über die er mit seiner Zentrale in Moskau kommunizierte. Bauer schließt Bekanntschaft mit dem amerikanischen Ex-Diplomaten und Abrüstungsexperten beim Völkerbund, Noel Field, der für eine US-Flüchtlingsorganisation arbeitet und als Kurier für Bauer die Verbindung zu KP-Gruppen in Frankreich hält.
Fields Chef war Robert Dexter, enger Mitarbeiter der von Allen W. Dulles (des späteren CIA-Chefs) in Bern geleiteten Europa-Filiale des US-Nachrichtendienstes OSS. Bauer erklärt sich zur Zusammenarbeit mit den Amerikanern gegen Hitler-Deutschland bereit, wird allerdings schon wenig später wegen »feindseliger Handlungen gegen das nationalsozialistische Deutschland« und wegen Militärspionage verhaftet. _____« Die Schweizer Behörden scheinen, als sie Bauer unter » _____« Spionageanklage vor Gericht stellten, einen wichtigen » _____« Umstand nicht gekannt zu haben: nämlich den Kontakt » _____« Bauers zu dem sowjetischen Profiagenten Rado ... » _____« Bauer-Freund und Sowjetagent Field stand mit Rado in » _____« Kontakt. Rado gehörte zu den gefährlichsten Berufsagenten » _____« der Sowjet-Union, die in der Schweiz operierten. » _____« (Bayernkurier) »
Zwei Jahre sitzt Bauer im Genfer Gefängnis, wird interniert und arbeitet dann kurz vor Kriegsende in der kommunistischen Bewegung »Freies Deutschland« als Redakteur mit. _____« In einem amerikanischen Bericht, der sich in einem » _____« Stahlschrank der Regierung Brandt befindet, wird Bauer » _____« als »einer der wichtigsten Männer des internationalen » _____« kommunistischen Spionagenetzes in der Schweiz« » _____« bezeichnet, der »bedenkenlos die schmutzigsten Aufträge » _____« ausführte ... Wichtiges Aktenmaterial ging von nun an » _____« seinen Weg nach Moskau«. (Bayernkurier) »
Im Juni 1945 kommt er nach Deutschland zurück, wird Mitarbeiter der »Frankfurter Rundschau«, hilft bei der Organisation der (legalen) KP in Hessen, wird deren Sekretär, wird für den Frankfurter Wahlkreis Westend ins verfassungsgebende Parlament und den ersten Landtag gewählt, ist Chef der KPD-Fraktion und gilt bei der SPD als einer der »klügsten, schlauesten und aktivsten Kommunisten« (so der damalige hessische SPD-Vorsitzende Wilhelm Knothe).
Doch die West-Karriere bricht im Oktober 1947 jäh ab, als Bauer auf einer seiner regelmäßigen Dienstreisen zur Berichterstattung in die Berliner KP-Zentrale in der Nähe von Eisenach schwer verunglückt. Er wird monatelang in der Ost-Berliner Charite behandelt; als er genesen ist, nach der Währungsreform, ist Deutschland geteilt.
Die SED betraut den West-Redakteur mit der Chefredaktion ihres neugegründeten Deutschlandsenders. _____« Bei Kriegsende wurde Bauer in Frankreich verhaftet, » _____« entkam später in die Schweiz und will dort »den Kampf » _____« gegen die Nazis« weitergeführt haben. Nach Kriegsende » _____« taucht er unter sonderbaren Begleitumständen wieder in » _____« Deutschland auf ... In Ost-Berlin wurde Bauer von » _____« führenden Genossen gefürchtet. Als er sein Amt bei dem » _____« Sender antrat, lief eine Säuberungswelle unter dem » _____« Personal an. Gleichzeitig funktionierte Bauer das » _____« westdeutsche Korrespondentennetz des Senders in eine » _____« Spionageorganisation um. (Bayernkurier) »
In der Ostzone gehört er zu den Privilegierten: eine Villa, ein Dienstwagen mit Fahrer, Dienstmädchen, Kindermädchen, Sonderrationen bei der Marken-Zuteilung; aber der Komfort währt nur kurze Zeit. Im September 1949 beginnt in Budapest mit einem Schauprozeß gegen hohe Funktionäre, darunter der ungarische Ex-Außenminister Laszlo Rajk, eine politische Säuberungswelle, die bald nach Ost-Berlin schwappt. (Rajk wurde erhängt und sieben Jahre später feierlich rehabilitiert.) In dem Prozeß geht es auch um die Personen Noel Field und Allen W. Dulles; der Kalte Krieg hat begonnen, die einstigen Verbündeten wenden sich gegeneinander.
Wenig später wird Bauer von Walter Ulbricht in einer Funktionärsversammlung als »Agent« beschimpft; auf dem dritten SED-Parteitag im Juli 1950 erklärt Wilhelm Pieck: _____« Der Rajk-Prozeß erbrachte den einwandfreien Beweis, » _____« daß die von Field geworbenen Agenten von Allen Dulles ... » _____« mit politischen Aufträgen betraut wurden ... Die Aufgabe » _____« besteht darin, die Wachsamkeit der Partei in dieser » _____« Hinsicht zu erhöhen und die trotzkistische Agentur aus » _____« unseren Reihen auszumerzen. »
Am 23. August 1950 wird Bauer aus der Partei ausgemerzt und verhaftet. Der Staatssekretär im Ministerium für Staatssicherheit, Erich Mielke, teilt ihm bei den Verhören mit, Bauer sei amerikanischer Agent der »Field-Clique«. Nach dreitägigem Geheimprozeß ohne Zeugen oder Verteidiger verurteilt ein sowjetisches Militärtribunal den Angeklagten wegen »konterrevolutionärer Tätigkeit« zum Tode durch Erschießen. Nach Stalins Tod wird er zu 25 Jahren Zwangsarbeit in Ostsibirien begnadigt. Mit deutschen Kriegsgefangenen, deren Freilassung Konrad Adenauer in Moskau ausgehandelt hat, kommt Bauer im Oktober 1955 in die Bundesrepublik. Field, nebenbei, wird 1954 in Ungarn rehabilitiert: Er war weder Agent für Washington noch für Moskau. _____« Bis zu seiner Verhaftung im Verlauf parteiinterner » _____« Machtkämpfe am 23. August 1950 gebärdete Bauer sich als » _____« loyaler Gefolgsmann Ulbrichts. Nach eigenen Angaben wurde » _____« er von den Sowjets zum Tode verurteilt, zu 25 Jahren Haft » _____« begnadigt, aber schon 1955 in die Bundesrepublik » _____« entlassen ... Nicht jeder von den Bolschewisten zum Tode » _____« verurteilte »Parteifeind« hat so viel Glück gehabt. » _____« (Bayernkurier) »
Bauer trat in die SPD ein - und stieß, als er in einem Artikel seinen komplizierten _(Oben: in Prag; ) _(unten: mit seiner Frau Herta 1949 in ) _(Warschau. )
Lebenslauf schilderte, auf heftigen Widerspruch: _____« Ein durch und durch verlogenes Agentenprodukt (der » _____« sozialdemokratische Politologe Richard Löwenthal, der » _____« sich später dafür entschuldigte). »
Lange Jahre kämpft er erfolglos um eine Haftentschädigung als Opfer des Stalinismus; als Opfer des Nationalsozialismus stellt er niemals einen Rentenantrag. Das unruhige Leben des Journalisten glättet sich, als er seit 1959 regelmäßig schreibt, zunächst bei »Quick«, später beim »Stern«. Mitte der sechziger Jahre kommt er in einen Freundeskreis zur Unterstützung Brandts, wird 1968 Chefredakteur der sozialdemokratischen Theoriezeitung »Die Neue Gesellschaft«, entwirft Reden für Brandt, Gustav Heinemann und Horst Ehmke.
Doch die rechten Medien in der Bundesrepublik beginnen eine Vernichtungskampagne, als Bauer 1967 im Auftrag des SPD-Vorstands politische Sondierungen bei den italienischen Kommunisten einfädelt. Die SPD, kleiner Regierungspartner in der Großen Koalition, verspricht sich von dem Draht nach Rom bessere Kontakte zu Moskau und Ost-Berlin, im Sinne der von Egon Bahr angeregten Politik der kleinen Schritte. Bauer trifft außer mit dem KPI-Generalsekretär Luigi Longo und dem heutigen Parteichef Enrico Berlinguer mit den Funktionären Carlo Galluzzi und Sergio Segre zusammen; es kommt zu mindestens 15 Begegnungen, deren erste geheimgehalten werden.
Die Kontakte zwischen den römischen Kommunisten und dem Bonner Renegaten gingen bis ins Detail: Die Italiener forderten eine Aufhebung des KPD-Verbots in der Bundesrepublik; Galluzzi und Segre erreichten in Sondierungen bei der SED deren Zustimmung zur Neugründung einer KP in Westdeutschland: Die DKP wurde 1968 gegründet.
Im März 1969 übermittelte Segre dem Bonner Bauer am Telephon eine sensationelle Prognose: Noch vor den deutschen Wahlen im September sei in der sowjetischen Politik gegenüber der Bundesrepublik »ein grundsätzlicher Wandel« zu erwarten. Berlinguer erläuterte zusätzlich, ein »neuer Kurs« stehe bevor: Die Entspannungspolitik, die deutsche Ostpolitik deuteten sich an.
Leo Bauer war nicht als Politiker dabei, aber als Zeuge einer historischen Situation, die er mit seinem schwierigen Schicksal ohnehin nicht hätte politisch gestalten können. Er stand nie im Mittelpunkt der Politik, war meist ihr Opfer.
17 Jahre nach dem Todesurteil zog der Mann, der wie wenige andere ein Leben lang Anstoß erregte, als Berater und Vertrauter Brandts ins Kanzleramt ein. Er fand auch dort mehr Gegner als Verständnis; und wie alle fetten Jahre im Leben des Leo Bauer waren sie nur kurz. _____« Die Bedenken ... gegen Bauer sind so schwerwiegend, » _____« daß es unerträglich ist, diesen Mann .. als » _____« einflußreichen Ratgeber des deutschen Bundeskanzlers zu » _____« belassen ... Das Risiko für Deutschland ist zu groß, zu » _____« viele Fragen harren einer Antwort. Dieser Mann muß gehen, » _____« Herr Bundeskanzler! (Bayernkurier) »
Leo Bauer, der Mann, der viele Wahrheiten herausforderte, starb 1972 an den Folgen der Krankheiten, die er sich in Gefängnissen und Lagern zugezogen hatte. Kurz vor seinem Tod konterte er einmal die Angriffe auf seine Person: _____« Wenn man zum Tode verurteilt ... wenn man sechs » _____« Monate in der Todeszelle gesessen hat und jede Minute » _____« darauf gewartet hat, erschossen zu werden, da gibt es ... » _____« wenige Dinge, die einen noch erschüttern können. Man ist » _____« engagiert, aber oft erwischt man sich dabei, daß man » _____« neben sich steht und zuschaut und fragt, ist das nicht » _____« alles etwas komisch, was ihr da treibt? »
Herbert Wehner wurde später sein Nachfolger bei der »Neuen Gesellschaft«. Er sagte in der Trauerrede über seinen Vorgänger: »Leo Bauers Seele hatte Narben.«
Peter Brandt, Jörg Schumacher, Götz Schwarzrock, Klaus Sühl:"Karrieren eines Außenseiters. Leo Bauer zwischen Kommunismus undSozialdemokratie 1912 bis 1972«. Dietz Nachf. Berlin Bonn; 359Seiten; 39,80 Mark.Oben: in Prag;unten: mit seiner Frau Herta 1949 in Warschau.