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Israel Maritimer Friedensfunk

Die »Voice of Peace« droht zu verstummen: Abi Natans schwimmende Radiostation ist am Ende.
• aus DER SPIEGEL 46/1992
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Geheimnisvoll meldet sich der Piratenfunk: »Wir senden von irgendwo im Mittelmeer«, verkündet der Sprecher vor dem Hintergrund heiseren Möwengekrächzes und dem Rauschen brechender Wogen. Der konspirativen Kennung folgt weiche Popmusik.

Die Wahrheit ist weniger abenteuerlich. Denn Radio »Voice of Peace« (Stimme des Friedens), das mit solch mysteriöser Ansage aufdreht, überträgt sein Programm zwar von hoher See, operiert aber an durchaus bekannter Stelle: Seit 19 Jahren sendet die Rundfunkstation von Bord des Peace-Ship, verankert gerade außerhalb der Dreimeilenzone, vor der Küste Israels und damit in bequemer Sichtweite von Tel Avivs mondäner Strandpromenade.

Jetzt freilich droht die Stimme des Friedens, die neben Appellen zur israelisch-arabischen Verständigung täglich 24 Stunden lang einen Klangteppich aus New-Age-Tönen, Oldie-Nostalgie und orientalischen Schlagern abstrahlt, zu verstummen: Wachsende Kosten für die 12-Mann-Crew aus Seeleuten und Diskjockeys, ein harter Verdrängungswettbewerb um die Gunst der Hörer und eine anhaltende Werbungsflaute haben das Radio ruiniert. Die Schulden summieren sich unterdessen auf eine halbe Million US-Dollar.

»Steigende Versicherungsprämien und teureres Dieselöl führten allein im Oktober zu einem Verlust von 70 000 Schekel«, klagt Radio-Chef Abi Natan, »wenn jetzt nicht schnell ein Wunder geschieht, muß ich das Friedensschiff verkaufen.«

Das Verhökern des 53 Meter langen Küstenfrachters wäre das Ende einer Legende: Der einst konkurrenzlos populäre Piratensender brachte nicht nur Israels biederes Staatsradio auf Trab; der maritime Friedensfunk war zugleich Sprachrohr und Propagandaorgan von Israels bekanntestem Friedensaktivisten, Abi Natan, 65.

Der ehemalige Pilot der britischen Luftwaffe, erfolgreicher Restaurant- und Galeriebesitzer, ist seit über 30 Jahren Vorkämpfer der Versöhnung mit den Arabern, selbsternannter Anwalt in Sachen Menschenrechte und humanitärer Hilfe mit Sinn für spektakuläre Selbstdarstellung.

Internationales Aufsehen erregte Natan, der im Iran geboren wurde und in Indien aufwuchs, erstmals im Februar 1966. Damals flog er mit seinem Flugzeug »Frieden Eins« ins verfeindete Nachbarland Ägypten: Die exzentrische Solo-Mission des ehemaligen Kampffliegers war der Anfang seiner Karriere als Friedensapostel.

Fortan warb Natan bei ausländischen Staatsoberhäuptern, bei prominenten Schriftstellern und religiösen Führern für seinen Nahost-Friedensplan und machte immer wieder mit phantasievollen Unternehmen von sich reden: 1975, gerade zwei Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg, versuchte er, die Ägypter vom Friedenswillen seiner Landsleute zu überzeugen, und transportierte 100 000 Blumen nach Port Said. Die Entspannungspolitik per Flower-Power mißlang, die Ägypter schickten den Israeli, bevor sein Schiff im Hafen ankern konnte, wieder zurück.

Erfolgreicher als solche skurrilen Versuche in persönlicher Diplomatie waren Natans Einsätze bei Katastrophen und Hungersnöten: Er organisierte private Hilfsaktionen, sammelte Geld und Sachspenden, entsandte Freiwillige in Notstandsgebiete.

Berühmt - und bei Israels Rechten berüchtigt - machten Natan jedoch seine Kontakte zur PLO: Der Israeli traf sich ein halbes dutzendmal mit Palästinenser-Chef Jassir Arafat. Die Treffen bewegten politisch nichts, brachten Natan aber zweimal hinter Gitter. Denn für Israelis sind Begegnungen mit Vertretern der PLO gesetzlich verboten - die Palästinenserorganisation gilt noch immer als terroristische Vereinigung.

Abi Natan brauchte zwar seine letzte Haftstrafe von 18 Monaten nicht voll abzusitzen - er wurde im März durch einen Gnadenakt von Präsident Chaim Herzog vorzeitig auf Bewährung entlassen. Seine Radiostation steht seitdem jedoch vor dem Ruin. Ohne Natan, der den Sender als Ein-Mann-Unternehmen führt, fehlte der gewiefte Manager. Seit dem Gefängnisaufenthalt ging die Zahl der Werbekunden drastisch zurück.

»Politische Motive« vermutet Natan hinter diesem Schwund und wittert einen gezielten Werbungsboykott: »Ich weiß, daß Agenturen von rechten und religiösen Extremisten unter Druck gesetzt wurden: ,Annonciert nicht bei Abis PLO-Sender!'«

Die finanziellen Dauersorgen haben den einst kämpferischen Natan mittlerweile erschöpft. »Ich bin nicht mehr jung«, meint der Friedensaktivist resigniert, »nach 20 Jahren habe ich es satt, hinter Werbegeldern für den Sender herzujagen.« Doch sich endgültig von seinem Lebenswerk zu trennen, Schiff und Sender zu verkaufen, tut ihm sichtbar weh.

Zumal das günstigste Angebot bisher von der verachteten politischen Konkurrenz kommt: Knapp eine Seemeile nördlich vom Peace-Ship dümpelt seit zwei Jahren das Schiff mit dem Sender »Band 7«. Dessen Betreiber, religiöse Zeloten und ultrarechte Siedlerverbände, würden nur zu gern die Sendeanlagen der »Stimme des Friedens« übernehmen.

Diese Möglichkeit allerdings schließt Abi Natan entschieden aus: »Lieber würde ich das Schiff versenken.«

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