Marjorie wird Mutter - DER SPIEGEL
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WOUK Marjorie wird Mutter

• aus DER SPIEGEL 45/1956
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Für die Summe von einer Million Dollar den höchsten Betrag, der bisher für die Verfilmungsrechte an einem Roman gezahlt wurde - sicherte sich die amerikanische Filmgesellschaft Warner Brothers kürzlich das neueste Buch des Schriftstellers Herman Wouk, »Marjorie Morningstar«

Seinen ungewöhnlich hohen Kurswert verdankt der Autor dem sensationellen Erfolg, den er vor einigen Jahren mit seinem Marineroman »Die Caine war ihr Schicksal« erzielte: Dieses Buch wurde in den Vereinigten Staaten in über drei Millionen Exemplaren aufgelegt, in 17 Sprachen übersetzt und erreichte im Ausland abermals eine Auflage von drei Millionen Exemplaren. Das nach dem Buch angefertigte Theaterstück - es war unter dem Titel »Meuterei auf der Caine« auch auf den Bühnen der meisten deutschen Theater zu sehen - erbrachte allein am Broadway einen Gewinn von etwa zwei Millionen Dollar, der nach dem Theaterstück gedrehte »Caine«-Film spielte sogar beinahe drei Millionen Dollar Überschuß ein.

Wouks Bestseller-Erfolg übertraf bei weitem die Erträgnisse, die zwei andere Amerikaner für ihre Kriegsbücher kassieren konnten: Norman Mailer für seinen Roman »Die Nackten und die Toten« und James Jones für sein Buch »Verdammt in alle Ewigkeit«. Nur »Vom Winde verweht«, die dickleibige Familienchronik von Margaret Mitchell, rangiert in der Erfolgsstatistik noch oberhalb der »Caine«.

Vier Jahre hatte Herman Wouk sich nach dem Erscheinen des »Caine«-Romans Zeit gelassen, bis er bei seinem Verleger ein neues Buch ablieferte: »Marjorie Morningstar«. Der Roman, der im Herbst des vergangenen Jahres bei Doubleday in New York erschien, ist im Oktober dieses Jahres - mit einem von Pablo Picasso gezeichneten Mädchenkopf auf dem Umschlag - auch in deutscher Übersetzung* herausgekommen.

Wouk hat sich auch diesmal keine poetischen Spekulationen gestattet, sondern seine Romangestalten wiederum in einem Milieu angesiedelt, das er aus eigener Anschauung kennt. Die Gebräuche und Lebensgewohnheiten der amerikanischen Kriegsmarine - das Panorama der »Caine« -Meuterei - hatte er im vergangenen Weltkrieg als Offizier auf einem Minenräumboot kennengelernt. Das Milieu strenggläubiger Juden in New York, aus dem »Marjorie Morningstar« stammt, ist dem Schriftsteller Wouk aus frühester Kindheit bekannt: Wouks Mutter ist die Tochter eines Rabbiners; wie sein Vater ist auch Sohn Herman orthodoxer Jude, der sich allen zeremoniellen Vorschriften seiner Religion strenggläubig unterordnet.

Im Umkreis der den alten Sitten fest verhafteten jüdischen Gemeinde in New York sind Wouk und seine Titelheldin groß geworden: Marjorie, ein gut gewachsenes und leidlich hübsches Mädchen, das im Einleitungskapitel nach Art nicht nur amerikanischer Durchschnittsmädchen von einer kometenhaften Filmkarriere träumt und seinen Familiennamen - ,Morgenstern« - jenem Zukunftsziel zuliebe ins Amerikanische übersetzt: sie nennt sich Marjorie Morningstar. Dieser Name, träumt Marjorie, werde bald auf Tausenden von Lichtreklamen ins Land leuchten.

Mit dieser Einleitung beginnt jene Geschichte, von der einige Kritiker argwöhnen, daß Wouk sie allzu simpel aus allen Elementen des möglichen Bestseller zusammenkonstruiert und sie gleichzeitig so gefaßt habe, daß sich der Romantext durch Streichungen ohne große Mühe in ein Theaterstück oder auch in ein Filmdrehbuch verwandeln lasse. Theaterluft und Mutterglück

Marjorie, durch ihren Anfängerinnen -Erfolg auf einer Liebhaberbühne verführt, beginnt eine Schauspielerlaufbahn in den Niederungen der Provinztheater, steht eine Liebesgeschichte mit einem - später erfolgreichen - Schlagerkomponisten durch und heiratet am Ende, von falschen Hoffnungen geheilt, einen bürgerlichen Mann, dem sie mehrere Kinder schenkt. Nachdem Wouk seine Heldin durch alle Milieus geschleppt hat, die bei der amerikanischen Filmindustrie in hohem Ansehen stehen die Welt der Theatergarderoben, amerikanische Schiffskabinen und europäische Luxushotels -, läßt er Marjories Lebensbahn auf eine lehrhaft-moralische Weise in ein Happy-End münden, das keineswegs weniger photogen ist. Marjories Schicksale lehren die jungen Amerikanerinnen, sich keinem falschen Ehrgeiz, keinen Träumen von einer Filmkarriere hinzugeben und sich nicht an einen windigen Erfolgskomponisten zu hängen. Das wahre Glück, lehrt Wouks Marjorie, liegt in bürgerlichen Mutterfreuden.

Da aber dieser beruhigende Lauf der Handlung kaum neuartige Sensationen bietet, hat sich Wouk eine von ihm bis dahin unerprobte Technik ausgedacht, um seine Leser bei der Stange zu halten.

Wouk schildert breit, was man in Amerika das »petting« nennt. Marjorie wünscht zwar, als Schauspielerin Karriere zu machen, aber sie widersteht lange Zeit jenen Auffassungen über die Liebe, die im Theater-Milieu zuweilen anzutreffen ist: Sie ist zwar, was Zärtlichkeiten anlangt, keine Spielverderberin, am Ende aber verteidigt sie ihre Jungfräulichkeit immer wieder gegen die Attacken ihres Freundes.

»413 Seiten lang«, so hat es ein amerikanischer Kritiker ausgedrückt, »wird das Problem von allen Seiten erörtert und beleuchtet, bis Marjorie schließlich fällt."In der deutschen, 736 Seiten umfassenden Ausgabe ereignet sich diese Episode sogar erst auf Seite 541. Wouk, fand die »Süddeutsche Zeitung«, halte seine Leser »fest am Knopf ihrer sündigen Begier«, ihres Interesses am Fortschritt der Liebesabenteuer Marjories.

Aller Respekt vor der präzise errechneten Bestseller-Konstruktion dieses Romans und auch das Zugeständnis, daß Wouk sein Buch sehr routiniert geschrieben hat, hinderten einige amerikanische Literaturkritiker allerdings nicht den Roman »Marjorie Morningstar« negativ zu beurteilen. Der Rezensent Horchler nannte den Inhalt eine »glatte und klebrige Romanze«, und William du Bois urteilte In der »New York Times«, daß Marjorie ihn »auf ihrer 736-Seiten-Reise von Mittelmäßigkeit zu Mittelmäßigkeit gelähmt und unbeeindruckt zurückgelassen« habe. Manfred George meinte sogar in der deutschsprachigen - jüdischen - New-Yorker Zeitung »Aufbau«, Wouks Buch sei »kein Fortschritt sondern im Grunde nur die schriftstellerische Selbstbefriedigung eines in sein Milieu Verliebten«.

* Herman Wouk: »Marjorie Morningstar«; Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg; 736 Seiten; 19,60 Mark.

Schriftsteller Wouk

»Klebrige Romanze«

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