MARKMANSHIP - DER SPIEGEL
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MARKMANSHIP

Von Rudolf Augstein
• aus DER SPIEGEL 49/1968
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

»Mögen sie uns hassen«, krähte man zu Wilhelms Zeiten, »wenn sie uns nur fürchten«; oderint, dum metuant! In zeitgemäßer Abwandlung traf »Bild« ins Schwarze der Gefühle: »Wenn wir schon manchem unserer Nachbarn eher unheimlich denn sympathisch sind, müssen wir wenigstens erfolgreich bleiben,«

War der Bonner Kongreß ein Erfolg? Nachträglich scheint es wohl an der Zeit, die bereitwillig gespendeten Lorbeerkränze wieder einzusammeln.

Im Rückblick erweist es sich wohl doch als schwerer Fehler aus unbesonnener Eitelkeit, eine Konferenz der ersten Garnitur nach Bonn einzuberufen, nur, um aller Welt zu demonstrieren, daß die Deutschen zwar Kredite zur Verfügung stellen, aber nicht aufwerten. Eine Aufwertung der Mark bei proportionaler Abwertung des Franc, beides etwa zu sechs Prozent, wäre nach dem Urteil der Währungsfachleute, nicht der Interessenten und Leidtragenden, durchaus diskutabel, wenn nicht sogar angebracht gewesen. Wollte Schiller aus politischen Gründen aufwerten, mußte er seine Brötchen still backen.

Statt dessen veranstaltete er seine Monstershow, nur um die Speere, die er auf sich gezogen hatte, lässig abzuwehren. Keine Mammutkonferenz wäre nötig gewesen, um Frankreich die erforderlichen Kreditmöglichkelten einzuräumen. Das hätten die Bankpräsidenten per Telephon erledigt, ohne Kampf-, Sieg- und Schlachtmalerei in den beteiligten Ländern. Daß gaullistische Minister nicht in der Lage sind, seriös zu verhandeln, wissen nun auch Schiller und Strauß aus eigener Erfahrung. Man fragt sich, was die vielen Minister und Präsidenten da drei Tage und zwei Nächte besprochen haben, wenn am Schluß über das Konferenzergebnis diametral entgegengesetzte Meinungen, etwa zwischen dem Franzosen Ortoli und dem Deutschen Strauß, unvereinbar stehenbleiben konnten.

Hatte es Sinn, den Franzosen einen deutschen Beschluß dirigistischen Zuschnitts vorweg zu präsentieren, und dann mit ihnen über die Natur ihrer eigenen Abwehrmaßnahmen gar keine Verständigung mehr zu suchen? Welches war dann wohl das Anliegen dieses Kongresses der deutschen Tüchtigkeit? Und wenn jetzt wieder Zwangswirtschaft in Europa einreißt, ist Bonn daran unschuldig?

Es stimmt, die Herren Engländer und Amerikaner haben sich ungezogen aufgeführt. Aber ebenso stimmt, daß die Modalitäten der Konferenz von den deutschen Veranstaltern auf das Echo in »Bild« abgestimmt waren: zwei miteinander rivalisierende Siegfriede auf Wacht für das Rheingold. Herr Schiller, der Konferenzvorsitzende, sicherte den Teilnehmern die unter Bankleuten übliche Verschwiegenheit zu, aber Herr Strauß ließ sickern, um sich selbst ins Licht und Herrn Schiller in den Schatten zu rücken.

Die Abwertung des Franc, die Herr Ortoli nicht ausdrücklich zugestanden hatte, eben um seiner Regierung Handlungsfreiheit zu sichern, Herr Strauß als Privatmann sah sie voraus. Daß Herrn Schillers eitles und langatmiges Dozieren einen Angelsachsen zu Kurzschlußhandlungen treiben muß -- der Gouverneur der Bank von England wollte schreiend aus dem Saal laufen -, kann sich ein deutscher Fernseh-Abonnent wohl vorstellen.

Herr Kiesinger, der Kanzler, hat seiner Inkompetenz in Fragen der Wirtschaft und Finanzen zu allem Überfluß noch drastisch Ausdruck verliehen. Er, von dem doch gar keine Führungsrolle erwartet wurde, begann, als das Rennen gelaufen war, wieder mit den Augen und dem Bizeps zu rollen, kündigte an, solange er Kanzler dieser Regierung sei, werde es keine Aufwertung geben.

Diese Regierung wird aller Voraussicht nach Im nächsten Herbst durch eine zweite Regierung Kiesinger abgelöst. Woher weiß der Kanzler, daß bis dahin die Aufwertung, und sei es im Zuge einer allgemeinen Neufestsetzung der Wechselkurse, nicht doch nötig werden wird? In welcher Lage wird eine deutsche Delegation sein, wenn man ihr entgegenhalten kann, sie tue das Notwendige nur deshalb nicht, weil der deutsche Kanzler sich so unklug festgelegt habe? Welcher Spekulant soll solch einem Spekulantenwort glauben? Schlimmer noch, dies De-Gaulle-Plagiat hat dem richtigen de Gaulle gar nicht mehr die Möglichkeit gelassen, stilvoll abzuwerten.

Alles in allem, eine Konferenz, deren national getönter Erfolg sich in einen Mißerfolg kehrt, wenn man sich den alten Lehrsatz vor Augen hält, daß jede unproportionale, auch nur scheinbare Stärkung des deutschen Potentials automatisch einen Anti- und Koalitions-Effekt bei sämtlichen Nachbarmächten hervorruft. »Bild«, selbst mehr Nachricht als Nachrichten verbreitend, gab das rechte Signal

und verwunderte sich: »Außerdem gewöhnen wir uns langsam daran, nicht geliebt zu werden, ganz gleich, was wir tun.«

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