HOCHSCHULEN Markt offen
Am Anfangs«, erinnert sich der Tübinger Anatomie-Ordinarius Michael Arnold, »war alles mehr eine Bierlaune.« Jetzt, nach achtjähriger Planungsarbeit, steht das Projekt vor der Verwirklichung: eine »Freie Medizinische Hochschule«, die erste private Universität der Bundesrepublik.
Gründen will sie der Hartmannbund« Standesorganisation von 30 000 Ärzten. Der Zeitpunkt, so die Bündischen, sei selten günstig: »Das politische Klima für die Errichtung unserer Hochschule hat sich überraschenderweise gebessert.«
Ursache der klimatischen Änderung ist laut Hartmannbund-Geschäftsführer Klaus Nöldner die Kassenlage bei den Kultusministerien. Studienplätze werden immer knapper, seit für staatliche Universitäten Ausbaustopps gelten, und für die Reform der Studiengänge fehlt es ebenfalls an Geld. Nöldner: »Der Staat liegt lahm auf Jahre. Und wir bieten eine Hochschule, die ihn kaum etwas kostet.« Die rheinland-pfälzische Landesregierung in Mainz zeigt sich denn auch schon interessiert: »Eine äußerst interessante Perspektive.«
Die Hoffnung auf zusätzliche Ausbildungskapazität durch die Hochschule des Hartmannbundes ist verlockend für christdemokratische Minister, die, anders als Sozialdemokraten und Gewerkschaften, ohnehin kaum etwas dagegen einzuwenden haben, daß Privatiers in den bislang staatlich monopoli-
* An der Universität Hamburg: im Sektionssaal.
sierten Universitätsbereich eindringen. Schleswig-Holsteins Kultusminister Walter Braun: »Der Markt für Bildung muß offen sein.«
Private Hochschulen, so argumentiert der bayrische Kultusminister Hans Maier, könnten sich ihre Studenten aussuchen. Sie könnten aber auch ein Studium bieten, wie man es an staatlichen Bildungsstätten längst nicht mehr finde: zugeschnitten auf den künftigen Beruf, ohne Überfrachtung mit überflüssiger Theorie, mit kleineren Lerngruppen und kürzeren Studienzeiten.
Genau daran orientiert sich bereits im hessischen Offenbach die Manager-Akademie »European Business School«, eine staatlich genehmigte Fachhochschule, die graduierte Betriebswirte entläßt. Ihr Direktor, Klaus Evard, plant die Errichtung einer wirtschaftswissenschaftlichen Schmalspur-Universität in Rheinland-Pfalz, an der Manager-Studenten auch promovieren können. Voraussetzung ist, daß Evard bei der Industrie drei Millionen Mark zusammenbringt, die ihm vom Mainzer Kultusministerium zur Genehmigungsauflage gemacht worden sind.
Vorbild für derartige Vielfalt der Bildungsstätten sind CDU-Politikern die USA, wo schon seit je staatliche Hochschulen mit Privat-Universitäten von Sekten, Kommunen und Konzernen konkurrieren und wo es gerade private Hochschulen wie Harvard, Yale und Princeton zu Weltruf brachten.
Andererseits liefert Amerika auch den Kritikern eines privaten Hochschulwesens in der Bundesrepublik Argumente. Seit Jahren, so betonen sie, schwinde der Einfluß privater Bildungseinrichtungen, weil sich die stark gestiegenen Kosten einer funktionstüchtigen Universität kaum noch über Mäzene finanzieren lassen. Selbst Harvard muß Schulden machen.
Am deutlichsten demonstriere die Gefahr einer von privaten Geldgebern abhängigen Universität jener Typ von Hochschulen, an denen das berufsorientierte Studium zwar vom künftigen Arbeitgeber bezahlt werde, von akademischer Freiheit und kritischem Geist jedoch nichts mehr zu spuren sei. »Ohne Begründung«, berichtete das US-Magazin »Newsweck«, »kann dort jeder gefeuert werden.«
Auf Ruhe und Ordnung vor allem spekulierte auch, wer sich bislang um Gründung einer privaten Universität in der Bundesrepublik bemühte. Mal wollten CDU-nahe Kreise, so in Stuttgart, eine konservative Elite-Hochschule etablieren; mal sollte, so in Pinneberg, der rechte Führungsnachwuchs für Unternehmen und Behörden gezogen werden -- Vorhaben, die wie viele andere scheiterten, weil Rückhalt in den Ministerien fehlte oder Geld. Arbeitgebersprecher Winfried Schlaffke: »Das ist alles so ungeheuer teuer.«
Statt wie die Planer der gescheiterten Projekte gleich tausend und mehr Studenten vorzusehen, beschränkt sich der Hartmannbund auf Minimaße: 50 Studienplätze, und zwar dort, wo bereits kommunale oder staatliche Krankenzentren bestehen, im bayrischen Kempten beispielsweise, im schleswig-holsteinischen Flensburg oder, favorisierter Standort, im rheinland-pfälzischen Koblenz.
Lehrplaner Arnold über das Ausbildungsziel: »Die Universität fördert unselbständige Mediziner, die nicht bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Was wir wollen, ist der Praktiker, der Landarzt.«
Im Vordergrund des Studiums soll deshalb beim Hartmannbund der Unterricht im Krankenhaus oder in örtlichen Praxen stehen. Die universitätsübliche Unterscheidung in klinische und vorklinische, eher theoriebezogene Studienabschnitte wird aufgehoben. Arnold: »Unsere Studenten sollen eher Arztlehrlinge sein.«
Finanzieren will der Hartmannbund seine Lehrstätte über eine Stiftung. Deren Kapital, rund 50 Millionen Mark, sollen die Mitglieder und die pharmazeutische Industrie aufbringen. Geschäftsführer Nöldner: »Kein Problem, wenn jeder, der 10 000 Mark spendet, ein Kind zum Studium schicken könnte.«
So leicht will es jedoch selbst der Mainzer Kultusminister Vogel dem Medizinerbund nicht machen. Die Ärzte-Uni soll nur dann genehmigt werden, wenn sie sich den gleichen Zulassungsbeschränkungen unterwirft, wie sie an staatlichen Universitäten gelten (siehe Interview).
Wer sein Kind trotz einer Zuwendung an den Hartmannbund nicht auf dessen Privathochschule unterbringt, kann seine Spende wenigstens noch bei der Steuererklärung absetzen. Die Gemeinnützigkeit des Stifterverbandes wurde jetzt anerkannt.