ARCHÄOLOGIE / LAOKOON Marmorsplitter
In dem italienischen Dorf Sperlonga, etwa hundert Kilometer südlich von Rom, rotteten sich vor einigen Tagen die Fischer zusammen. Sie drohten, einige Archäologen zu steinigen, die in der Nähe des Dorfes in einer Erdhöhle arbeiteten, oder mit Dynamit die ganze Höhle in die Luft zu sprengen.
Ursache ihres Zorns war keineswegs ein allgemeiner Verdruß über die Altertumsforscher, die mit winzigen Spaten, Stangen und Hacken im Boden herumwühlten. Vielmehr hatte sich im Dorf das Gerücht verbreitet, die Archäologen wollten »das Gehirn der Statue« entführen, deren Bruchteile kurz zuvor entdeckt worden waren.
Die Dörfler wollten lieber den Fund zerstören als zulassen, daß die Statue, von der sie sich eine kräftige Belebung des Fremdenverkehrs versprachen, an einen anderen Ort verbracht werde. Das aber war in der Tat der Plan des römischen Professors Giulio Jacopi, der die Grabungen in Sperlonga leitet: Nur in Rom, so meint Jacopi, könnten die etwa vierhundert Stücke und Splitter aus Marmor sinnvoll wieder zusammengefügt werden, die er mit seinen
Assistenten bis dahin in der Höhle ausgegraben hatte.
Jacopis Erklärung, daß nur die besten Archäologen mit der Zusammensetzung der Bruchstücke betraut werden dürften, ist ebenso richtig wie die Befürchtung der Fischer, daß ihrem Dorf durch den Abtransport des »Gehirns der Statue« eine Fremdenverkehrs-Attraktion ersten Ranges verlorengehen würde, Was die römischen Archäologen in der Höhle bei Sperlonga ausgegraben haben, bezeichnen sie nämlich als Bruchstücke einer der berühmtesten Plastiken der Antike: der »Laokoon-Gruppe«. Obwohl das Original der Gruppe einigen Autoren bisher als verloren galt, hat diese Plastik wie kaum eine andere die Geschichte und die Theorie der gesamten europäischen Kunst beinflußt.
Die italienischen Archäologen verdanken ihre Entdeckung der Aktivität des italienischen Staates im Straßenbau. In diesem Jahr war mit den Vorarbeiten für eine Küstenstraße begonnen worden, die dem Autoverkehr auch die südlichsten Gegenden der klassischen Landschaft Latium erschließen soll.
Da die Straße durch eine sogenannte archäologische Zone« führt - durch eine Gegend, in der bereits vor 2000 Jahren vornehme Römer ihre Landsitze angelegt hatten -, begleiteten Altertumsforscher die vorrückenden Straßenbauarbeiter. Die Forscher erwarteten, daß der an Altertümern reiche Kulturboden Italiens auch bei dieser Gelegenheit Zeugnisse antiker Kunst preisgeben werde. Die Erwartungen der Archäologen wurden übertroffen, als die Straßenbauer bei Sperlonga auf eine Grotte stießen, die sich als etwa fünfzig Meter breit und sechzig Meter lang erwies.
Im Innern der Grotte wurden die Reste einer Anlage entdeckt, die früher offenbar kunstvolle Wasserspiele ermöglicht hatte. Außerdem fanden sich dort Bruchstücke einer marmornen Monumentalstatue: ein Jünglingskopf, ein Schenkel, ein riesiger Fuß, Teile eines Schlangenleibes und etwa 400 weitere kleinere und größere Marmorsplitter. Die Lage der Funde ließ darauf schließen, daß die Statue früher im Mittelpunkt der mit Wasserspielen ausgestatteten Grotte gestanden hat; an den Ausmaßen der Bruchstücke war zu erkennen, daß die Statue Menschen in doppelter Lebensgröße dargestellt hatte. Vor allem die Art der Bruchstücke aber erweckte in Professor Jacopi, dem Leiter der Ausgrabungen, die Hoffnung, er sei auf das Original der »Laokoon-Gruppe« gestoßen. Diese Gruppe stellt den trojanischen Priester Laokoon und seine beiden Söhne dar, die von einer Zwillingsschlange getötet werden.
Der Kampf Laokoons mit der Schlange ist eine prominente Episode aus jenem Krieg um Troja, der in der antiken Mythologie eine beherrschende Rolle einnimmt. Da die Griechen das von ihnen belagerte Troja nicht einnehmen konnten, beschlossen sie auf den Rat des Odysseus, sich scheinbar zurückzuziehen. Vor den Toren Trojas ließen sie aber ein riesiges hölzernes Pferd - »das Trojanische Pferd« - zurück, in dessen Bauch sich griechische Krieger verborgen hielten. Sobald die Trojaner das Pferd als Trophäe in die Stadt hereingeholt hätten, sollten die griechischen Krieger aus dem Bauch des Pferdes klettern, die Wachen der Stadt überwältigen und dem Griechenheer die Tore öffnen. Den Berichten der antiken Mythologie zufolge gelang der Plan vollkommen.
Der einzige Trojaner, der seine Landsleute vor dem hölzernen Pferd gewarnt hatte, war der Priester Laokoon gewesen. Ein Teil der Götter stand jedoch in dem Streit zwischen Griechen und Trojanern auf seiten der Belagerer und wünschte daher, den für die göttlichen Pläne gefährlichen Laokoon zu beseitigen. Als Laokoon in der Nähe des Meeres ein Tieropfer zelebrierte, schwamm eine riesige Zwillingsschlange heran und stürzte sich auf die beiden Söhne des Priesters. Laokoon versuchte vergebens, seine Söhne zu befreien: Zusammen mit seinen Kindern wurde er von dem Seeungeheuer getötet. Wenige Augenblicke später holten die Trojaner im Triumph das hölzerne Pferd in ihre Stadt.
Daß der Kampf Laokoons und seiner Söhne gegen die Schlange von griechischen Bildhauern dargestellt worden war, ist aus Berichten antiker Schriftsteller bekannt. Der römische Autor Plinius der Ältere berichtet, er habe unter den Kunstschätzen des Kaisers Tiberius (Regierungszeit 14-37 nach Christi Geburt) eine Laokoon-Gruppe gesehen, deren künstlerische Qualität nach seiner Ansicht die aller anderen Werke der Bildhauerei überragte. Als Schöpfer dieses Kunstwerks machte Plinius die drei griechischen Bildhauer Agesander, Polydoros und Athenodoros namhaft, Künstler aus einer damals sehr berühmten Bildhauerschule auf der Insel Rhodos, auf der Kaiser Tiberius sich während seiner Jugend längere Zeit aufgehalten hatte.
Die Laokoon-Gruppe wurde dem römischen Kaiser, wie Plinius berichtet, vom Senat der Insel zum Geschenk gemacht - als ein Symbol für die Unterwerfung unter des Kaisers Oberhoheit. Das Bildwerk sollte ausdrücken, wie aussichtslos es sei, sich gegen göttlichen Ratschluß aufzulehnen: Die römischen Kaiser pflegten sich damals göttlicher Herkunft zu rühmen. Zudem ist die Entstehung des römischen Staates noch auf andere Weise mit dem Trojanischen Krieg verknüpft: Der römischen Mythologie zufolge ist Rom von Aeneas begründet worden, einem nach Latium ausgewanderten Trojaner, der als einziger Laokoons Warnung beherzigt und sich mit seiner Familie gerettet hatte. In den Plinius-Schriften, die erhalten geblieben sind, findet sich allerdings kein Hinweis darauf, wo der Schriftsteller die Laokoon-Gruppe gesehen hat. Nachweisbar dagegen ist, daß der Kaiser Tiberius sich zu irgendeiner Zeit in einer Grotte aufgehalten haben muß, die - wie Sperlonga - in der Nähe des Ortes Terracina liegt. Die römischen Autoren Sueton und Tacitus berichten, daß der Kaiser in einer solchen Grotte nur durch Zufall dem Tode entgangen sei. Von der Decke dieser Höhle habe sich ein Gesteinsbrocken gelöst Ein persönlicher Freund des Kaisers, Sejanus, fing - Tacitus zufolge - mit seinem Leib den herabstürzenden Brocken auf, um den Kaiser zu schützen.
Ebenfalls in einer verfallenen Grotte, in den römischen Trajansthermen, war im Jahre 1488 der Torso einer Laokoon-Gruppe aufgefunden worden, die seitdem in den vatikanischen Museen aufbewahrt wird. Das antike Meisterwerk inspirierte damals einige der bedeutendsten Künstler der italienischen Renaissance, Michelangelo und Raffael. Gotthold Ephraim Lessing nahm die Laokoon-Gruppe zum Anlaß für eine Untersuchung »über die Grenzen der Malerei und Poesie«; wobei er unter Malerei die gesamte bildende Kunst verstand. Seine Schrift ist bis heute ein Standardwerk der Ästhetik - der Theorie von der Kunst - geblieben. Die im Vatikan aufbewahrte Gruppe wurde von einigen Forschern für das Original gehalten, andere Forscher glauben jedoch, daß es sich nur um eine Kopie handelt.
Auch Professor Jacopi ist fest davon überzeugt, daß erst jetzt das Original der Laokoon-Gruppe entdeckt ist, obwohl die aufgefundenen Bruchstücke nahezu die dreifache Größe der Laokoon-Gruppe im Vatikan haben. In den vergangenen Tagen förderten die Archäologen nämlich in der Grotte bei Sperlonga einige Marmorstücke zutage, auf denen die Künstler ihr Signum eingemeißelt hatten Die Archäologen fanden zumindest zwei Namen der drei aus Rhodos stammenden Bildhauer, die Plinius in seiner ,Historia Naturalis' als Schöpfer der Laokoon-Gruppe bezeichnet. Die Forscher entzifferten »Athenodoros Sohn des Agesander« und »Agesander Sohn des Phanias«.
Als Professor Jacopi die Marmorstücke mit dem Signum der Künstler nach Rom schaffen lassen wollte, mußten Polizisten und Karabinieri den Transport vor den Angriffen der Fischer von Sperlonga schützen. Es sind aber nicht nur die Fischer, die fürchten müssen, durch Jacopis Maßnahmen eine Fremdenverkehrs-Attraktion zu verlieren.
Auch der Vatikan, in dessen Museen die Laokoon-Kopie aufbewahrt wird, ist möglicherweise besorgt, durch Jacopis Entdeckung Einbußen zu erleiden. In dem offiziellen Blatt des Vatikans, dem »Osservatore Romano«, erschien vor einigen Tagen ein Aufsatz, in dem die Echtheit des Sperlonga-Fundes angezweifelt wird. Der Verfasser des kritischen Artikels, der sich unter dem Pseudonym »Historicus« verbirgt, wendet gegen Jacopis Fund ein, es sei im ersten Jahrhundert vor Christi Geburt völlig unüblich gewesen, daß Bildhauer ihre Werke signierten.
Kopie der Laokoon-Gruppe: Episode aus dem Trojanischen Krieg