MASSLOS
Ihren Artikel »Maßstäbe gesucht« habe ich mit Interesse gelesen. Der schulmeisterliche Aberglaube, es gäbe in Kunstdingen gesicherte und verläßliche Maßstäbe, ist - nicht erst seit Lessing - eine deutsche Torheit. Nirgendwo in
der Welt wird so gern und so nutzlos über Maßstäbe geredet wie hierzulande.
Im Bereich des Films, der sich nur selten als Kunst gebärdet, und in der Beurteilung dieses Massenmediums existieren außer einigen Faustregeln filmischer Ästhetik und dem Regulativ des allgemeinen guten Geschmacks keine »Maßstäbe«, die sich zu einem festen Kanon erheben ließen. Denn gäbe es sie, so müßten wir nicht beinahe täglich über beinahe jeden Film die widersprüchlichsten Urteile aus dem Federn unserer professionellen Filmkritik lesen.
Ihrer gegen die Spruchpraxis der Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) gezielten Annonce »Maßstäbe gesucht« schließe ich mich im Sinne des Vorgesagten mit Vergnügen an, weil ich gar zu gern wissen möchte, wer, wenn nicht die Fachkritik, uns diese heißbegehrten »Maßstäbe« wohl liefern könnte. Ich leugne nicht, daß die Ausschüsse der Filmbewertungsstelle in den zehn Jahren ihres Bestehens das eine oder andere umstrittene Urteil gesprochen haben. Bedenkt man jedoch, daß die zweischneidige Wiesbadener Länder-Institution jährlich rund zweihundert Spielfilme zu begutachten hat, so sollte man fairerweise die Fehlleistungen im rechten Verhältnis zur Masse der allgemein akzeptierten Urteile sehen. Die umstrittenen Urteile, die Sie in Ihrem Artikel aufführen, verteilen sich über den Zeitraum vieler Jahre Wiesbaden
GERHARD PRAGER
Vorsitzendel der Film
bewertungsstelle Wiesbaden
Prager