NIEDERLANDE Mea tulpa, maxima
Damals flogen Steine. In den Gassen Amsterdams lieferten sich Demonstranten und Polizei eine Schlacht. Hoch droben, im königlichen Palast am Damm, stand die Prinzessin mit der Betonfrisur. Angst und Abscheu versteinerten ihr Gesicht, ungnädig sandten es die Fernsehkameras hinaus in die Welt.
Das war vor 20 Jahren, als bei der Inthronisierung der niederländischen Königin Beatrix Hausbesetzer Zoff und Randale machten. Unbotmäßige Untertanen hatten schon bei ihrer Vermählung mit dem Diplomaten Claus von Amsberg Rauchbomben geworfen; seine teutonische Abstammung hatte verstört.
Jetzt sieht das Volk wieder Anlass zu Widerborstigkeit gegen das Königshaus, denn einmal mehr passt der Stammbaum eines künftigen Oranje-Partners nicht in die Raster penibler Calvinisten-Correctness: Máxima Zorreguieta, 29, die Freundin des niederländischen Thronfolgers Prinz Willem-Alexander, 33, hat einen Vater, der während der blutigen Videla-Diktatur in Argentinien dem Regime diente.
Bis zu 30 000 Menschen verschwanden damals in den Lagern der Todesschwadronen. Die Schergen der argentinischen Diktatur wüteten besonders unter dem Landvolk, jenem Sektor, für den Jorge Zorreguieta als Landwirtschaftsminister verantwortlich war.
Zwar verfügt des Prinzen Herzensdame, eine Bankerin, über jede Menge Hollandkompatibler Eigenschaften. Sie hat blondes Haar, sie ist tüchtig, und die niederländische »Big Brother«-Gesellschaft freute sich eigentlich auf eine märchenhafte Hochzeit in der Kutsche. Auch eilt der »swingenden Königin« ein Ruf als heißblütige Partytänzerin voraus. Doch seit vergangener Woche müssen sich nun niederländische Generalstaatsanwälte mit einer Anzeige gegen ihren Vater wegen Folter und Verbrechen gegen die Menschlichkeit befassen. Kommt die Anklage vor Gericht, wird aus dem royalen Society-Event ein Polit-Drama bei Hofe.
Regie führt dabei Maarten Mourik. Der frühere Unesco-Botschafter, der von deutschen Nazis als Zwangsarbeiter verschleppt worden war, betreibt die gerichtliche Klärung von Zorreguietas Vergangenheit und hat dabei den »nachdenklichen Teil« der niederländischen Gesellschaft hinter sich. Für den angesehenen Diplomaten machte sich Máximas Vater schon allein durch seinen Dienst für die Militärdiktatur mitschuldig: »Ich will nicht, dass durch die Hintertür ein faschistischer südamerikanischer Macho Einfluss auf unsere Gesellschaft bekommt.« Wenn Willem-Alexander die schöne Argentinierin heiraten wolle, dann müsse er eben auf den Thron verzichten. Auf Mouriks Stimme wird in den Niederlanden gehört.
Sterbehilfe, Haschcafés, Feuerwerksfabriken mitten im Wohngebiet und »Big Brother«, das alles mag im Land der Tulpen und Tomaten angehen. Gegenüber seinen Institutionen jedoch zeigt sich das experimentierfreudige Volk erzkonservativ - mea tulpa, maxima. Leserbriefschreiber und Leitartikler machen sich seit längerem Gedanken über den Einbürgerungskurs für Máxima. Andere verlangen ein Bekenntnis zur niederländischen Demokratie und die Distanzierung vom Vater. Entzückt wie über die ersten Worte eines Babys reagierten Fernsehzuschauer Ende November dennoch auf den ersten öffentlichen Satz der Dame, den sie auf Niederländisch einem Klatschreporter entgegenhielt. Er lautete ganz schlicht: »Ich sage nichts.«
Noch beobachtet die angehende Prinzessin die niederländischen Bedenkenträger aus erzwungener Ferne. Diskrete Kräfte sorgten dafür, dass es bei ihrem Umzug von New York nach Europa mit einem Job bei der Amsterdamer Filiale der Deutschen Bank nicht klappte. Seit Beginn letzten Jahres arbeitet die Aktienhändlerin deshalb in der Brüsseler Niederlassung der Bank und blickt schon mal auf einen Königspalast - den belgischen.
Die jetzt in Den Haag eingereichte Strafanzeige gegen ihren Vater, die von der deutschen Menschenrechtsanwältin Britta Böhler in Amsterdam im Auftrag von Mourik verfasst wurde, belegt zwar keine direkte Beteiligung des Argentiniers an den Blutbädern; sie lenkt aber den Blick auf das Zusammenwirken zwischen den zivilen Ministern und den für Terror und Folter verantwortlichen Militärs.
In rund 340 geheimen Todescamps (so die Anzeige) verschwanden damals die Widersacher des Videla-Regimes. Die »nationale Reorganisation« des Diktators basierte auf Wirtschaftsreformen vor allem im Interesse der agrarischen Großgrundbesitzer - Jorge Zorreguieta hatte ihnen zuvor als Sekretär im Landeigentümerverband gedient, bevor er als Linientreuer 1976 erst zum Staatssekretär und 1979 dann zum Landwirtschaftsminister berufen wurde. Auffällig sei auch, so die niederländischen Anzeigensteller, dass immer gerade jene Bauern verschwanden, die sich mit Zorreguietas Politik nicht einverstanden zeigten.
Der argentinische Ankläger Julio Strassera, der in den achtziger Jahren die damaligen Juntageneräle strafrechtlich verfolgte, stellte seinerzeit fest: »Jeder wusste, was los war, jeder, der einen Teil davon ausmachte, war mitverantwortlich und sollte deshalb angeklagt werden.«
Die niederländische Strafanzeige beruft sich jetzt auch auf die neuere, völkerrechtliche Rechtsprechung vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal. Es sieht die bloße Duldung des Terrors durch Regierungsverantwortliche als Straftat an.
Nach der niederländischen Verfassung müssen sowohl die Regierung als auch beide Parlamentskammern einer Heirat im Königshaus zustimmen. Die Rechte der Royals könnten bei einer Skandalhochzeit schnell in Frage stehen. Sie hoffe nicht, diesem Mann jemals die Hand schütteln zu müssen, giftet die Parlamentsvorsitzende Jeltje van Nieuwenhoven.
Regierungschef Wim Kok hat sich auf dramatische Parlamentsstunden eingestellt. Kok-Sprecher Eef Brouwers: »Wenn uns das Königshaus um Zustimmung fragt und wir das Parlament um dieselbe fragen müssen, werden wir auf alle Antworten gut vorbereitet sein.« Der niederländische Geheimdienst hat schon Recherchen in Argentinien angestellt. SYLVIA SCHREIBER