Hausmitteilung Medwedew
Datum: 11. Juli 1983 Betr.: Medwedew Wie es um Jurij Andropows Gesundheit bestellt ist, darüber kann (und muß) einstweilen nur spekuliert werden. Wer der Mann an der Spitze des Sowjet-Imperiums, der sich vor Ankunft des deutschen Bundeskanzlers krank melden ließ, wirklich ist und wie er zum Nachfolger Breschnews wurde, darüber ist jetzt Genaueres zu erfahren. Eine neue SPIEGEL-Serie über Breschnews Endzeit und Andropows Aufstieg beginnt in diesem Heft: »Andropow: Der Mann aus dem Kosakenhof«, Seite 86.
Der Autor der Serie ist so prominent wie kompetent. Der Russe Schores Medwedew, 58, hatte sich als Biologe bereits international einen Namen gemacht, als ihm 1969 sein Buch »Der Fall Lyssenko« Weltruhm und Verfolgung in der Sowjet-Union eintrug.
Das im Westen veröffentlichte Buch beschrieb eines der finstersten Kapitel stalinistischer Wissenschaftsknebelung. Medwedew wurde in eine psychiatrische Anstalt gesperrt, aus der ihn erst massive Proteste von Kollegen und anderen Intellektuellen, darunter Solschenyzin, befreiten. 1973 durfte er nach England ausreisen, im selben Jahr wurde ihm die Sowjet-Staatsbürgerschaft aberkannt. Seither arbeitet er als Genetiker am Londoner »National Institute of Medical Research«.
Seither auch schreibt der Naturwissenschaftler Bücher und Artikel über Sowjet-Themen jenseits seines Spezialgebiets. Daß er sich in ihnen stets als wohlinformiert, als ein vertrauenswürdiger Ost-Experte ausweisen kann, hat wohl auch einen familiären Grund: Schores Medwedew ist Zwillingsbruder des Historikers Roy Medwedew, der die erste russische Geschichte des Stalinismus geschrieben hat. Auch sie erschien im Westen, 1971. Aber Roy blieb in Moskau, eine Art loyaler, legaler Dissident. Bruder Schores steht nach wie vor mit ihm in Brief- und Telephonkontakt.
In seinem neuem Buch »Andropow - Der Aufstieg zur Macht« kann Schores Medwedew zitieren, was er schon 1979 in einem Zeitungsartikel zur Breschnew-Nachfolge voraussagte: Für den damals von vielen Kreml-Deutern favorisierten Tschernenko, so schrieb er vor vier Jahren, »erwarte ich nicht viel Unterstützung«. Medwedew: »Ich vermute, daß Andropow größere Chancen hat.«