Mehr als Soldaten und Nazis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 112 / 121

Briefe

Mehr als Soldaten und Nazis
• aus DER SPIEGEL 51/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mehr als Soldaten und Nazis

Nr. 49/2002, Zeitgeschichte: Debatte in Großbritannien über Sinn und Unsinn des Bombenkriegs gegen Hitler-Deutschland

Über den Bombenkrieg gegen deutsche Städte kann man geteilter Meinung sein, sollte dabei aber nicht vergessen, welche immense Schuld Deutschland - und nicht nur ein paar einzelne Nazis - zu diesem Zeitpunkt schon auf sich geladen hatte, man denke nur an Coventry. Aber 47 Jahre nach dem Krieg und nachdem Deutschland als Partner Englands längst eine stabile Demokratie geworden war, dem Massenmörder Arthur Harris ein Denkmal zu setzen, kann man nur als Gipfel der Geschmacklosigkeit bezeichnen. So verliert man gewonnene Kriege wirklich nachträglich - moralisch!

MÖHNESEE (NRDRH.-WESTF.) DR. WILFRIED STOLL

Die Realität zeigt doch immer wieder, wie weit wir im Jahre 2002 tatsächlich von einem vereinten Europa entfernt sind. Solange zwei Nationen nicht neutral und ohne aufzurechnen, was nicht aufzurechnen ist, miteinander über das Leid und den Schrecken des Zweiten Weltkriegs diskutieren können, hilft uns auch das ganze Geschwätz über Globalisierung et cetera nicht weiter. Es geht nicht darum, dass sich die Deutschen jetzt in einen Opferkult flüchten wollen, es geht einfach um die Akzeptanz, dass die Deutschen in der Zeit von 1933 bis 1945 nicht nur aus Soldaten und Nazis, sondern auch aus Vätern, Müttern und Kindern bestanden. Diese brüllten nicht »Marsch« und »Achtung«, als ihre Liebsten verbrannten, sondern das, was alle Menschen in ihrer Sprache schreien, wenn ihnen solches Leid widerfährt.

GROß-UMSTADT (HESSEN) MATTHIAS RÖDLING

Fünfzig Jahre nach der Zerstörung von Dresden berichtete eine jüdische Bürgerin von ihrem Gefühl der Genugtuung, als sie damals mitten im Inferno das brennende Gestapo-Gebäude erspähte. Das bedeutete nämlich, dass ein bevorstehender Transport nach Auschwitz ausfallen würde. Dabei war es ihre eigene Stadt, die brannte. Für ihre Haltung kann man doch Verständnis aufbringen.

BERLIN JOHN MANNING

Indem England und die USA ganz bewusst die Kriegsführung auf die Zivilbevölkerung ausdehnten, haben sie sich eines Verbrechens gegen die Menschheit schuldig gemacht. Die Statuten, die sie für die internationalen Militärgerichtshöfe in Nürnberg und Tokio formulierten, müssten gegen sie selbst greifen, auch wegen Hiroschima und Vietnam. Aber wer siegt, hat Recht. Was aber wirklich traurig stimmt, ist, dass nach all den Jahren nie ein offizielles Wort der Entschuldigung an Deutschland gerichtet wurde. Solange man aber in Deutschland, England und den USA dieses Thema nicht normal austragen kann, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, die Taten der Nazis zu verharmlosen oder die Freundschaft zu den USA in Frage zu stellen, so lange werden Bücher wie dieses nötig sein.

DRESDEN PETER BRANDL

Ich hatte keinen Hass auf die Bomberpiloten, ich nahm den Bombenhagel gottergeben hin wie ein besonders schweres Unwetter. Ich ertrug fast alle Luftangriffe auf Berlin und somit auch den schwersten und verheerendsten Angriff am Samstag, dem 3. Februar 1945. Meine Jugendfreunde wurden von den Bomben erschlagen oder verbrannten. Trotzdem hätte ich lieber, bis in alle Ewigkeit, dieses sinnlose Gemetzel hingenommen - als den Russen in die Hände zu fallen! Aber das ist ein ganz anderes Kapitel. Kriegsentscheidend waren die Terrorangriffe bestimmt nicht. Wem nützten sie schlussendlich? Der Kriegsindustrie, gestern wie heute.

MÜNCHEN BRUNO LEHMANN

Zur Ausgabe
Artikel 112 / 121

Mehr lesen über