NAHOST Mein Recht
Einmal hatte Flugkapitän Ahmed Munib die Gelegenheit ausgeschlagen, an einem historischen Ereignis teilzunehmen.
Munib, damals persönlicher Pilot von Anwar el-Sadat, hatte sich geweigert, das Flugzeug zu steuern, mit dem der Präsident am 19. November 1977 als erster arabischer Staatschef nach Tel Aviv flog. Sadat feuerte ihn.
Jetzt kam der Flieger doch noch zu historischem Ruhm. Denn er war es, der die Boeing 737 der Egypt Air, mit den vier palästinensischen Schiffsentführern und dem PLO-Führer Abu el-Abbas an Bord, auf dem Nato-Stützpunkt Sigonella in Sizilien aufsetzte, niedergezwungen von US-Kampfflugzeugen.
Welches Recht es sei, das hier gelte, hatte Munib nach der Landung den amerikanischen Kommandanten gefragt. »Mein Recht«, habe der erwidert.
Die Frage und die Antwort, wiedergegeben in ägyptischen Zeitungen, machten Flieger Munib in seinem Heimatland zum Helden des Tages. Lächelnd hängte ihm Präsident Husni Mubarak eine Auszeichnung um: den ägyptischen Verdienstorden zweiter Klasse, »für Tapferkeit in einer schwierigen Lage«.
So hoch in den USA die Begeisterung über den gelungenen Entführungscoup schäumt, so sehr fühlt sich Ägypten - und darin sind sich alle Kreise der größten arabischen Nation einig - gedemütigt und verraten. Paradoxes Ergebnis: Zwei Präsidenten, Amerikas Ronald Reagan wie Ägyptens Husni Mubarak, haben es zum ersten Mal in ihrer Amtszeit geschafft, ihre ganze Nation hinter sich zu scharen - wegen eines Zwischenfalls, dessen außenpolitische Folgen noch nicht abzuschätzen sind.
Ausgerechnet im Augenblick seines größten Triumphes, getragen von einer Woge patriotischer Zustimmung, machten Ronald Reagan und mit ihm Millionen seiner Landsleute eine offenbar überraschende Erfahrung: Was gut ist für Ronald Reagan - und vielleicht auch für Amerika -, kann selbst engen Verbündeten schaden. Sein daheim so gerecht anmutender Schlag gegen den Terrorismus wirbelte die ohnehin verworrene Szene in Nahost durcheinander und schuf neue Fronten.
In Ägypten gingen Studenten gegen Reagans Akt der »Piraterie« gleich zu Tausenden auf die Straße, Marokkos König Hassan sagte einen USA-Besuch ab - und Reagans Landsleute verstanden die Welt nicht mehr. Hatte der Präsident nicht den Ägypter Mubarak letztlich vor der Peinlichkeit bewahrt, die Mörder des US-Bürgers Leon Klinghoffer straffrei davonkommen zu lassen?
»Es ist schon merkwürdig«, sinnierte laut ein führender Republikaner, »statt zu feiern, quälen wir uns wieder mit Schuldgefühlen, fragen uns, was wir möglicherweise hätten anders machen sollen, um diese Folgen zu vermeiden.«
So nachdenklich reagierten nur einzelne. Amerika zeigte vor allem Empörung über die schnöden Freunde, die den USA die Siegesfreude verderben wollten. Wie konnte ausgerechnet Mubarak es wagen, von Ronald Reagan eine »Entschuldigung« zu verlangen - da doch die USA sein Land jährlich mit 2,35 Milliarden Dollar Wirtschafts- und Militärhilfe vor dem Bankrott bewahren?
Schon verlangte der republikanische Kongreßabgeordnete Bill Green aus New York, die Zahlungen an Ägypten drastisch zu kürzen. Reagan selbst hatte auf Mubaraks Verlangen nach einer Entschuldigung nur ein Wort: »Niemals.«
Die Ungeniertheit, mit der die Amerikaner ihre Finanzhilfe an Ägypten mit der Erwartung besonderen politischen Wohlverhaltens verknüpfen, hat nicht nur die Politiker in Kairo tief verstimmt.
Vielen Ägyptern ist zum ersten Mal klargeworden, in welche Zwänge die offizielle Politik der ausgestreckten Hand hineinführen kann. »Wir wollen eure Dollars nicht«, schrien ägyptische Studenten in Kairo auf der Straße. Und Scheich Ali Gad el-Hakk, geistlicher Führer des sunnitischen Islam, forderte die Ägypter auf, härter zu arbeiten, mehr zu produzieren und überflüssige Ausgaben zu vermeiden. »Helft mit«, mahnte er, »das Land von der Hilfe zu befreien.«
Dabei wollte Mubarak die USA noch um eine Aufstockung ihrer Leistungen ersuchen. Jetzt überlegen die Ägypter, wie sie sich aus anderen Quellen versorgen könnten - wohl ohne fündig zu werden.
Reagans Husarenstück hat dafür gesorgt, daß in Ägypten, wo die religiösen Fundamentalisten ohnehin schon auf _(Bei der Ordensverleihung vergangenen ) _(Mittwoch in Kairo. )
dem Vormarsch sind, jene Ultras gestärkt werden, die eine Abkehr vom Westen predigen.
Noch ist in Ägyptens Alltag von Fremdenhaß wenig zu spüren. Aber die Wut gegen Israel und Amerika wächst, entlädt sich auch schon mal in Aufruhr und Gewalt. Der amoklaufende ägyptische Polizist, der vor kurzem im Sinai sieben israelische Touristen erschoß, wird von manchen Ägyptern inzwischen geradezu verehrt.
US-Botschafter Nicholas Veliotis forderte seine rund 9000 in Kairo lebenden Landsleute auf, sich von großen Plätzen und anderen Orten der Zusammenrottung fernzuhalten. Aber: Selbst bei Demonstrationen sind bisher keine US-Bürger zu Schaden gekommen.
Vergangenen Mittwoch erörterte Präsident Mubarak mit den Vorsitzenden der fünf Oppositionsparteien die Lage. Einen Antrag der linken Sammlungspartei und der sozialistischen Arbeitspartei, die Beziehungen mit den Vereinigten Staaten und Israel abzubrechen, verwarf der Staatschef. Ibrahim Schukri, der greise Vorsitzende der Arbeitspartei, hatte zuvor schon die »Boykottierung aller amerikanischen Waren« und den Rauswurf der Botschafter Israels wie der USA gefordert.
Mubaraks Gratwanderung zwischen dem Westen und den radikalen Kräften in der arabischen Welt ist noch ein Stück schwieriger geworden: Einerseits muß der Präsident, wenigstens nach außen hin, ein Stück von Washington abrücken; andererseits muß er auch weiter an seiner Politik des inneren Ausgleichs festhalten, wenn er nicht den Extremisten in seinem Land die Macht überlassen will.
Zwar verlangen einstweilen nur die radikalsten Heißsporne, sich von den USA völlig loszusagen. Daß es aber unter den gegenwärtigen Umständen zu einer umfassenden Nahost-Friedenslösung kommen könne, halten ägyptische Politiker für nahezu ausgeschlossen. »Wer wagt denn jetzt noch den Frieden«, fragte die Kairoer Tageszeitung »El-Gumhurija«, »nachdem die Vereinigten Staaten gegen das einzige Land vorgegangen sind, das mit Israel einen Friedensvertrag unterschrieben hat?«
In mindestens zwei Staaten der Region, die dem von Mubarak unterstützten Friedensplan des jordanischen Königs Hussein und des PLO-Chefs Jassir Arafat tief mißtrauten, löste der Gesichtsverlust des Ägypters unverhohlene Schadenfreude aus: in Israel und in Syrien. In den USA brachte Israels Premier Schimon Peres seine Genugtuung zum Ausdruck: »Ich bin froh, daß dies geschah, bevor Verhandlungen begannen. Jeder erzählte uns, die PLO habe sich gemäßigt. Wir fingen schon an zu denken, kann ja sein, kann ja sein. Aber dann wurden wir wieder auf die unangenehme Wahrheit zurückgestoßen.«
Israels Version der Wahrheit - daß die PLO eine unverbesserliche Terroristenorganisation
sei und ihr Chef Arafat doppeltes Spiel treibe - bestätigte sich jedenfalls für die USA mit dem Ablauf der »Achille Lauro«-Entführung.
Und Präsident Assad in Damaskus half nach Kräften mit, den PLO-Chef in Verruf zu bringen. Mit einer für ihre Bürokratie ungewöhnlichen Schnelligkeit sorgten die Syrer dafür, daß die Leiche des ermordeten Leon Klinghoffer nach Rom geflogen wurde. Sie war von der syrischen Marine in der Nähe der Küste gefunden worden. Klinghoffers Körper wies zwei Schußwunden auf - Hinweis darauf, daß die Gefolgsleute Arafats den Amerikaner wirklich getötet hatten. Das hatten die gegenüber ihren italienischen Vernehmern bis dahin abgestritten.
Die Israelis wiederum legten eine weitere Spur von den Entführern zu Arafat: Sie veröffentlichten den Tonbandmitschnitt des Sprechfunkverkehrs zwischen dem Arafat-Vertrauten Abu el-Abbas und den Tätern. Daß Abu el-Abbas der eigentliche Drahtzieher des Unternehmens gewesen sei, war damit freilich immer noch nicht erwiesen.
Auch auf Jordaniens König Hussein kann Arafat nicht mehr zählen. Hussein ist tief verärgert, daß ein palästinensisches Mitglied einer jordanisch-palästinensischen Delegation in London in letzter Minute Bedenken hatte, einen Text zu unterzeichnen, der schon vor mehreren Wochen in Amman ausgearbeitet und von allen Beteiligten akzeptiert worden war. Darin hätten die beiden Palästinenser nur in vager Form das Existenzrecht Israels anerkennen müssen - die unerläßliche Bedingung, um überhaupt an der nahöstlichen Friedenssuche beteiligt werden zu können.
Ein Treffen mit dem britischen Außenminister und seinen EG-Kollegen in Luxemburg stand auf dem Programm; der nächste Schritt hätte, vielleicht, Washington ins Spiel gebracht. Arafat wäre damit seinem Ziel nähergekommen, sich als respektabler Politiker aufzuwerten.
Das ist vorbei, der Hussein-Arafat-Plan hat vorerst keine Chance mehr. In Kairo haben Regierungspolitiker inzwischen die Hoffnung aufgegeben, zusammen mit den Amerikanern eine Friedenslösung erarbeiten zu können, solange Ronald Reagan Präsident in Washington ist.
Derweil sollen die ägyptisch-amerikanischen Gemeinsamkeiten auf ein Minimum reduziert werden. Auf die Frage, ob es auch in Zukunft gemeinsame Militärübungen mit den Amerikanern gebe, pflegen ägyptische Offiziere heute laut zu lachen.
Auch Washingtons Diplomaten machen sich daran, den Flurschaden zu sichten. Ein Beamter des Außenministeriums: »Wir dürfen es nicht dahinkommen lassen, über die ''Achille Lauro'' einen Krieg mit unseren Freunden zu beginnen.«
Bei der Ordensverleihung vergangenen Mittwoch in Kairo.